Theodizee – der Ruf nach Gottes Gerechtigkeit

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Theodizee-himmel-taube-sonne-lightTheodizee – der Ruf nach Gottes Gerechtigkeit

Halt an, wo läufst Du hin,
der Himmel ist in Dir.
Suchst Du Gott anderswo,
Du fehlst ihn für und für.
(Angelus Silesius)

Der seit Februar 2013 emeritierte Papst Benedikt XVI. hatte nach 9 Jahren erstmals wieder seine oberbayerische Heimat besucht. Mit einem italienischen Militärflugzeug und einem Betreuungsteam landete der altersschwache 93-jährige Joseph Ratzinger am 18. Juni 2020 auf dem Münchner Flughafen und wurde mit einem Sanitätsauto ans Krankenbett seines 96-jährigen Bruders Georg, ehemaliger Domkapellmeister und Chef der Regensburger Domspatzen gebracht.

Die Brüder, die im Jahr 1951 gemeinsam im Dom von Freising zu Priestern geweiht wurden, sind in ihrem etwas fragwürdigen Gottesglauben innerlich sehr verbunden. Am 23. Juni 2020 wurde Ex-Papst Benedikt XVI. vor seinem Rückflug vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (evangelisch-lutherisch) verabschiedet.

Täglich erleben wir an den Fernsehschirmen die gewaltigen Krisenherde auf dem Planeten Erde:

Krieg, Zerstörung, Macht, Hass, Ungerechtigkeit, unsagbares Leid.
Der Ruf nach Gottes Gerechtigkeit wird zur Zeit überall vernommen. Die anmaßenden Forderungen des Menschen, ER möge helfen und eingreifen, können nicht erfüllt werden. GOTT ist weder ein männliches noch ein weibliches Wesen mit einer Personalstruktur. Die meisten Menschen beten und verehren ein Götzenbild.

Papst Benedikt XVI. stellte bei seinem Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz im Mai 2006 die unverschämte Frage: „Wo warst Du, Gott?

Immer wieder wird das von Theologen bis heute ungelöste Problem der Theodizee (die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens der Menschen) diskutiert. Für die meisten Menschen ist der Widerspruch zwischen dem Glauben an Gott und dem Sinnverlust, der mit dem Leiden verbunden ist, nicht zu verstehen. Wie kann ein allmächtiger und gütiger Gott das Böse in der Welt zulassen, warum müssen wir leiden?

Bereits der griechische Philosoph Epikur (341 – 270 v. Chr.) hat sich verzweifelt mit dem göttlichen Paradoxon beschäftigt. Der deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) versuchte, das Böse, den freien Willen des Menschen und die Rechtfertigung der Schöpfung in Einklang zu bringen. Von ihm stammt der Begriff Theodizee.

Wer auf dem mystisch-spirituellen Pfad Erfahrungen hat,

weiß sehr genau, dass Gott weder eingreifen muss, noch eingreifen kann. Seine All-Macht liegt auf einer Ebene, die jenseits unserer Machtvorstellungen liegt.

Man kennt das klassische Beispiel aus den Kriegen der Vergangenheit: Waffen wurden sogar von Priestern gesegnet, und man betete für den Sieg über den vermeintlichen Feind. Und die Gegenseite tat das Gleiche.

Gebete französischer katholischer Priester gegen die Gebete deutscher Priester u.a.. Welches dieser Gebete sollte Gott erhören? ER kann es nicht. Genau aber das möchten viele Menschen noch heute: sie beanspruchen Gott für sich exklusiv und weisen anderen eine geringfügigere Teilhabe an der göttlichen Wirklichkeit zu.

Die Amerikaner sind stolz auf die plakative Beschriftung ihrer Dollarnoten:

In GOD we trust“. Und diese erbarmungswürdige Person „GOTT“ wird ständig missbraucht, um jeden nur menschlich denkbaren Akt zu rechtfertigen. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bekannte öffentlich, dass Gott ihm eingegeben hätte, den Krieg im Irak zu führen. Kein Aufschrei gegen diesen Größenwahn eines Machtbesessenen! Wir lassen die Zerstörung des göttlichen Paradieses auf Erden zu. Es hat mit unseren Gedanken zu tun.

Gebete werden gen Himmel geschickt wie nie zuvor, und jeder erbettelt sich irgendeine Segnung von oben.
Waffen werden gesegnet, Munitionsfabriken feierlich eingeweiht – schließlich sind die Beschäftigten rund um den Geschäftsbereich „Krieg & Verteidigung“ potentielle Kirchensteuerzahler.

Und was meint GOTT dazu, der gar nicht befragt wird?

ER schweigt. Denn ER bleibt unbeweglich, voller Heiterkeit und Gelassenheit in seinem ureigentlichen Zentrum, im Hier & Jetzt, brav zu Hause. Wer angekommen ist, muss nirgendwo mehr hin.

