Indien Reisebericht – Die Kosmologie des Hinduismus

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Indien Reisebericht -Alexandra-Stenner-Kosmologie-Hinduismus-templeIndien Reisebericht  – spirituelle Reise nach Süd-Indien –
Die Kosmologie des Hinduismus

Historische Tempelanlagen, Kraftplätze und die Shiva-Tempel der fünf Elemente in Tamil Nadu

Eine Reise
Ist wie ein Trunk aus der Quelle des Lebens.
Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft.
Im Menschen lebt die Sehnsucht,
die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags
und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung.
Immer lockt ihn das Andere, das Fremde.
Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt,
kann ihn niemals ganz erfüllen.
Im Grunde seines Herzens
Sucht er ruhelos den ganz Anderen,
und alle Wege zu denen der Mensch aufbricht,
zeigen ihm an,
dass sein ganzes Leben ein Weg ist,
ein Pilgerweg zu Gott.
Augustinus

Die Kosmologie und Götterwelt im Hinduismus

Eine kurze Einführung in die Hindu-Kosmologie
Nach einem langen Flug mit Ankunft nach Mitternacht und einer Zeitverschiebung von ca. 5 Stunden, kommen wir wieder einmal im warmen Süd-Indien, im Bundesstaat Tamil Nadu, an. Vom Flughafen aus fahren wir etwa 1 Stunde nach Mahabalipuram, dem ersten Ziel dieser wunderbaren Reise.

Der erste Tag dient natürlich dem Akklimatisieren und dem Entdecken der bereits liebgewonnenen Umgebung. Die Lage des Hotels ist sehr gut, direkt am Strand – wenn auch in den vergangenen Jahren das Meer bedrohlich näher gekommen ist an die Hotelanlage, und die Palmen, die den Strand säumen, von den heran rollenden Brechern langsam ausgehöhlt und entwurzelt werden…

Swamy M. K. Srinivasan begrüßt unsere kleine Gruppe, die ich aus Deutschland mitgebracht habe, herzlich. Nach dem Frühstück erhalten wir eine erste Lektion über die Hindu-Kosmologie, ihre bunte Götterwelt, die mit vielen kriegerischen Geschichten geschmückt ist und große Weisheit in sich trägt. Laut der hinduistischen Kosmologie erschuf Mahavishnu einstmals die vertikalen Lokas als auch die horizontalen spirituellen Universen (Brahmandas), aus denen parallel die materiellen Universen erschaffen wurden und die nach den Puranas periodisch zerstört (Yugas) und wiederaufgebaut werden.

Brahman

Brahman gilt in der hinduistischen Kosmologie als das Unwandelbare, Unsterbliche, Absolute, als das Höchste. Es bezeichnet die unpersönliche Weltseele, die ohne Anfang und ohne Ende existiert. Hinter dem gesamten Universum steht nach hinduistischer Überlieferung dieses Brahman als das letzte Eine, das selbst keine Ursache hat, aus dem aber alles entstanden ist, das Geistige ebenso wie das Materielle. Danach durchdringt Brahman alle Dinge und alle Lebewesen und kann jedoch nicht erkannt werden.

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Brahma, der Erschaffer

Nach den Veden, den ältesten indischen Schriften, ist Brahma der Sohn Gottes (Brahman) und seiner Mutter Maya – der weiblichen Energie, die die gesamte duale Erscheinungswelt verkörpert – und ist Erschaffer unseres Universums, der Welt und aller lebenden Wesen darin. Sein Reich ist Brahmaloka, ein Universum, das alle Herrlichkeiten dieser und anderer Welten vereint.

Brahma erschuf in diesem Schöpfungsmythos als erstes die elf Vor-Menschen aus seinem Geist heraus, die sogenannten Prajapatis, sowie die sieben großen Weisen, genannt Saptarishi, die Rishis, die später die vedischen Lehren begründeten. Brahma ist Teil der hinduistischen „Trimurti“ (Dreifaltigkeit), zu der außerdem Vishnu (der Erhalter) und Shiva (der Zerstörer zum Neuanfang) gehören.

