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Schamanismus ~ Religion und Magie

RauchSchamanismus ~ Abgrenzung zu Religion und Magie

Schamanismus ist ein wissenschaftlicher Begriff, der die Welt der Glaubensvorstellungen und spirituellen Praktiken von Schamanen bezeichnet. Schamanismus hat schon früh das Interesse jener Forscher erregt, die sich mit Ethnologie, Religion und Religionsgeschichte beschäftigten, vor allem da Schamanen in vielen Naturreligionen die Fähigkeit zugeschrieben wird, in Bewusstseinszuständen wie der Ekstase in jenseitige Welten vorzudringen, indem sie die Grenzen der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit überschreiten.

Abgrenzung zu Religion und Magie

Die Grenzen zwischen Schamanismus und Religion sowie zwischen Schamanismus und Magie sind fließend und werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Auch zwischen den Forschungsdisziplinen, die sich mit dem Phänomen beschäftigen, wie Ethnologie, Kulturanthropologie, Soziologie, Psychologie, Religionsgeschichte und anderen, besteht Uneinigkeit über Definitionen und Erklärungen des Schamanismus.

Der sibirische Schamanismus prägt immer noch stark das Bild des Schamanen, da er seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, als Reisende aus Sibirien und Innerasien erstmals darüber berichteten, als Urbild angesehen wurde. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man die Ähnlichkeiten mit Erscheinungen in vielen anderen Regionen der Erde. Gleichzeitig erbrachte die Vorgeschichtsforschung zunehmend Indizien für weit zurückliegende schamanische Formen, möglicherweise bis 30.000 Jahre vor unserer Zeit. Religionswissenschaftler erkennen in bestimmten Glaubensvorstellungen und Ritualen der Weltreligionen die Spuren früherer schamanistischer Traditionen. Heute sind schamanische Praktiken bei vielen Völkern, wie den Aborigines Australiens, den San Südafrikas oder den Indianern und Inuit Amerikas häufig und lassen sich neben oder in den jeweils vorherrschenden Religionen in vielen ethnischen Gruppen nachweisen.

Wegen des geheimnisvollen Nimbus, der den Schamanismus umgibt, erlebt er vor dem Hintergrund vor allem der strikt säkularen, materialistischen westlichen Welt gegenwärtig eine Art Renaissance als sogenannter Neoschamanismus, ein Begriff der Esoterik, der Bestrebungen bezeichnet, aus dem Schamanismus abgeleitete Praktiken für eine spirituelle Entwicklung ohne viel zeitlichen Aufwand nutzbar zu machen.

Etymologie

Der von Eliade in den 1950er Jahren verwendete Begriff „Schaman-ismus“ (statt des älteren „Schamanentum“, das eher die lokalen Unterschiede betonte) leitet sich vom deutschen Lehnwort „Schamane“ ab; ein Begriff, der sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Deutschland nachweisen lässt. Das Wort entstammt dem evenkischen (d. h. tungusischen) šaman, dessen weitere Etymologie umstritten ist. Das Wort könnte eine Ableitung von der tungusischen Wurzel ša- (denken, wissen) sein. Eine weitere Interpretation des Wortes greift auf die mandschu-tungusische Bedeutung „mit Hitze und Feuer arbeiten“ zurück. Vor allem im 19. Jahrhundert wurde sein Charakter als Lehnwort diskutiert: Vertreter der Theorie, der Schamanismus sei von Indien oder Tibet nach Zentralasien und Sibirien gekommen, leiteten den tungusischen Ausdruck vom indischen (Pali) samana her, was auf eine Beziehung zum Buddhismus hindeuten könnte. Allerdings bleibt die Entlehnungshypothese auch dann möglich, wenn man den Schamanismus als eigenständiges Phänomen begreift.

Bereits der sibirische Raum kennt aber keinen einheitlichen Begriff für die Figur des Schamanen. In Tuva, Khakassien und der Altai-Region bezeichnen sich Schamanen als kham (khami, gam, cham), wobei die Ähnlichkeiten zum Begriff des Kami auffällt, der für den japanischen, noch stark schamanisch gefärbten Schintoismus zentral ist. Die Schamanengesänge werden kham-naar genannt. Anstelle des tungusischen šaman gibt es im Mongolischen die Begriffe böö (männlich oder geschlechtsneutral) und zairan (männlich, oder Titel für „große“ Schamanen) und udagan für die Schamanin; in den Turksprachen heißt der Schamane kham. Im Zuge der Islamisierung ersetzte bei vielen Turkvölkern bakshi (aus sanskr. bhikshu) als generischer Begriff für vorislamische religiöse Spezialisten den einheimischen Ausdruck kham. Zahlreiche weitere Bezeichnungen für die Person des Schamanen waren regional stark begrenzt.

