Göttliches Mysterium – Viele Konfessionen und Eine Religion

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Göttliches Mysterium

Im Zuge der Globalisierung rücken die Kontinente und unterschiedlichen Kulturen des Planeten Erde enger denn je zusammen. Wir erleben heute eine enorme Pluralität der Symbole und Strukturen, Praktiken und Wertvorstellungen. Wenn wir aber zu den tieferen Dimensionen der Spiritualität vordringen, können wir am Urgrund der Menschen einen dynamischen Prozess der Harmonie wahrnehmen.

In allen Konfessionen, die unterschiedliche Prägungen, Rituale und tradierte Gesetze haben,

geht es letztlich um das Heil, d.h. um ein Ganzwerden, um die Harmonie des Endlichen mit dem Unendlichen, auf die hin das menschliche Leben angelegt ist. Gerade diese Erfahrung des ganzheitlichen Heils, diesen Zugang zur göttlichen Ur-Quelle, suchen die Menschen heute.

An der innersten Ur-Quelle sind alle Menschen unterschiedslos religiös, d.h. verbunden mit dem ewigen Seinsgrund (lat.: religio = Rückanbindung), dem unsterblichen Teil des Lebens.

Oft ist es so, dass unsere Gefühle, Ideen, Meinungen, Gedanken, Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten unserer mentalen Struktur (lat.: mens, engl.: mind) die Wirklichkeit des Geistes (lat.: spiritus, engl: spirit) verdunkeln, seinen Platz einnehmen, seine Existenz übersehen lassen können.

„Jeder Mensch ist heilig und geistig unsterblich!“
(Dom Bede Griffiths O.S.B.)

„Gottes Tempel ist heilig, und der seid Ihr!“
(1 Korinther 3, 17)

Das wertvollste Opfer (lat.: offere = darbringen) besteht im Heiligmachen (lat.: sacrificium, sacrum facere, engl.: sacrifice).

Indem ich mich selbst dem Göttlichen in mir anvertraue, setzte ich einen Heilungs- und Heiligungsprozess in Gang.

Das griechische Wort „hólon“ (das Ganze) weist auf die Quelle und den Ursprung von Heil- und Heiligsein hin (engl.: whole, holistic, holy).

Jeder Mensch ist ursprünglich heil und heilig; er ist selbstverant-wortlich, den Kontakt, die Verbindung zu seinem innersten Heilig-tum aufrechtzuerhalten. Selbstverantwortung ist das ständige Hin-horchen auf den unsterblichen Wesenskern, der in jedem Menschen tief verankert ist. Der Weg dorthin führt über die Bewusstwerdung des Seins, der kosmischen Wirklichkeit.

Das oft missverstandene Wort „Opfer“ ist die Aufgabe unseres Egos zugunsten einer kontemplativen Erfahrung im Urgrund meines Wesens. Dieser Weg führt über die Wandlung (Transformation) zur Kommunion (gemeinsames Eins-Werden) und Kontemplation (mit dem heiligen Tempel Gottes – „cum templo“ – in mir in Verbindung kommen).

Jeder Mensch ist autorisiert, sich selbst heilig zu sprechen.
Diesen Prozess nenne ich „Selbst-Heiligung“ (engl.: Self-Holification“).
Das Ur-Wesen, die Ur-Essenz, das Ur-Sein des Menschen ist Eins-Sein und nicht Trennung.

Diese wesentliche Selbstheilungskraft heißt bedingungslose Liebe – und Liebe ist Leben. Liebe kann nur in der Gegenwart, im Zentrum des Lebens erfahren werden und ist nicht projizierbar auf Vergangenheit und/oder Zukunft.

Das Gegenteil von Liebe sind Angst und Furcht.

In der tiefsten Quelle bekommt das Sehen, die Theorie (griech.: die Wesensschau) eine neue Qualität.
Die lateinischen Worte dies (Tag) und deus (Gott) hängen etymologisch eng miteinander zusammen. Dies = der helllichte Tag – Deus = das Licht in der Welt. Sanskrit: Dyau = Glanz, Göttlichkeit, Region des reinen Lichts.

Mein Auge und das Auge Gottes schauen ein und dasselbe, wie der Mystiker Meister Eckhart sagt. Das „Ich bin“ leuchtet uns schließlich als das Licht des reinen Bewusstseins auf, und dieses Licht absorbiert völlig das reflektierte Licht unseres denkenden und wahrnehmenden Geistes. Diese Wirklichkeit des Reinen Bewusstseins ist von Natur aus ewig.