Sarasvati, die Shakti des Brahma

Um ihm bei der Schöpfung zu helfen, schuf er eine Frau, Sarasvati, als weibliche Kraft (Shakti) und weibliche Personifikation des absoluten Urgrundes Brahman und Göttin der Weisheit und Gelehrsamkeit. Der Legende nach war sie jedoch so schön, dass Brahma seine Augen nicht von ihr lassen konnte. Sarasvati war das unangenehm und sie versuchte, seinen Blicken auszuweichen. Um sie dennoch weiter beobachten zu können, wuchs Brahma ein fünfter Kopf.

Selbst Sarasvatis Idee sich in verschiedene Geschöpfe zu verwandeln, fruchtete nicht: Brahma nahm dann jeweils deren männlichen Part ein. Als Mahnung für sein ungöttliches Verhalten entfernte Shiva Brahmas fünften Kopf wieder. Da es ihm nicht gelungen war, seine Seele von den körperlichen Gelüsten zu trennen, wurde er zudem mit einem Fluch belegt: die Menschen sollten Brahma nicht verehren.“

Vishnu, der Erhalter

Vishnu, der Erhalter, manifestierte sich in einer Vielzahl verschiedener Avatare. Um den Dharma im Sinne einer gerechten kosmologischen und menschlichen Ordnung zu schützen, inkarniert er sich immer, wenn die Weltordnung (Dharma) auf der Erde ins Schwanken zu geraten droht. Diese Inkarnationen waren der Mythologie nach:
1. Matsya – Fisch, zieht in der großen Flut die Arche
2. Kurma – Schildkröte, trägt den Berg Mandara beim Quirlen des Milchozeans auf ihrem Panzer
3. Varaha – Rieseneber, rettet die Erde in Gestalt der Göttin Bhudevi aus dem Urozean
4. Narasimha – Mann mit Löwenkopf, tötet den Dämon Hiranyakashipu
5. Vamana – Zwerg, wächst zum Riesen heran und misst mit drei Schritten die Welt aus
6. Parashurama – „Rama mit der Axt“, Vishnu in Menschengestalt als Rächer eines Brahmanenmordes
7. Rama – der Held des Epos Ramayana, nicht mit der 6. Inkarnation identisch
8. Krishna – „der Schwarze“, Verkünder der Bhagavad Gita
9. Buddha – manchmal auch Balarama, der Bruder Krishnas
10. Kalki – zukünftige Inkarnation Vishnus als Reiter auf dem Pferd, der den Dharma wiederherstellt

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Lakshmi, die Shakti von Vishnu

Lakshmi ist die hinduistische Göttin des Glücks, der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Wohlstandes, der Gesundheit und der Schönheit. Sie ist nicht nur Spenderin von Reichtum, sondern auch von geistigem Wohlbefinden, von Harmonie, von Fülle und Überfluss, und ist gleichzeitig die Beschützerin der Pflanzen. Sie ist die Shakti, die erhaltende Kraft Vishnus, und dessen Gemahlin.

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Shiva, der Zerstörer und Erneuerer

Shiva („Glückverheißender“) dagegen zerstört und löst auf, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Einige Puranas bezeichnen Shiva als höchste Manifestation des Einen, weswegen er auch Mahadeva, „der große Gott“, genannt wird. Er gilt als Vater von Ganesha, der Überwinder aller Hindernisse.

Verschiedene Puranas berichten in unterschiedlichen Versionen über dessen Ursprung: Nach einer Legende wurde Ganesha von Shivas Gattin Parvati während dessen Abwesenheit modelliert und zum Leben erweckt, damit sie eine eigene Wache habe, während sie badete. Ganesha, wie er später genannt wurde, verwehrte Shiva den Eintritt, und dieser schlug ihm im Zorn den Kopf ab. Aus Reue über die Tat erweckte er ihn wieder zum Leben, indem er einen Elefanten töten ließ und dem Knaben dessen Haupt aufsetzte.

Parvati, die Gemahlin des Shiva

Parvati („Tochter der Berge“) ist eine hinduistische Muttergöttin, die als die Gattin und Shakti des Shiva und Mutter von Ganesha und Murugan gilt. Sie ist die Tochter von Himavat, dem Gott der Himalaya-Berge, und der Apsara Mena (Menga) sowie die jüngere Schwester der Ganga, der göttlichen Verkörperung des Ganges. Parvati verkörpert die treue, geduldige, hingebungsvolle, liebende, liebliche, ideale und gehorsame Ehefrau.