Grundbegriffe

Bei den Grundbegriffen fallen nicht nur religions- und medizingeschichtliche Bedeutungsunterschiede, sondern auch lokale Varianten auf; so werden etwa die amerikanischen Schamanen meist als Medizinmänner bezeichnet. Diese begrifflichen Unschärfen finden sich vielfach auch in der Forschungsliteratur.

Séance (frz. „Sitzung“): Der auf den Schamanismus übertragene Begriff ist etwas unglücklich gewählt, denn kulturhistorisch bezeichnete er eigentlich ein modisches Phänomen des Spiritismus im ausgehenden 19. Jahrhundert (das allerdings, wenn auch unter anderer Bezeichnung, schon in der Antike etwa in den Mysterienkulten praktiziert wurde), nämlich eine Zusammenkunft von Personen unter Mitwirkung eines Mediums, mit dessen Hilfe Kontakt mit dem Jenseits hergestellt oder Psi-Manifestationen produziert werden sollten.

Religiös: Im Schamanismus versteht man darunter den Gesamtkomplex einer Schamanensitzung (in Sibirien: kamlanie), in deren Verlauf der Schamane in Trance und Ekstase verfällt und so seine Ziele mit Hilfe von Geistern zu erreichen sucht.

Trance (lat. transitus = Übergang): Ein neurologisch bis heute nicht völlig aufgeklärter psychischer Ausnahmezustand des Bewusstseins, der durch Aufgabe der Realitätsprüfung, eingeengtes Bewusstsein und vor allem bei tiefer Trance vielfach nachfolgende Amnesie gekennzeichnet ist.

Religiös: Die Trance ist Voraussetzung für die schamanische Ekstase und hat eine enge Beziehung zur religiösen Verzückung und visionären Erlebnissen, wird im religiösen Bereich mitunter auch generell als Ekstase bezeichnet. Erreicht werden kann sie durch Meditation, Hypnose, Autosuggestion, Askese oder äußere bzw. innere Reize wie Sprach- und Atemtechniken, rhythmische Bewegungen etwa bei Derwischen, Trommeln, Gesang, Tanz, Drogen etc.

Ekstase: Griech. ekstasis = Aussichherausgetretensein. Verzückungszustand, der durch Verminderung der Selbstkontrolle, überschäumende Gefühle und oft durch Bewegungsüberschuss gekennzeichnet ist. Es treten dabei oft akustische und optische Halluzinationen auf. Die Ansprechbarkeit ist reduziert. Auftreten verstärkt bei Psychosen.

Religionsgeschichtlich. vor allem aber im Schamanismus, hat die Ekstase jedoch eine andere, von Mircea Eliade popularisierte Bedeutung. In „Schamanismus und archaische Ekstasetechnik“ beschreibt er die Ekstase als zentrales Element des Schamanismus. Ausgehend vom Trancezustand wird hier darunter der Vorgang verstanden, in dessen Verlauf der Geist des in Trance befindlichen Schamanen seinen Körper verlässt, um durch metaphysische Aktivitäten bestimmte Ziele zu erreichen, indem er etwa mit Geistern kommuniziert, sich auf eine Himmels- bzw. Jenseitsreise begibt oder in den Körper eines Tieres eintritt. Tritt die Ekstase spontan und gegen den Willen des Betroffenen auf, spricht man von Besessenheit.

Besessenheit: Früher eine generelle Bezeichnung für Geisteskrankheiten mit entsprechend ausgebildeter auffälliger Symptomatik, die man durch Exorzismus zu behandeln suchte.

