Wie ein Chemiker zum Gegner der Atomwaffen wurde
Linus Carl Pauling verband bedeutende Forschungen zur chemischen Bindung mit einem unermüdlichen Einsatz gegen Atomwaffentests. Er erhielt den Nobelpreis für Chemie 1954 und den Friedensnobelpreis für 1962, der ihm 1963 überreicht wurde. Roland R. Ropers erinnert an diesen ungewöhnlichen Lebensweg und an seine eigene Reise nach Big Sur im August 1994.

„Der einzige Fortschritt, den man bisher in Abrüstungsfragen erzielt hat, liegt darin, dass sich die früheren Kriegsminister jetzt Verteidigungsminister nennen.“
Linus Pauling zugeschrieben; eine ursprüngliche Fundstelle ist nicht gesichert.

Historische Bildmontage mit einem Linus Pauling zugeschriebenen Zitat; dessen ursprüngliche Fundstelle ist nicht gesichert.
Am Freitag 19. August 1994 – als Linus Pauling 93-jährig auf seiner Farm in Big Sur in Kalifornien starb – befanden wir uns auf dem Flug von Chicago nach San Francisco bzw. auf der Weiterreise nach Big Sur, wo wir im ESALEN-Institute zu Vorträgen eingeladen waren und bei den Camaldulenser-Mönchen wohnten, mit herrlichem Blick auf den Pazifik. Wir hatten auch einen Besuch bei Linus Pauling geplant, der zu den Pionieren der Orthomolekularen Medizin gehört.

Zwei ungeteilte Nobelpreise und die Grenzen von Autorität
Linus Pauling ist der einzige Mensch, der zwei ungeteilte Nobelpreise erhielt: 1954 für Chemie und 1962 für Frieden. Andere Forscher wurden ebenfalls zweimal ausgezeichnet; Paulings Besonderheit liegt darin, dass er beide Preise jeweils allein erhielt. In Erinnerung bleiben sein unermüdlicher Kampf um Abrüstung und seine späteren, umstrittenen Vorstellungen über Vitamin C.
In seinen späteren Jahren beschäftigte sich Pauling intensiv mit Vitaminen. Er vertrat die Vorstellung, hohe Dosen könnten vor Krankheiten schützen. Der wissenschaftliche Ruhm, den seine Arbeiten zur chemischen Bindung begründeten, macht solche medizinischen Annahmen jedoch nicht automatisch richtig. Die philosophische Frage nach Objektivität und Verantwortung in der Wissenschaft berührt damit auch die Bereitschaft, eigene Überzeugungen an überprüfbaren Befunden zu messen.
1970 veröffentlichte Pauling sein Buch Vitamin C and the Common Cold. Die Behauptung eines allgemeinen Heilmittels lässt sich daraus nicht begründen. Nach der Übersicht des US-amerikanischen Office of Dietary Supplements verhindert regelmäßige Vitamin-C-Einnahme Erkältungen in der Allgemeinbevölkerung gewöhnlich nicht, kann deren Dauer aber etwas verkürzen. Für die Behauptung, hoch dosiertes Vitamin C heile Krebs oder andere schwere Erkrankungen allgemein, fehlt ein tragfähiger Nachweis. Ergebnisse zur intravenösen Anwendung dürfen zudem nicht mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln gleichgesetzt werden.
Linus Carl Pauling: Herkunft und wissenschaftlicher Weg
Linus Carl Pauling wurde am 28. Februar 1901 in Portland im US-Bundesstaat Oregon geboren.
Als Kind war Linus als unersättlicher Leser bekannt. Ein Schulfreund von ihm besaß ein kleines Chemielabor, das ihn wohl dazu inspirierte, später Chemiker zu werden. Er studierte an der heutigen Oregon State University und beschäftigte sich damit, wie die physikalischen und chemischen Eigenschaften von Substanzen mit ihrer Atomstruktur zusammenhängen. So wurde er Mitbegründer einer neuen Wissenschaft, der Quantenchemie. Während eines Aufbaustudiums am Caltech (California Institute of Technology) in Pasadena bestimmte er mithilfe von Röntgenstrahlen die Struktur chemischer Verbindungen, speziell die Kristallstrukturen von Mineralien.