Sie ist Personifikation von Gatten- und Mutterliebe. Sie ist der gnädige, mütterliche, gütige, sanfte, fürsorgende, helle, liebende und freundliche Aspekt der Mahadevi, der „großen Göttin“. Zusammen mit ihrem Mann Shiva und ihrem Sohn Ganesha bildet sie das perfekte Beispiel und Vorbild einer idealen Hindufamilie. Parvati hat viele verschiedene Erscheinungsformen, darunter auch Durga und Kali.

Shivas Gattin war jedoch nicht immer Parvati.

Es heißt, in erster Ehe sei Shiva mit Sati verheiratet gewesen. Durch seinen ungewöhnlichen Lebensstil als Asket geriet er jedoch in Konflikt mit Satis Vater Daksha, sodass das Ehepaar zu einem Opferfest nicht eingeladen wurde. Sati war in ihrem Stolz als Ehefrau so gekränkt, dass sie sich bei lebendigem Leib verbrannte, um die Ehre ihres Mannes wiederherzustellen. Danach wurde sie von der Erde verschlungen und unter dem Namen Parvati wiedergeboren. Shiva hatte sich unterdessen in der Amarnath Guva (in Indien), die keiner betreten konnte, in eine ewige Meditation versenkt.

Als aber Parvati vor der Höhle stand, kam sie herein und sah Shiva. Sie weinte vor ihm und er erwachte aus seiner Tapasya (Meditation), da der Liebesgott Kamdev ihn mit einem Liebespfeil erwecken wollte. Shiva machte sein drittes Auge auf und vernichtete Kamdev. Er weigerte sich Parvati zu erkennen, aber er wusste, dass seine Sati vor ihm wiedergeboren stand. Parvati weinte und entschloss sich, in Meditation zu versinken um Shiva zu gewinnen.

Sie erstellte einen Shivalinga aus Eis und setzte sich vor ihn und fing an für ein Jahr zu meditieren.

Nach einem Jahr war sie zerbrechlich geworden und hatte keine Kraft mehr. Shiva kam in die Höhle und sah sie. Er gab ihrem Körper wieder Leben hinzu und sie wachte auf. Sie hatte Shiva wiedergewonnen und war kein Mensch mehr, sondern die Gemahlin von Shiva für den Rest ihres Lebens und somit auch ein Gott. Heute noch wird Parvati (Sati) sehr von Mädchen angebetet, weil sie eine sehr starke Frau war und eine Nachricht an Mädchen hinterließ, die besagt, dass man Mädchen niemals als schwach bezeichnen oder sehen sollte und dass Mädchen ihre Ehre schützen sollen.

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Historische Tempelanlagen in Tamil Nadu

Mahabalipuram – Die kosmologischen Aspekte der Sakralarchitektur

Mit diesem Wissen ausgestattet, starten wir in den nächsten Tag, der uns zuerst an die historischen Tempelstätten von Mamallapuram (Mahabalipuram) führt, die zu den wichtigsten archäologischen Fundorten Südindiens aus dem 7. Jahrhundert gehören und damit der Pallava-Dynastie zugerechnet werden.

Die Tempel von Mamallapuram zählen zusammen mit den Tempelbauten in Kanchipuram, zu den ältesten erhaltenen Bauwerken Südindiens, und gelten als Ausgangspunkt für die Entwicklung des Dravida-Stils, der die Tempelbauarchitektur Südindiens charakterisiert und sich bis nach Südostasien ausdehnte. Der Tempelgrundriss ist ein Mandala, ein heiliges geometrisches Diagramm, und gleichzeitig ein Abbild der Struktur des Universums. Alle architektonischen Aspekte der Tempelarchitektur spiegeln das Pantheon der Götter auf Erden als Modell wider. Astronomie und Astrologie als untrennbare Ordnungsprinzipien der Welt bilden die Grundlage der Tempelarchitektur.

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Der Küstentempel (Shore Temple) von Mamallapuram befindet sich direkt am Strand und beherbergt einen dem Gott Shiva geweihten Schrein mit einem Lingam sowie einen Nebenschrein für den Gott Vishnu, der hier als Narayana auf der mythischen Schlange Ananta ruhend dargestellt ist.

Bei den Fünf Rathas handelt es sich um fünf monolithische Tempel,

wobei ein Ratha einen hinduistischen Prozessionswagen nachbildet. Diese Fünf Rathas sind nach den mythischen Pandava-Brüdern aus dem Mahabharata-Epos und deren gemeinsamer Gattin Draupadi benannt.