Religiös: In allen Kultur- und Religionsformen, vor allem in solchen mit Geister- und Ahnenglaube, vorkommende abnorme Phänomene des Erlebens und Verhaltens, die als gezielte Einflussnahme übernatürlicher personifizierter Kräfte (Götter, Geister, Dämonen, Teufel etc.) gedeutet werden und deren sich die in Trance Versetzten, die dabei Sprache, Mimik und Verhaltensweise völlig ändern, meist nicht bewusst sind. Im Unterschied zur Ekstase des Schamanen, der aktiv in der jenseitigen Welt agiert, wird hier der Geist des Betreffenden von einem anderen Geist übernommen und ist fremdbestimmt. Eliade rechnete daher die Besessenheit nicht mehr zum eigentlichen Schamanismus. Besessenheit kann in bestimmten Religionen (Umbanda, Voodoo, afrikanische Religionen) von dazu ausgebildeten Medien auch kultisch bewirkt und beendet werden und hat in solchen Fällen eine hohe Affinität zum Schamanismus.

Magie, Zauberer, Medizinmann, Hexe/Hexer: Zu „Magie“ siehe weiter unten. Hexe/Hexer, die vor allem in afrikanischen Religionen vorkommen, werden stets negativ gewertet, sind aber nicht zu verwechseln mit dem weißen und schwarzen Schamanismus, der sich bei einigen Völkern jeweils auf die involvierten himmlischen und unterirdischen Wesenheiten bezieht (wobei letztere allerdings oft negative Bedeutungen haben, da sie mit dem Tod in Verbindung stehen). Der Begriff Medizinmann ist kulturspezifisch vor allem für Amerika (wo er eine Bezeichnung der Weißen für die indianischen Schamanen war), Südasien und Ozeanien (siehe Abschnitt „Ethnischer Schamanismus“). Zauberer ist ganz allgemein ein unscharfer Begriff für jemanden, der Magie einsetzt, wobei beim meist abfällig gebrauchten Begriff des Zauberdoktors die Heilmagie für die Beobachter im Vordergrund steht.

5_Heide_HSCSchamanismus und Schamanen

Der Schamanismus wird wegen der Schwierigkeit, ihn klar gegen die eigentliche Religion im klassischen Sinne abzugrenzen, häufig recht allgemein phänomenologisch und anthropologisch als Auftreten „von Schamanen im Rahmen eines komplexen Systems von Glaubensvorstellungen“ definiert. Es ist dies eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, dem sich alle kontroversen Forschungsmeinungen anschließen können. Weitgehend Einigkeit besteht in der Feststellung, dass es sich beim Schamanismus um die älteste, genauer nachweisliche Form religiösen Denkens beim Menschen handelt. Der Schamanismus ist jedenfalls seit der frankokantabrischen Höhlenkunst des Aurignacien im Jungpaläolithikum relativ sicher nachweisbar, also ab etwa 30.000 B. P., nachdem die Entdeckung der Chauvet-Höhle mit ihren erstaunlich perfekten, einen langen Vorlauf voraussetzenden Bildern (sie kennen bereits die Perspektive) diese Grenze weit nach hinten geschoben hat. Er ist bis heute weltweit in zahlreichen Religionen, Ethnien und Kulturen präsent, wobei Begräbniskulte, wie es sie schon bei den Neandertalern gab, etwa in den Höhlen von Shanidar und La Ferrassie vor 60.000 Jahren und in den Höhlen von Qafzeh und Skhul in Israel vor 90.000 bis 120.000 Jahren, auf ein noch viel höheres Alter religiöser Äußerungen hinweisen. Religiöses Erleben, das mit der Entstehung des menschlichen Bewusstseins verbunden zu sein scheint, begann vermutlich beim Homo erectus vor 500.000 Jahren, wie als Kulthandlungen interpretierbare arrangierte und bearbeitete Knochenreste Verstorbener vermuten lassen.

Einen wichtiger objektiven Hinweis auf die Verbindung zwischen prähistorischer Felskunst und schamanischen Praktiken hat unterdessen Lorblanchet gefunden. Im Selbstversuch stellte er fest, dass, wenn man die dabei häufig eingesetzte Farbe Manganoxid, wie dies noch bei den Aborigines praktiziert wurde, als Farbschlamm in den Mund nimmt und auf die Felswand bläst, sich eine halluzinogene Wirkung einstellt, so dass eine der zentralen Bewusstseinszustände von Schamanen entsteht.

