Gerechtigkeits – Skepsis und was ist Gerechtigkeit?

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Gerechtigkeits Skepsis und was ist Gerechtigkeit?

Globalisierung, weltwirtschaftliche Probleme, Klimawandel und demographische Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass neben Fragen innerstaatlicher sozialer Gerechtigkeit auch die nach Generationengerechtigkeit und nach einer gerechten Weltordnung nun mehr und mehr in den Vordergrund rücken.

Armut, Hunger und die brutale Ausbeutung der Erde zeigen deutlich Missstände für jedermann auf. Politiker unabhängig welchen Landes, Partei und Glaubenssystems, sind – sobald sie die Sprossen der Macht erklommen haben – einer eigenverantwortlichen, verbindenden gesellschaftlichen Gerechtigkeit scheinbar entbunden. Deutliche Zeichen eines weit verbreitenden Willens zur eigenen Vorteilsnahme sind eindeutige Zeichen für Gerechtigkeitsverfall und Krise einer Gesellschaft. Erstaunlicherweise nimmt der zum Untertanen erzogene Bürger dieses bis zu einem bestimmten Grad hin.

Jeder betrügt ein bisschen mehr oder weniger. Wer will da schon einen Stab brechen. Betrug, Lügen, Schummeln zwecks Vorteilsnahme ist ein verbreiteter Sport einer breiten Öffentlichkeit. Einziges Credo, man darf sich nicht erwischen lassen. Dass dies als Instrument letztlich nur den Eliten nützt zur Mehrung ihres Einflusses, Vermögens, der Macht, ist offensichtlich. Das Verhalten dieser öffentlichen Repräsentanten folgt letztlich einem versteckten Sozialdarwinismus. Durch ständige Anpassung sich als der fitteste, intelligenteste, begabteste zu präsentieren. Um das erstrebte Ziel zu erreichen. Das sogenannte politische Überleben und damit verbundene Handlungen machen dies deutlich. Was interessiert das Geschwätz von gestern.

Der Politiker ist nur noch sich selbst und seiner Partei verantwortlich und dem Wirtschaftssystem, das je nach Lage der Dinge diese stützt. Wer sich nicht anpasst schafft sich selbst ab. Auf diese Art schaffen sich nicht nur einzelne Politiker, Parteien ja selbst die Gerechtigkeit ab. Zum Wohle eines übergeordneten Zieles.

Den Erhalt eines kapitalistischen Systems, das sich nur noch von wenigen lenken, aber von vielen noch blenden lässt. Das kapitalistische System wie auch dessen Schmiermittel Geld ist nach Zusammenbruch konkurrierender Systeme in der Abschaffung menschlicher, natürlicher Werte brutaler denn je. Selbst die sogenannte soziale Marktwirtschaft als die abgespeckte Version eines aggressiven Kapitalismus taucht kaum mehr auf. Gerechtigkeit und Polit-Kapitalismus verträgt sich nicht, vielmehr ist diese Kombination eher zu einer Bedrohung eines friedlichen globalen Zusammenlebens mutiert.

Also was ist Gerechtigkeit? Hat jede Kultur oder Zeitalter eine unterschiedliche Interpretation?

„Für frühere Hochkulturen galt: »Gerechtigkeit« ist die Idee, dass Menschen sich gegenseitig etwas schulden und deshalb auch den Mächtigen nicht alles erlaubt ist. Schon im ersten Fürstenspiegel der Welt, der um 2100 vor Christus verfassten Lehre für König Merikare, heißt es, die ägyptischen Herrscher müssten Gerechtigkeit walten lassen und »den Rücken der Schwachen stützen«. In China empfahl Konfuzius (551 bis 479 vor Christus), alle Menschen sollten sich »wie Verwandte behandeln« und die goldene Regel befolgen: »Was dir selbst unerwünscht ist, das füge auch keinem anderen zu.« Nicht anders sein Landsmann, der Philosoph Mo Ti (um 480 bis 380 vor Christus), dem wir die erste Antikriegsschrift der Geschichte verdanken: »Wenn einer seinem Nachbarn einen Pfirsich stiehlt, dann wird er dafür bestraft. Stiehlt einer dagegen einen ganzen Staat, dann wird er noch als Sieger gepriesen.« Für Mo Ti ist Gerechtigkeit »das Leben selbst«, und »wo Ungerechtigkeit herrscht, da ist der Tod«.