1926 reiste Linus ausgestattet mit einem Stipendium nach Europa, um bei Arnold Sommerfeld in München, Niels Bohr in Kopenhagen und Erwin Schrödinger in Zürich zu studieren. Er vertiefte sein Wissen über die Elektronenstruktur von Atomen und Molekülen. In den 1930-er-Jahren schrieb Pauling Aufsätze über die Struktur von chemischen Bindungen, die 1939 in seinem berühmten Buch “Die Natur der chemischen Bindung” (Originaltitel: “The Nature of the Chemical Bond”) veröffentlicht wurden.
Für seine Forschungen zur Natur der chemischen Bindung und zur Struktur komplexer Substanzen erhielt er im Dezember 1954 in Stockholm den Nobelpreis für Chemie. Sein politisches Engagement hatte ihn zuvor in Konflikt mit den US-Behörden gebracht: In den 1950er-Jahren wurde ihm wiederholt der Reisepass vorenthalten. Die Laudatio zum Friedensnobelpreis erinnert auch an diese Behinderung wissenschaftlicher Reisen.
Ein anderer Weg der Friedensarbeit führte nach Hiroshima. Dort wurde am 6. August 1954 die auf Initiative des Jesuitenpaters und späteren Zen-Meisters H.M. Enomiya-Lassalle (1898–1990) entstandene Weltfriedenskirche geweiht. Enomiya-Lassalle hatte den Atombombenabwurf vom 6. August 1945 verwundet überlebt. Mein Beitrag über die Hiroshima-Zeitzeugen und Enomiya-Lassalle bewahrt Erinnerungen an diesen geistigen Friedensweg.
Atomwaffentests, die Petition von 1958 und der Friedensnobelpreis
Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 bildeten den erschütternden Hintergrund von Paulings Friedensengagement. Seit 1946 setzte er sich öffentlich gegen Atomwaffen und Krieg ein. Seine Frau Ava Helen Pauling, geborene Miller (1903–1981), war selbst eine engagierte Friedensaktivistin und eine wichtige Partnerin dieser Arbeit.
Im Januar 1958 übergaben Linus und Ava Helen Pauling dem UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld einen von 11.021 Wissenschaftlern unterzeichneten Appell gegen Atomwaffentests. Es war eine Initiative der Unterzeichner, keine Petition der Vereinten Nationen an die US-Regierung. Paulings Buch No More War! erschien ebenfalls 1958. Die Nobelpreis-Laudatio dokumentiert die Petition und ihren Empfänger.
Der Einsatz von Wissenschaftlern und Friedensbewegungen verstärkte den öffentlichen Druck auf die Atommächte. Der spätere Vertrag war zugleich Ergebnis langjähriger diplomatischer Verhandlungen. Am 5. August 1963 unterzeichneten Vertreter der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion in Moskau den begrenzten Atomteststopp-Vertrag. Er trat am 10. Oktober 1963 in Kraft und untersagte Atomwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Unterirdische Tests blieben unter bestimmten Bedingungen möglich. Die US-Nationalarchive veröffentlichen den Vertrag und die historischen Daten.
Am 10. Dezember 1963 wurde Linus Pauling in Oslo der für 1962 zurückgestellte Friedensnobelpreis überreicht. Gewürdigt wurde sein Kampf gegen das atomare Wettrüsten zwischen Ost und West. Der Vertrag war zu diesem Zeitpunkt bereits in Kraft.
Pauling steht damit in einer langen Geschichte der Friedensarbeit. Eine frühere Stimme dieser Bewegung war Bertha von Suttner mit ihrem Ruf „Die Waffen nieder!“. Beide machten die öffentliche Auseinandersetzung mit Krieg und Abrüstung zu einer Lebensaufgabe.