Schamanen sind Menschen, die sich mit Hilfe von Ekstasetechniken auf transzendenten Wegen in metaphysische Regionen begeben, um dort für ihr gesellschaftliches Umfeld bestimmte nützliche Ziele zu erreichen. Sie sind keine Priester im klassischen Sinne, die in systematisierten Religionen eine hierarchisch definierte Mittlerposition zwischen Gläubigen und Gottheit einnehmen und die Machtansprüche des religiösen Apparates vertreten. Vielmehr werden sie von der Gemeinschaft (Familie, Sippe oder Stamm) als Vermittler zwischen Diesseits und Jenseits betrachtet. Ihre Fähigkeiten beruhen nicht auf menschlich bestimmten Auswahlprinzipien, sondern werden ihnen von metaphysischen Mächten oft regelrecht aufgezwungen und machen sie zum Teil zweier Welten. Nur so ist ihre Vermittlertätigkeit überhaupt möglich. Die Übergänge zum Magier, Medizinmann oder Zauberer sind jedoch fließend und nicht genau abgrenzbar. Oft folgen diese Bezeichnungen nur ethnologischen, kulturspezifischen bzw. lokalen Traditionen (z. B. bei den Indianern, siehe unten) und sagen wenig oder nichts über das eigentliche geistige Substrat der ausgeübten Techniken aus. Trotz vieler Gemeinsamkeiten variieren sowohl die praktizierten Riten wie die dafür benötigten Utensilien zwischen den Ethnien erheblich. 

Ausschlaggebend für das Verständnis von Schamanen und Schamanismus war zunächst jedoch tatsächlich der sibirische Schamanismus. Er gilt heute in der Forschung (siehe Forschungsgeschichte des Schamanismus) historisch als Vorbild für ein – wie man später erstaunt herausfand – weltweites Religionsphänomen. Heute gilt er jedoch nur noch als ethnischer Spezialfall und keinesfalls als eine Art Urbild, da er ebenfalls zahlreiche Entwicklungen durchgemacht hat, zahlreiche Varianten aufweist (vor allem in Richtung nach Osten und Innerasien, wo die Ureinwohner Sibiriens ursprünglich herkamen) und insbesondere buddhistische, später auch christliche Einflüsse aufgenommen hat. Ihn als Urbild anzusetzen wäre außerdem eine unzulässige Vermischung von Ethnologie und prähistorischer Archäologie. Weitaus ältere Formen sind zum Beispiel der Schamanismus der Aborigines oder der San. Auch Aleuten, Eskimos und Indianer zeigen vielfach ein älteres Bild. Inzwischen ist es Konsens geworden, den sibirischen Schamanismus als eine – allerdings methodisch wichtige – ethnische Variante unter vielen anderen anzusehen. Bestimmte grundlegende Phänomene (Himmelsreise, Trance, Heilungen, Jenseitsreise, Riten etc.) sind bei ihm besonders einfach zu beobachten. Deshalb hat man sie lange Zeit in ihrer sibirischen Form als praktikable Modelle genommen, ohne jedoch einen Absolutheitsanspruch zu formulieren. Auch in diesem Artikel dient die Bezugnahme auf eine Art allgemein akzeptierten Standard als Referenzmodell, zumal der sibirische Schamanismus auch ethnisch mit dem amerikanischen und asiatischen eng verbunden ist.

Geschichte des Schamanismusverständnisses

Die ersten europäischen Reisenden beschrieben den Schamanismus seit Ende des 17. Jahrhunderts bei verschiedenen indigenen Völkern Sibiriens und Innerasiens in meist kolonialistisch-westlicher Überheblichkeit als primitiv. Die frühesten, meist deutschen und von der Aufklärung inspirierten Erforscher Sibiriens wie Georg Wilhelm Steller, Johann Gottlieb Georgi, Gerhard Friedrich Müller und andere verurteilten den Schamanismus als „erbärmliches und vulgäres Spektakel“ der Einheimischen und als „Irrglauben“ der Eingeborenen. Johann Gottfried Herder erneuerte das Verständnis indigener Religionen und schuf damit eine Gegenbewegung. Im Verlauf der deutschen Romantik verklärten dann Autoren wie Ferdinand von Wrangel den Schamanismus und bezeichneten Schamanen als „eingeborene Genies“, die als „kreative Persönlichkeiten mit scharfem Verstand, starkem Willen und sprühender Einbildungskraft“ ihrer Berufung folgten. Friedrich Schlegel zeigte in seiner Monographie Über die Sprache und Weisheit der Indier Verbindungen zwischen dem altindischen und germanischen Raum auf und war der Erste, der Sanskrit bei der Etymologie des Schamanismus-Begriffs mit einbezog.