Das Felsrelief „Herabkunft der Ganga“ ist ein Flachrelief, das als eines der größten) Felsreliefs der Welt gilt. Nach der hinduistischen Mythologie ließ der König Bhagiratha den Ganges vom Himmel fließen, um die Seelen seiner Vorfahren zu reinigen. Aber die Dinge geschahen nicht wie geplant und der König bemerkte, dass der Fluss die ganze Erde überschwemmen würde.

Daher tat er Buße mit dem Ziel, Hilfe von Shiva zu erhalten, um die zu erwartende Katastrophe abzuwenden. So stieg der Gott zur Erde hinab und bezwang den Ganges, indem er ihn durch sein Haar fließen ließ. Dieses Wunder lockte eine Menge Wesen an, die kamen, um es zu beobachten.

Kraftorte mit den Tempeln Shivas, die den Elementen zugeordnet sind

Nach unseren ersten Rückblicken in die historische Vergangenheit der Pallava-Dynastie begeben wir uns auf den Weg in südlicher Richtung entlang der Küste. Wir erreichen zuerst einmal Pondicherry (Puducherry), eine Enklave der ehemaligen französischen Machthaber in der Kolonialzeit Süd-Indiens, und heute Standort des 1926 gegründeten Sri Aurobindo Ashrams.

Der bengalische Philosoph und Mystiker Aurobindo Ghose (Sri Aurobindo) wurde 1910 aus politischen Gründen von den britischen Kolonialherren in das französisch verwaltete Pondicherry verbannt. Hier entwickelte Aurobindo die Lehre vom Integralen Yoga und gründete mit der Französin Mirra Alfassa einen Ashram. Im Laufe der Jahre sammelten Aurobindo und Alfassa, die von ihren Anhängern „Die Mutter“ (The Mother) genannt wird, eine immer größere Schar von Anhängern ihrer Lehre um sich.

Auroville – die Stadt der Morgenröte

Die Stadt Auroville – ein Stück außerhalb von Pondicherry gelegen und mit heute rund 2500 Einwohnern besiedelt – gilt als utopisches Wohn-, Lebens- und Bewusstseinsexperiment, das im Jahre 1968 von Mitgliedern des Sri Aurobindo Ashrams unter der Führung von Mira Alfassa gründet wurde.

Im Besucherzentrum kann man sich in einer ständigen Ausstellung die Geschichte und Philosophie der Ansiedlung ansehen und erhält Informationen über aktuelle Projekte und Aktivitäten der Bewohner. Der Entwurf für die Stadt stammt von dem französischen Architekten Roger Anger.

Im Zentrum Aurovilles steht das Matrimandir, der „Tempel der Mutter“,

ein futuristisch modernes Bauwerk in Form einer goldenen, sphärisch abgeflachten Kugel, das als Ort der Meditation und Kontemplation dient.

Das Matrimandir ist so ausgerichtet, dass das Sonnenlicht zu einer bestimmten Stunde durch die obere Öffnung in der Kugel in den großen Raum im Inneren fällt und so den Tempel in eine einzigartige Atmosphäre taucht, die die Hingabe und Herzöffnung an Mutter Erde unterstützt.

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Den Besuch dieses Ortes erlebe ich als außerordentlich inspirierend:

Ein Grundgedanke der Gemeinschaft ist beispielsweise, dass Allen Alles gehört. Häuser, die auf das Land der Community gebaut werden, gehören der Community – auch wenn ein eigenes lebenslanges Wohnvorrecht darin bestehen bleibt.

Die Häuser Aurovilles sind teilweise von beeindruckender architektonischer Baukunst, die man sonst selten findet, hier jedoch gibt es Platz und Freiheit zu experimentieren ohne große behördliche Einschränkungen. Jegliches Handeln innerhalb der Community muss immer der ganzen Gemeinschaft dienen – so werden Entscheidungen in Gruppen so lange diskutiert bis es einen einstimmigen Beschluss gibt.

Außerdem gibt es eine Währung, die nur innerhalb Aurovilles gilt und mit der man ausschließlich bezahlen kann. So möchte man den Handel und Warenkreislauf innerhalb der Gemeinschaft stärken – an die übrigens viele dörfliche Gemeinden angeschlossen sind, wobei die Einwohner des Umlands somit ebenfalls vom Projekt Auroville profitieren.