Nicht-Wahrnehmen ist nur eine Ausflucht,

die man vorgibt, weil man versucht, vor dem Wirklichen zu fliehen und mit klarem Bewusstsein ein Schein-Leben des Gebets, der Frömmigkeit und sogar der Askese zu führen. Das ist zweifellos für das Ego recht befriedigend, aber tatsächlich führt es zu nichts. Geht die Sonne denn schon dadurch unter, dass ich die Fensterläden schließe? Das grundlegendste Hindernis für die Wahrnehmung ist gerade die Vorstellung, dass man auf diese Wahrnehmung noch warten muss.

Der bedeutendste Lehrsatz aus der Chandogya-Upanishad, einer der Lieblingstexte meines Meisters Bede Griffiths, heißt: „Tat Tvam Asi“ (Sanskrit: „Das bist Du“). Das Absolute ist mit Dir wesenseins. Der Schüler muss das Ewige, Unwandelbare erfahren und erkennen, dass er weder Körper noch Denken ist, sondern geburtloses, todloses, absolutes Bewusstsein, jenseits aller Dualität.

Die Bilder, die wir als Persönlichkeit von uns selbst haben,

sind uns als Spiegelbilder unserer sozialen Beziehungen zugekommen, anerzogen oder eingeredet worden, und sind nichts anderes als wechselnde Vorstellungen unseres Gedankenflusses. Hinter all dem findet der Akt unseres Daseins statt. Ohne ein Objekt im Sinn zu haben, müssen wir unsere innere Quelle aufspüren.

Unser „Ich bin“ steigt auf – nicht als Gegenstand –, sondern als Ursprung allen Seins. Das Sein meines Seins – die ewige Wirklichkeit. Dieses „Ich bin“ ist im Gegensatz zum Gegenstand „Instand“ – ein inständiges Gebet. Instand kommt von lat.: instare = innen stehen. Jede Instanz hat stets eine innerliche Dimension und Wirkung, und hat streng genommen von außen keinen Einfluss.

„Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt Göttliches uns entzücken?“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Einheit in der Vielfalt

In der Vielfalt der Konfessionen (lat.: confessio = Bekenntnis) ist eine tiefe Einheit der Spiritualität vorhanden, weil alle Konfessionen letztlich aus dem einen göttlichen Ursprung entstehen. Der alle verbindende universale Geist waltet in den Herzen aller Menschen, und die eine göttliche Liebe verbindet sie alle. Intellektuell-theologische Ansichten und Anweisungen sind für den religiösen Weg eher hinderlich.

Jesus Christus war weder ein Theologe noch ein Gelehrter. Er war ein Mensch, der mit sehr viel Liebe und Barmherzigkeit einen Weg zu Gott, zum Gipfelpunkt des Lebens, aufgezeigt hatte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in der Finsternis!“

Heilung im Hintergrundfeld

Jesus war kein Heiler, aber er hatte im Sinne des heutigen Verständnisses der Quantenphysik die Potentialität für ein Heilungsfeld geschaffen. Die Heilung, in welchem Ausmaß auch immer, geschieht in einem wirkungsträchtigen Hintergrundfeld, dem man sich vertrauensvoll zuwenden kann, und zwar völlig erwartungsfrei. In der paradox klingenden „absichtsvollen Absichtslosigkeit“ liegt das Geheimnis.

Jesus war und blieb Laie. Auch stammte er nicht aus einem priesterlichen Hause. Die ersten christlichen Gemeinden waren Laiengemeinschaften, die sich Brüder und Schwestern nannten. Sie gaben den Aufgaben in der Gemeinde schlichte Bezeichnungen: Diakon = Diener, Bischof = Verwalter, Kassenwart (von episkopus = darauf sehen, auf etwas aufpassen.) Dies waren Laiendienste und keine Ämter, schon gar keine Berufe.

Kein Amt in der Kirche lässt sich auf Jesus zurückführen.
In der Theologie ist man sich einig darüber, dass Jesus keine Kirche gründen wollte. Deshalb kann er auch unmöglich eine bestimmte Struktur dieser Kirche gewollt haben. Er hat das Königreich Gottes verkündet – mehr nicht. 