Weitere Faktoren, welche das Verständnis des Schamanismus beeinflussten, waren die russische Landnahme Sibiriens ab dem 17. Jahrhundert, die orthodoxe Christianisierung im 19. Jahrhundert und die Oktoberrevolution im 20. Jahrhundert. Durch diese sozial, wirtschaftlich und politisch-religiös umwälzenden Vorgänge wurde der Schamanismus zunächst als etwas Primitives, Unterentwickeltes, Heidnisches und zuletzt gesellschaftlich Reaktionäres diskriminiert.

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff dann im Gefolge der Forschungen von Wilhelm Radloff nach und nach von diesem spezifischen kulturellen Raum auf ähnliche Erscheinungen weltweit übertragen, als man Ähnlichkeiten erkannte. Die sich nun als Wissenschaft etablierende Ethnologie entwickelte zunächst dazu allerlei teils abstruse Theorien, in denen man etwa den Schamanismus als Zeichen „arktischer Hysterie“ (so der Anthropologe William W. Howells noch 1948) und den Schamanen selbst als psychopathischen Außenseiter seiner Gesellschaft denunzierte. Mircea Eliade war es schließlich, der den Schamanismus aus einer kulturphilosophischen, mitunter allerdings sehr spekulativen Perspektive betrachtete und in ihm die gemeinsame Urreligion der Menschheit sah, die älteste Form des Heiligen, wobei er ihn allerdings verklärte und Schamanen als charismatische Heldengestalten ansah.

Solche Änderungen der wissenschaftlichen Sichtweisen spiegeln sich auch in der Terminologie. Die Bezeichnung eines Schamanen als Medizinmann wird von den indigenen Bevölkerungen Nordamerikas als einseitig und abwertend kritisiert, da sie dessen Funktion auf die Aufgabe eines exotischen „Wunderheilers“ einschränkt. George Catlin, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die amerikanischen Indianergebiete bereiste und darüber wertvolle und ausführliche Berichte hinterließ, schreibt: „Die Indianer bedienen sich jedoch nicht des Wortes »Medizin«, sondern jeder Stamm hat ein eigenes Wort dafür, das gleichbedeutend ist mit »Geheimnis« oder »Geheimnismann«“. Die Bezeichnung entstammte vielmehr dem Wortschatz und Sprachgebrauch der Weißen, die die genaue Funktion der indianischen Schamanen damals nicht begriffen und nur deren Funktion als Arzt bzw. Heiler sahen, die allerdings erst vor dem Hintergrund des geheimen Schamanenwissens möglich war. Da die französischen Händler einen Arzt als médecin bezeichneten, kam es zu diesem irreführenden Sprachgebrauch, zumal es bei den Indianern durchaus auch Schamanenpriester gab, die nicht gleichzeitig Medizinmänner waren, etwa bei den Pawnee. Für noch abfälligere Bezeichnungen wie „Zauberdoktor“ usw. gilt ähnliches.

Problematik des Schamanismuskonzeptes

Ob der Schamanismus eine eigene Religionsform ist oder nicht, ist umstritten und hängt von unterschiedlichen Definitionen von Religion ab. Hoppál etwa meint, nachdem er zunächst den Schamanismus nicht als Religion im traditionellen Sinnen definierte: „Der Schamanismus ist ein kognitives Universum, das höchstens von außen betrachtet wie eine Glaubensvorstellung wirkt, von innen gesehen aber eine tiefe Überzeugung darstellt, denn sie wissen, sie wissen glaubend, und sie haben die (heilende) Kraft des Schamanen oft erfahren“. Eine allgemein anerkannte und dazu scharf umrissene Definition von Schamanismus existiert jedenfalls nicht, vielmehr gibt es mehrere, je nach der ethnologischen, prähistorischen, kulturanthropologischen, psychologischen oder religionsgeschichtlich orientierten Betrachtungsweise. Meist versteht man darunter heute allgemein ein religiöses und/oder magisches Phänomen, das einen religiösen Mittler mit bestimmten psychischen Eigenschaften in seinem Zentrum hat.