Chidambaram – der Shiva-Tempel des Elements Äther – des Raums und des Klangs

Nach diesen beeindruckenden Erlebnissen machen wir uns weiter auf den Weg nach Chidambaram, einem wahrhaft erhebenden Tempelplatz: der Nataraja-Tempel ist der Emmanation Shivas als „Nataraja“, dem König der Tänzer, geweiht und ist eines der wichtigsten Heiligtümer des Hinduismus.

Als Nataraja führt Shiva den kosmischen Tanz der Glückseligkeit in der Halle des Bewusstseins auf. Der vierarmige Tänzer tanzt inmitten eines Flammenkreises, der sowohl die sich ausbreitende Energie des Gottes als auch den Rand des Universums symbolisiert.

Der Nataraja-Mythos erzählt folgende Geschichte:

Eines Tages begegnete Shiva als wandernder Asket einer Schar ketzerischer Rishis und beschloss sie wegen ihrer Verfehlungen zu bestrafen. Er brachte Vishnu mit, der die Form der schönen Mohini annahm und die Weisen bezirzte. Währenddessen verführte Shiva ihre Frauen.

Die Weisen wurden zornig und hetzten nacheinander einen Tiger, einen Elefanten, eine Schlange und eine Antilope auf Shiva, um ihn zu töten. Shiva aber besiegte die Tiere und trug ihre Haut (Tigerfell, Elefantenhaut etc.) als Schmuck. Er bezwang sogar den zwergenhaften Dämon Apasmara und begann auf seinem Rücken zu tanzen, sodass die Weisen sich Shiva unterwarfen.

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Der Tempel wird speziell mit ākāśa (Äther, Raum oder Himmel) assoziiert, dem fünften der fünf Elemente, das auch als Klangmedium bekannt ist. Shiva Nataraja wird hier mit sonoren Praktiken gefeiert, zu denen das Läuten von zwei großen Tempelglocken gehört.

Der Tempel ist ein riesiges Gebäude mit von den Butterlampen schwarz gefärbten Mauern und Steinen, die sich um das innere Heiligtum, den Lingam, aneinanderreihen. Mein Erster Besuch in diesem Tempel erlaubte es mir kaum Ruhe zu finden, die Energie war so hoch, dass ich fluchtartig den Tempelkomplex verlassen musste.

Einige Jahre später – nach diversen spirituellen Prozessen –

erlebe ich den Besuch dieses Ortes vollkommen anders: ich möchte gar nicht mehr weg, so sehr nimmt mich die Energie im Tempelinneren gefangen und ich erträume mir eine Auszeit an diesem Ort, an dem ich jeden Tag in diesem Tempel meditieren kann.

Etwa 15 km östlich von Chidambaram beginnt ein riesiges Labyrinth von unzähligen Kanälen und Wasserwegen, den sogenannten „backwaters“. Die Mangrovenwälder kann man von Pichavaram aus auf einer Bootsfahrt erkunden – was wir kurzentschlossen dann auch tun und in vollen Zügen genießen: In dem sonst so quirligen, lauten und bunten Indien, dessen Eindrücke manchmal überwältigend sind, finden wir so ein Stück Ruhe in wunderschöner Natur.

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Thiruvannamali – der Shiva-Tempel mit der Kraft des Feuers

Die Stadt Thiruvannamalai liegt am Fuße eines uralten, erloschenen Vulkans. Die Kraft des Elementes Feuer ist schon im weiten Umkreis deutlich spürbar: Die sonst schon ausgeprägte Lebendigkeit auf den Straßen verwandelt sich förmlich in Unruhe, je näher wir dem Heiligen Berg, dem Arunachala, kommen.

Der Arunachala und sein Tempel Arunachalesvara ist eines der wichtigsten Pilgerzentren im Süden Indiens. Der heilige Berg, der als Manifestation Shivas gilt, steht für den Shiva-Aspekt der Heilung, im Sinne von geheilt werden und auch die eigenen Heiler-Fähigkeiten zu stärken.

Ende Februar/Anfang März zum Shivaratri-Fest wird der heilige Berg Arunachala von mehr als 1 Million Pilgern umrundet, damit Shivas heilende Kräfte in den Menschen wirken können und die Selbstheilungskräfte gestärkt werden. Zum Lichterfest, dem Karthigai Deepam, gegen Ende des Jahres reisen Tausende von Pilgern an um auf oder am Berg zu Ehren Shivas Ghee zu opfern. In der Vollmond-Nacht wird das gesammelte Ghee entzündet und es entsteht eine weithin sichtbare Flamme.
In der Stadt um den Tempel wird das Fest mit Feuerwerk und einem Umzug gefeiert.