Sokrates (um 470 bis 399 vor Christus) äußerte sich ganz ähnlich

Gerechtigkeit, sagt er bei Plato, gehöre zum »Schönsten, was sowohl um seiner selbst willen wie wegen der daraus entspringenden Folgen von jedem geliebt werden muss, der glücklich werden will«. Plato (427 bis 347 vor Christus) selbst definiert Gerechtigkeit als einen Zustand, in dem »jeder das Eigene und das Seinige tut«. Dass Gerechtigkeit die vorzüglichste unter den Tugenden ist, glaubte auch Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) – sie sei schöner als Abend- und Morgenstern, und auch er rühmt Gerechtigkeit als Tugend, durch die »jeglicher das Seinige erhält«. Aristoteles unterscheidet bereits eine »verteilende« von einer »ausgleichenden« Gerechtigkeit – Frauen und Sklaven immer ausgenommen. Er weiß: Ungleichheit ist die Quelle von Unmut und Umwälzung. »Ganz allgemein greifen die Menschen zum Aufstand auf der Suche nach Gleichheit.«

Dennoch war für die griechischen Philosophen die Gerechtigkeit kein kodifiziertes Recht, sondern vor allem eine individuelle Haltung, eine »Kardinaltugend«, die alle andern Tugenden miteinander ins »Benehmen« setzt. Genau daran störte sich der römische Stoiker Cicero (106 bis 43 vor Christus). Er wollte die »Gerechtigkeit« nicht allein individualethisch verstehen, sondern als Prinzip der Gesellschaft. Bis zum Aristoteles-Leser Thomas von Aquin (um 1224 bis 1274) ändert sich das Denken über die Gerechtigkeit dann kaum noch. Sie ist eine – nun christliche – Tugendlehre, die politisch am besten von einem »gerechten Fürsten« verkörpert werde.

Dieser »gerechte Fürst« hatte in der Neuzeit einen schweren Stand, denn das aufstrebende (Wirtschafts-)Bürgertum fand seinen Paternalismus unerträglich. Jean-Jacques Rousseau (1712 bis 1778) wiederum erschütterte den bürgerlichen Eigentumsbegriff bis ins Mark: »Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: Dies ist mein, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not und Elend und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ›Hütet euch auf diesen Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde niemandem.‹«

Bei Immanuel Kant (1724 bis 1804) ist Gerechtigkeit endgültig keine individuelle Tugend mehr, sondern das »formale Prinzip der Möglichkeit des rechtlichen Zustandes unter Menschen«. An dieser Bestimmung reiben sich Philosophen bis heute; schon Karl Marx (1818 bis 1883) sah darin eine typisch bürgerliche Abstraktion. Er hielt es lieber mit Aristoteles und träumte von einer Gesellschaft, in der gilt: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«

Es war Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900), der eine lange Epoche von Moralkritik und Gerechtigkeits-Skepsis einleitete, und wenn nicht alles täuscht, dann ging diese erst mit dem großen amerikanischen Philosophen John Rawls zu Ende. Rawls (1921 bis 2002) war überzeugt, dass der gesellschaftliche Reichtum von allen Bürgern anteilig erwirtschaftet werde – und deshalb müssten auch alle daran teilhaben. Reiche, so forderte Rawls, dürften nur dann reicher werden, wenn auch die Ärmeren davon profitierten.

Das war Rawls’ berühmtes »Differenzprinzip«, aber es hat den Nachteil, dass es sich unter den Bedingungen der globalisierten Wirtschaft kaum verwirklichen lässt. Oder doch? Und was hieße dann »Weltgerechtigkeit«? Darüber streiten derzeit Philosophen wie Martha Nussbaum, Amartya Sen, Thomas Pogge oder Rainer Forst. In einem sind sie sich jedoch einig: Weil wir Weltbürger sind, sind wir uns etwas schuldig, und das Erste, was wir uns schulden, ist eine Welt, in der kein Mensch mehr hungert. Klar, »Realpolitiker«, die den Finanzkapitalismus für eine Naturerscheinung halten, werden darüber lächeln, ungefähr so, wie Zeitgenossen über Aristoteles lächelten, als er der Polis höchstes Ziel bestimmte: Gerechtigkeit.“(Quelle zeit.de)

Letztlich kann nur das eigene Denken, in Worte und Taten gefasst, darüber bestimmen wie wir unser Leben in Eigenverantwortung und im Bewusstsein einer allgegenwärtigen Gerechtigkeit leben wollen. Lebendigkeit ist immer gerecht. Die Natur des Universums kennt keine Ungerechtigkeit. Dies und alle vom Menschen ausgehenden Leiden und damit verbundene Konsequenzen sind Resultate menschlicher Fehlentscheidungen. Es gilt neue Wege zu gehen, zu gestalten. Und Gedanken aufzugeben, dass kranke Gesellschaftssysteme überleben könnten, weil es bequemer ist an diesen Irrglauben festzuhalten. Historische Beispiele gäbe es in ausreichender Zahl. Dies sind wir uns selbst und der Welt von Morgen schuldig.

Uwe Taschow

Wintersonnenwende 16. Februar 2011