Jesus rief Frauen und Männer in Seine Nachfolge. Seine Nachfolger kennen weder Ämter noch Privilegien: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener, und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht – so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen sondern zu dienen.“ (Matthäus 20, 26)

Religion ist Gestalt und Ausdruck der Spiritualität

Spiritualität, die Teilnahme am Atem des Universums, ist die Tiefendimension der Religion. Wenn wir in diese tiefen Schichten eindringen, können wir drei Grunderfahrungen feststellen:

Das Göttliche Mysterium – keine männliche Dominanz

In allen Konfessionen gibt es das Grundgespür für das Unfassbare des göttlichen Geheimnisses. Obwohl ständig versucht wird, das Göttliche in vielfältigen Namen und Formen darzustellen, bleibt es letztlich namen- und formlos. Eine Grundüberzeugung des israelischen Volkes war und ist, sich kein Gottesbild von Jahwe zu machen (Levitikus 19, 4).

Im Hinduismus wird der göttliche Urgrund als Brahman bezeichnet, das ewig Transzendierende, das Unfassbare. Buddha war von dem Geheimnischarakter der letzten Wirklichkeit so betroffen, dass er ihr keinen Namen geben konnte; darum wird das Absolute im Buddhismus als Leere (Sanskrit: Sunyata), als Nichts aufgefasst.

Es geht hier nicht um das Verneinen Gottes, sondern um das Ergriffensein durch das Absolute.

Die Mystiker aller dieser Religionen versuchten, die Dimension der Unfassbarkeit des göttlichen Mysteriums im religiösen Bewusstsein wachzuhalten.
In den hinduistischen Traditionen erscheint das eigentlich formlose Göttliche (Nirguna Brahman) in vielfältigen Formen, um den Menschen die Erfahrung der heilenden und rettenden Nähe Gottes erfahrbar zu machen.

Obwohl im Buddhismus von einem personenhaften Gott nicht die Rede ist, erstrahlt aus dem Abgrund der Leere das Licht, das in Buddha zum Durchbruch kam und alle Menschen zum letzten Heilszustand (Nirvana) führt. Es geht in allen Konfessionen um den personalen Ausdruck des transpersonalen Seinsgrundes. So wird Gott zum Du im religiösen Bewusstsein der Gläubigen, und daraus entfalten sich viele Formen der Gottesverehrung.

Der Geist des Universums

Der kosmische Wesensgrund ist alles durchdringender Geist in der Welt – dies ist eine universale Erfahrung der Konfessionen. In den heiligen Schriften aller Kulturen finden wir eine gemeinsame Aussage: Gott in allem sehen und alles in Gott sehen. Für die Juden ist Jahwe der Gott in ihrer Mitte, der Gott, der mit dem Volk geht. Nach der christlichen Offenbarung inkarnierte sich das in allem als Leben und Licht vorhandene Wort Gottes in Jesus Christus.

Der Geist Gottes wirkt in allen Bereichen des Lebens, um die neue Schöpfung hervorzubringen (Johannes 1, 4; 2 Korinther 5, 17). Im islamischen Glauben ist die Barmherzigkeit Gottes unter den Menschen wirksam, um sie ständig auf den Heilsweg zu führen. Im Hinduismus ist Gott, „das, woraus alles entsteht, wodurch alles besteht und worin alles eingeht“ (Taitirya Upanishad 3, 1).

Der ganze Kosmos ist daher der Leib Gottes (Bhagavad Gita 11).

Der Buddhismus bezeugt, dass die heilende Wirkung des inneren Lichts, das in Buddha erschien, weiterhin in allen Herzen heilend erstrahlt. Bei den Urvölkern wird der Alles durchwaltende Geist angesprochen. Insofern Gott so in allen Konfessionen als der gestaltende Geist erlebt wird, bekommt das menschliche Leben einen neuen Sinnhorizont und eine tiefere Verantwortung.

Die daraus folgende ethische Grundhaltung wird ausgedrückt in:

  • Vertrauen (Judentum)
  • Liebe (Christentum)
  • Gehorsam (Islam)
  • Selbst-Hingabe (Hinduismus)
  • Mitgefühl (Buddhismus)

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Göttliches Mysterium – Viele Konfessionen und Eine Religion

01.09.2019
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph & Publizist; ETYMOSOPHIE – Spirituelle Sprachforschung
www.watchful-wisdom-walking.de

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