Mit diesem Ort verbinden mich so viele Erlebnisse und Erinnerungen,

die sehr besonders sind und für mich kaum fassbar waren – vielleicht auch weil in mir, laut den Angaben des Swamy, die Kraft des Shiva wohnt und meine astrologische Konstellation maßgeblich mit dem Feuer verbunden ist.

Die Umrundung des heiligen Berges in der Vollmond-Nacht zum Lichterfest bewirkte bei mir Folgendes: am nächsten Morgen – nach kurzem Schlaf – sprachen mich die Menschen in meiner Umgebung auf meine Heilkräfte an.

Einer der Servicekräfte aus dem Hotel bat mich um eine Behandlung mit Heilsteinen, er hätte gehört, dass ich dessen mächtig wäre. Ich war mehr als überrascht, denn dass ich damit arbeite ist in Indien niemandem bekannt gewesen. Nach dieser Heilsitzung bestellte ich mir ein Taxi um in das Dorf zu fahren.

Der Taxifahrer, ebenfalls ein Inder, der mir absolut fremd war, kam bereits nach zwei, drei Sätzen auf den Punkt:

er bat mich eindringlich ihm eine Heilsitzung zukommen zu lassen, denn er könne sehr gut sehen, dass ich über entsprechende Kräfte verfüge. Ich war völlig perplex und traute dem kaum, aber ich vereinbarte mit ihm auf der Rückfahrt anzuhalten und zu sehen, was ich machen könne.

Im Dorf angekommen war mein Bekannter, den ich besuchen wollte, von starken Kopfschmerzen geplagt und bat mich um Hilfe – auch er wusste im Vorfeld nichts von meinen Fähigkeiten. Er litt sehr, ich konnte aber wahrnehmen, dass es auf einem geistig-emotionalen Problem beruhte. Die Behandlung verstärkte zuerst sein Übel deutlich, am nächsten Morgen ließ er mich jedoch wissen, dass sich über Nacht eine wunderbare Wandlung eingestellt hat und sein Problem und auch seine Kopfschmerzen aufgelöst waren.

Mein Taxifahrer ließ auch auf der Rückfahrt nicht locker und irgendwo neben der Straße hielten wir an und ich ließ ihm eine Energiebehandlung zuteilwerden. Ihm ging es wirklich schlecht. Abgemagert, ausgezehrt und vom Schicksal völlig überlastet hatte er einen großen Packen zu tragen in seinem Leben und schien ziemlich am Ende seiner Kräfte zu sein.

Die Behandlung war so intensiv, dass der arme Kerl fast ohnmächtig wurde, aber er beschwor mich weiter zu machen. Ich sah ihn nicht mehr danach auf dieser Reise – aber im nächsten Jahr, als ich wieder ein Taxi brauchte, fragte ich an der Hotelrezeption nach ihm. Sie sagten mir, er stehe mir zur Verfügung, ich solle nur rausgehen, das Taxi sei bereit zur Abfahrt.

Ich ging zum Taxi und wieder zurück zur Rezeption und meinte, das ist er nicht. Der Rezeptionist lächelte und sagte „doch, gehen Sie nur.“ Ich ging wieder zum Auto und stieg ein. Wir sahen uns an und der Taxifahrer begrüßte mich voller Freude und Dankbarkeit über das Wiedersehen – und langsam dämmerte mir, dass dieser wohlbeleibte, starke und kräftige junge Mann mit klarem Geist und in guter Verfassung mein letztjähriger Klient war!

Zu Füßen des Arunachala liegt ein weiterer Anziehungspunkt und Pilgerstätte:

der Ramana Maharshi Ashram, der jährlich unzählige Pilger anzieht. Ramana Maharshi, ein großer indischer Guru, erreichte an diesem Ort Samadhi und lebte 17 Jahre in der Virupaksha-Höhle auf dem Berg in schweigender Meditation. Später lebte er zusammen mit seiner Mutter und einigen Anhängern im kleinen Skandashram auf dem Berg.