Erinnerungen an Oslo und Menschen der Friedensarbeit
Der Quantenphysiker und Friedensaktivist Professor Dr. Hans-Peter Dürr (1929–2014), Schüler des Physik-Nobelpreisträgers Werner Heisenberg (1901–1976), wurde zum überzeugten Atomkraft-Gegner und engagierte sich in der Pugwash-Bewegung. Der Friedensnobelpreis 1995 ging an Joseph Rotblat und die Organisation Pugwash Conferences on Science and World Affairs, nicht persönlich an Dürr. Dürr war damals 66 Jahre alt und hatte mir von seinem Besuch am 10. Dezember 1995 oft erzählt. Ich war gerade erst 50 Jahre jung.
Ich kenne Oslo und Stockholm von mehr als 50 Besuchen in meiner aktiven Zeit in der chemischen Industrie in den 1970-er Jahren.
Am 10. Dezember 1979 gehörte ich zur engsten Begleitung von Mutter Teresa aus Kalkutta (1910 – 1997) zur Verleihung des Friedens-Nobelpreises in Oslo. Sie war damals 69 Jahre alt und gehört nicht zum Kreis „meiner genialen Begegnungen“.
Dennoch unvergesslich: ich lernte damals den genialen Dirigenten Mariss Jansons (1943 – 2019) kennen. Er war damals junger Chefdirigent der Osloer Philharmoniker.
Beim Nobelpreiskonzert am 8. Dezember 2022 in Stockholm trat die deutsche Sopranistin Diana Damrau mit Arien von Mozart auf. Das Konzert fand zu Ehren der Preisträger statt; es war nicht die Preisverleihung selbst.
Frieden als wissenschaftliche und persönliche Verantwortung
Pauling bleibt ein Beispiel dafür, dass wissenschaftliche Arbeit Folgen hat, die über das Labor hinausreichen. Sein Einsatz gegen Atomwaffentests verband Fachwissen mit öffentlichem Widerspruch. Zugleich erinnert die Diskussion um seine Vitamin-C-Thesen daran, dass auch ein außergewöhnlicher Forscher irren kann.
Für eine spirituelle Betrachtung liegt darin eine doppelte Aufgabe: Verantwortung für das Leben übernehmen und die Grenzen der eigenen Gewissheit anerkennen. Wie Friedensarbeit auch beim eigenen Denken und Handeln ansetzt, beschreibt das Glaubensbekenntnis des Friedens aus der Tradition der Rosenkreuzer. Diese religiöse Perspektive ergänzt die historische Betrachtung; sie ersetzt weder wissenschaftliche Prüfung noch politische Arbeit.
01.09.2022
Roland R. Ropers
Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher, Buchautor und Publizist
www.KARDIOSOPHIE-NETWORK.de
Über den Autor Roland R. Ropers
Roland R. Ropers geb. 1945, Religionsphilosoph, spiritueller Sprachforscher,
Begründer der Etymosophie, Buchautor und Publizist, autorisierter Kontemplationslehrer, weltweite Seminar- und Vortragstätigkeit.
Es ist ein uraltes Geheimnis, dass die stille Einkehr in der Natur zum tiefgreifenden Heil-Sein führt.
Buch Tipp: 
Kardiosophie
Weg-Weiser zur kosmischen Ur-Quelle
von Roland R. Ropers und Andrea Fessmann, Dorothea J. May, Dr. med. Christiane May-Ropers, Helga Simon-Wagenbach, Prof. Dr. phil. Irmela Neu
Die intellektuelle Kopflastigkeit, die über Jahrhunderte mit dem Begriff des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) verbunden war, erfordert für den Menschen der Zukunft eine neue Ausrichtung auf die Kraft und Weisheit des Herzens, die mit dem von Roland R. Ropers in die Welt gebrachten Wortes „KARDIOSOPHIE“ verbunden ist. Bereits Antoine de Saint-Exupéry beglückte uns mit seiner Erkenntnis: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Der Autor und die sechs Co-Autorinnen beleuchten aus ihrem individuellen Erfahrungsreichtum die Vielfalt von Wissen und Weisheit aus dem Großraum des Herzens.
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