Gott, wie auch immer wir das Ur-Sein bezeichnen wollen (Fons & Origo, Quelle & Ursprung, Brahman, Nirvana, Tao u.a.), lädt uns ständig zur kostenlosen Heimkehr in unser eigenes inneres Zentrum ein. Die Distanzierung von der Peripherie der Sensationen, wo Kriege geführt werden und Wettbewerbskämpfe stattfinden, ist ein schmerzlicher Prozess.

Wie hat der berühmte bayerische Komiker und höchst geistreiche Karl Valentin so treffend gesagt?:

„Ich will jetzt mal nach Hause gehen
und nachschauen, ob ich überhaupt da bin.“

Mensch werde wesentlich!

Angelus Silesius
(1624 – 1677)

„Mensch, werde wesentlich;
denn wann die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg,
das Wesen, das besteht“.

„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
Und nicht in Dir, so bleibst Du ewiglich verloren.“

(Angelus Silesius,
Der Cherubinische Wandersmann)

Vom Griechischen: „myein“ (= sich Augen und Mund schließen lassen) abgeleitet, meint Mystik das „Eingeweihtwerden“ in einen Weg, der die „unio mystica“, die wesenhaft erfahrene Eins-Werdung des menschlichen Selbst mit der göttlichen Wirklichkeit, zum Ziel hat.

Mystik ist Religion im tiefsten Sinne, aber nicht Konfession.

Mystik entsteht innerhalb vorhandener Glaubenssysteme zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung, nämlich dann, wenn deren tradierte Offenbarungsformen zu erstarren beginnen und dem religiösen Leben nur ungenügend Nahrung bietet. Genau an diesem Punkt befinden wir uns heute.

Der Mystiker unternimmt den großartigen Versuch, Unendlichkeit bereits im Endlichen zu erfassen und zu beschreiben.

Mystik und Scholastik verfolgen dasselbe Ziel: das Eins-Werden des menschlichen Bewusstseins mit dem Wesen Gottes; aber während die Scholastiker dieses Ziel erst im jenseitigen Leben für erreichbar halten, will mystische Gotteserfahrung die Überschreitung aller verstandesmäßigen Vermittlung schon in dem nicht-dualen Bereich von Diesseits und Jenseits , von Innen- und Außenwelt ermöglichen.
Mystik ist nicht an konfessionelle Grenzen gebunden.

Johannes Scheffler (Angelus Silesius)

wurde am 25. Dezember 1624 in Breslau geboren. Studium der Medizin in Leyden und Studium der Schriften Jakob Böhmes, Jan van Ruysbroecks und anderer Mystiker. In Padua Promotion zum „Dr.phil. et med.“. Am 12. Juni 1653 trat der Lutheraner Scheffler in der Breslauer St.-Matthias-Kirche zur römisch-katholischen Kirche über und erhielt den Namen Johannes Angelus.

Um Verwechslungen mit dem 1608 in Darmstadt gestorbenen gleichnamigen lutherischen Theologen Johannes Angelus zu entgehen, fügte Scheffler fortan in seinen Schriften die Bezeichnung „Silesius“ (der Schlesier) an. Die Konversion Schefflers erregte großes Aufsehen.

Als Hauptgrund für diesen Schritt dürfte man die Enttäuschung über die starre Haltung der lutherischen orthodoxen Geistlichkeit ansehen, wie sie in dem ausgesprochenen Publikationsverbot zum Ausdruck kam.

In zahlreichen Rechtfertigungsschriften versuchte Angelus Silesius seinen Konfessionswechsel zu begründen. Wichtiger für das Verständnis des mystischen Denkers sind jedoch die Textformen, die auch seinen literarischen Ruhm („Der Cherubinische Wandersmann“ u.v.a.) begründen: prägnante Sinnsprüche, Epigramme, auf wenige Zeilen komprimierte, pointierte Paradoxa, geschliffene Aussagen in These und Antithese.

Hier tritt uns das Grundproblem mystischen Denkens in überzeugender Form gegenüber:

das Bedürfnis, anderen die eigenen inneren Erfahrungen mitzuteilen, stößt an die Grenzen der Ausdrucksfähigkeit und Mitteilbarkeit. Widersinn wird so zum Sinn.

Widersprüche werden nicht nur aufgezeigt, sondern sie haben einen Hinter-Sinn, der den Weg zur Einheit weist, die hinter den Dingen steht. Durch Krankheit gezeichnet, vereinsamt und verbittert lebte Angelus Silesius bis zu seinem Tode am 9. Juli 1677 im Kreuzherrenstift von St. Matthias in Breslau.
Nicht heilig gesprochen.

Roland-Ropers-Grafik-watchful-wisdom-walking30.06.2020
Roland R. Ropers
Kultur- & Sprachphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit
www.watchful-wisdom-walking.de


Über Roland R. RopersRoland-Ropers

Roland R. Ropers geb. 1945,
Kultur- & Sprachphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit
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