Nachdem seine Mutter starb, beerdigte er sie am Fuße des Arunachala. Um ihr Grab herum entstand der Ashram, der auch heute noch viele Pilger und große Gelehrte anzieht. Ramana Maharshis Lehre beinhaltet als Quintessenz, dass eine Erkenntnis der wahren, göttlichen Natur des Menschen von seinem Verstand verschleiert wird.

Nahezu alle Verstandestätigkeiten, ob bewusst oder unbewusst, dienen dem Errichten und der Aufrechterhaltung des Egos, einer „Ich“-Vorstellung. Ein Hauptaugenmerk der spirituellen Praxis (Sadhana) soll nach seiner Auffassung darauf liegen, den illusorischen Charakter dieses Zentrums offenzulegen. Wenn es vollständig zusammenbricht, kommt das eigentliche Selbst dauerhaft zum Vorschein.

Ein direkter Weg dorthin ist laut Ramana durch stetes Hinterfragen unserer Gedanken –

des Geistes – zu erreichen, denn der wahre Guru, dem wir folgen sollen, liegt in uns selbst, in unserem eigentlichen Selbst und das können wir alleine finden. Der andere Weg zur Erleuchtung ist laut Ramana „Bhakti“, das bedingungslose Ergeben in das Schicksal.

Das funktioniert jedoch nur, wenn man jeglichen Glauben an Individualität und einen freien Willen loslässt und sich völlig der höheren Macht, dem Schicksal oder Gott, hingibt, sich ihm unterwirft, seine Hilflosigkeit anerkennt und dabei jeden Gedanken an ‚ich’ und ‚mein’ aufgibt. „Wahre Hingabe ist die Gottesliebe um der Liebe Willen und um nichts anderes, nicht einmal um Erlösung zu erlangen oder darum zu bitten“, sagt der Guru Ramana Maharshi.

Der Besuch der Höhlen des Ramana Maharshi war für mich ein ebenfalls prägendes Erlebnis:

die Energie des Heiligen ist dort so präsent – auch wenn er schon mehr als 100 Jahre dort nicht mehr lebt – dass seine Erkenntnisse in der Höhle auch ohne vorheriges Wissen über seine Lehre für meditierende und offene Geister leicht zugänglich und erfahrbar sind.

Ein anderes Mal bestiegen wir in kleiner Gruppe den Berg bis zum Gipfel. Aufbruchszeit für die Wanderung war um 5 Uhr morgens, damit wir nicht allzu lange in der Mittagshitze wandern müssten. Der Aufstieg mit dem Guide dauerte knapp 4 Stunden. Wir mussten über glatte Felsabbrüche balancieren, uns steile Klippen hinaufziehen und unter übereinander gestürzten Felsblöcken durchzwängen – ein wahrhaft anstrengender und keineswegs leichter Aufstieg.

Oben angekommen gab es eine kleine Hütte, die vor schlechtem Wetter ein wenig Schutz bot.

Unser Guide erzählte, dass er in früheren Zeiten für einige Jahre täglich hier herauf marschierte um seinem Guru, der hier für viele Jahre lebte, Nahrung zu bringen. Er benötigte nach einiger Zeit für den Auf- und Abstieg circa 2 Stunden!

Wir brauchten nochmal gute 3 Stunden um den Weg wieder zurück zu finden an den Fuß des heiligen Berges und kamen erschöpft aber wohl gelaunt unten an. Es war das erste Mal nach meiner Rückenoperation mit einem leicht hinkenden linken Bein, dass ich in der Lage war, so einen Gewaltmarsch zu bewältigen.

Ich betete fast den ganzen Weg über zu Shiva und bat um Erweiterung meiner körperlichen Grenzen. Am Ende musste ich zwar unterstützt werden um heil herunter zu kommen, aber diese Wanderung übersteigt auch rückblickend jegliche andere alpine Herausforderung, die ich zuvor und auch danach bewältigt hatte.

Das also sind die Kräfte Shivas, seiner Emmanationen und der zugeordneten Elemente, die wir in diesem Land eindringlich erfahren können.

Ich sage immer, eine Reise nach Indien lässt Dich anders zurückkommen, als Du hingefahren bist. Indien transformiert den Geist, die Seele und den Körper. Ein Land, das über enorme spirituelle Kräfte verfügt, wenn wir uns denn darauf einlassen können, sie uns bewusst machen und bereit sind uns ihnen hinzugeben.

20.02.2020
Alexandra Maria Stenner
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