Zentrale Figur des Schamanismus und ihr eigentlicher Wesenskern ist somit der Schamane – der Priester ist das in den systematisierten Religionen ja nicht, sondern die Gottheit –, dessen besondere psychische Eigenschaften ihn zu Reisen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits befähigen, indem er aus sich heraus tritt (zu griech. ékstasis: Aussichherausgetretensein), und der diese besondere Fähigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Als wesentliche Elemente der schamanischen Praxis gelten daher die Interaktion mit Geistwesen, Trance bzw. Ekstase (veränderte Bewusstseinszustände) und das Motiv der Seelenreise. Insgesamt nimmt man an, dass es sich beim Schamanismus um eine der ältesten Formen des religiösen Verhaltens beim Menschen handelt. Es ist aus weltweit hinterlassenen Zeugnissen zu erschließen und bis heute in verschiedenen Ethnien und Kulturen zu erkennen.Damit hat das Phänomen Schamanismus von vornherein einen ethnisch-kulturellen wie einen prähistorisch-religiösen, dazu einen nicht zu unterschätzenden sozialen Aspekt.

Der Schamane begibt sich, unterstützt von einem Hilfsgeist, in die jenseitigen Welten (durch Trance/ Ekstase) und bittet die dortigen Wesenheiten, also Götter wie den Herrn der Tiere oder den Hochgott, Geister, Ahnen usw., um Hilfe. Diese zielgerichteten Reaktionsweisen werden gerne den animistischen oder gar präanimistischen Kulturen der Jäger und Sammler zugeschrieben, aber auch noch den frühneolithischen Gesellschaften, wo er in den von Jensen so genannten altpflanzerischen Gesellschaften (gemeint sind hier Pflanzenbeuter, die noch nicht systematisch anbauen) schwächer und modifiziert auftreten soll und nicht mehr im Zentrum des religiösen Lebens steht.[34][35]

Der auch Zauberpriester genannte Magier hingegen beschwört diese oder doch wesentliche metaphysische Kompetenzen von ihnen zu sich, ist also bereits Vertreter einer Welt, in der der Mensch gewohnt war, seine Umgebung direkt zu beeinflussen. Er tritt frühestens seit dem Neolithikum auf, als eine Entwicklung mit dem Priester als machtpolitischem Religionsfunktionär im aktiven kultischen Zentrum einsetzte, die zum Polytheismus führte.

Tatsächlich kommen schamanische und magische Praktiken häufig als Mischformen vor, was die Schwierigkeiten bei ihrer Einordnung im jeweils akuten Fall mit erklärt. In seiner Definition umschrieb Vajda 1964 den Schamanismus mit folgenden acht Hauptcharakteristika:

Element der virtuellen Ekstase
Tiergestaltige Geisterhelfer
Berufungserlebnis durch nicht tiergestaltige Geister
Initiation
Jenseitsreise der Seele des Schamanen
Bestimmte vielschichtige Kosmologie
Kampf des Schamanen mit den Geistern
Schamanenausrüstung

Vor allem diese Diskrepanz zwischen Schamanismus auf der einen und Magie auf der anderen Seite bereitet bis heute Probleme. Selten lassen sich reine Formen dieser beiden Weltbewältigungstechniken finden, die sich der Mensch erdachte, um das ihm Unverständliche zu erkennen und es auf diese Weise beeinflussen zu können; jedoch eher defensiv im Schamanismus und eher aggressiv in der Magie, so dass Eliade kursorisch feststellt: „Im allgemeinen lebt der Schamanismus mit anderen Formen von Magie und Religion zusammen“.[33] Man entgeht den enzyklopädischen Definitionsproblemen des Schamanismus am besten dadurch, dass man grundsätzlich zwei parallele, vor allem anthropologisch ausgerichtete Konzepte[39] akzeptiert, welche gleichzeitig die beiden hauptsächlich in der Forschung diskutierten Richtungen und deren jeweilige Interessenvektoren repräsentieren:

Das zeitlich horizontale, aber geographisch multifokale Konzept des ethnischen Schamanismus, wie er sich bis in die Gegenwart aufgrund ethnologischer Forschungen ausgehend von den sibirischen Formen in den verschiedenen Weltgegenden präsentiert.

Das zeitlich vertikale, geographisch-archäologisch eher akzidentelle Konzept des Prähistorischen Schamanismus, der sich vor allem auf verschiedene Erscheinungsformen im Verlauf der Vor- und Frühgeschichte und mit Reduktionsformen und Residuen in der eigentlichen Geschichte nachweisen lässt und sich vorwiegend auf Darstellungen in Höhlen- und Felsbildern, Statuetten und Begräbnisriten stützt, später auch auf aktuelle ethnologische Befunde und Quellen.

Quelle Wikipedia

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