Märchen erzählen – Bilder von Träumen, Spiegel der Seele

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maerchen kind-loewe mammalMärchen erzählen – Bilder von Träumen, Spiegel der Seele

Nicht nur für Kinder: Märchen schenken Hoffnung, machen Mut und berühren unsere Seele.

Der Inhalt von Märchen ist das Leben selbst: Sie sind die Essenz der Lebenserfahrung und -weisheit so vieler Menschen Sie schaffen eine Welt voller Wunder … oder besser: öffnen unsere Augen für diese. Und sie antworten in Bildern, die uns in der Seele berühren, auf die großen Fragen, die sich uns allen im Leben stellen. „Menschen hungern nach solchen Geschichten: Geschichten, die etwas mit unserem Leben zu tun haben“, weiß Sabine Lutkat, Präsidentin der Europäischen Märchengesellschaft.

Märchen sind Nahrung für die Seele – und beileibe nicht nur die von Kindern.

Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, wie wichtig das Erzählen von Märchen gerade für die kindliche Entwicklung von Intelligenz und der Fähigkeit zur Lebensbewältigung ist. Der Neurobiologe Gerald Hüther nennt es im Vorwort zu „Märchen für die Seele“ gar ein „Superdoping für Kindergehirne“: Märchen beflügeln die Fantasie, schenken Empathie, erweitern den Wortschatz und geben Vertrauen in die Zukunft. Wir alle, ob klein oder groß, lernen am besten dann, wenn „die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert werden“ – wie etwa bei einer spannenden Erzählung, wo der Funke zwischen Erzähler und Zuhörer überspringt. Dann bilden sich jene Botenstoffe, die neue Verbindungen zwischen Nervenzellen fördern. Dabei geht es gar nicht primär um die Inhalte des Märchens, das das Kind ja auch selbst lesen könnte. Es geht um den Vorgang des Erzählens bzw. Erzählt-Bekommens, der reine Magie ist.

„Jemand anderem eine Geschichte zu erzählen, das ist eine hochgradige Form der Zuwendung – und das genießt man auch unheimlich“, so Sabine Lutkat. Und zwar groß und klein, denn auch wenn wir erwachsen sind, können wir von der Magie des Erzählens profitieren.

„Märchen bringen die Seele zum Singen“,

sagt Dr. Heirich Dickerhoff, Theologe, Pädagoge, Autor und Herausgeber von Märchenbüchern. Und natürlich auch ein Märchenerzähler, der diese Energie in der Erwachsenenbildung, zur Trauerarbeit oder Traumabewältigung einsetzt. Märchen, so erklärt er, kann man sich nicht ausdenken; denn erst durch die Erzählung über Generationen hinweg werden sie wie ein Diamant zu etwas allgemein Menschlichem geschliffen.

Die typischen Merkmale: Sie gehen gut aus. Die Helden sind die „kleinen Leute“, die Schwachen. „Und das Wunder ist präsent: Die Erfahrung der Anderswelt“, erzählt Dickerhoff. „Durch ihre bildhafte, symbolstarke Sprache sind Märchen den Träumen sehr verwandt.“ Ihre Botschaft lautet: Es gibt Schwierigkeiten – aber du kannst es schaffen. „Dabei erzählen die Märchen nichts Neues, vielmehr wecken sie bestimmte Ressourcen, die in uns schlummern.“ Was einem spontan dazu als Interpretation einfällt, ist immer das Richtige für einen:

Die universelle Sprache der Märchen spricht alle an und berührt doch jeden unmittelbar und individuell.

Märchen behandeln vor allem drei große Lebensfragen.

Die erste Herausforderung: erwachsen werden, eigenverantwortlich leben, aus dem Kontext des Elternhauses aufbrechen. Der jugendliche Held ist das Bild für den sich entwickelnden Menschen. Es gibt in Märchen fast keine guten Eltern, denn die Aufgabe lautet: Ich muss die Eltern verlassen, bzw. mich von den Erwartungen lösen, die ich als kleines Kind an sie hatte.

Die zweite Frage: Wie viele Vertrauensbeziehungen wagen wir? Dickerhoff: „Die Märchen bestätigen: Am Ende ist Liebe und Vertrauen immer stärker als Tod und Verrat.“ Und die dritte Lebensfrage erscheint meist nicht in den Haupt-, sondern den Nebenfiguren: Abschied nehmen lernen, von einer Aufgabe, dem aktiven Gestalten, dem Leben selbst.

„Das norwegische Wort für Märchen ist „eventyr“ – was auch Abenteuer bedeutet. Und das kommt vom lateinischen „advent“: “das, was auf einen zukommt.“, erklärt Dickerhoff. Im Märchen bricht man auf, um sich seinem Abenteuer, seiner Zukunft zu stellen. „Jeder muss aufbrechen, auch ich muss aufbrechen, sagt uns das Märchen“, so Dickerhoff. „Du wirst aber nur gehen, wenn du glauben kannst, dass du Unterstützung bekommst – mehr, als du jetzt vielleicht ahnst. Das ist im Märchen wie bei „Herr der Ringe“ oder auch „Harry Potter.“

Fantasyfilme bedienen sich einer ähnlichen Bildsprache wie Märchen, erklärt der Experte.

Sie spiegeln auch unsere Sehnsucht nach Abenteuer und Geheimnis. Aber Filme geben Bilder vor – und die Magie des Märchenerzählens besteht ja gerade darin, dass die Menschen ihre eigenen Bilder entdecken. Mit Präsenz fesselt der Märchenerzähler die Zuhörer – mit Bildhaftigkeit, Merkbarkeit, Verständlichkeit und hoher Sprachkompetenz lässt er Bilder bei den Zuhörern entstehen.

Für Barbara Greiner-Burkert, Märchenerzählerin und Buchautorin, ist dies das Spannendste am Erzählen: „Die Figuren stellt sich jeder ganz unterschiedlich vor. Erzählen schafft Raum für den eigenen Film im Kopf.“ Wenn sie für Erwachsene erzählt, wo sie auf einer Ebene mit ihren Zuhörern ist, erzählt sie ganz anders als für Kinder, kann anders ausschmücken, mit Ironie arbeiten, ihr Publikum anders miteinbeziehen. Sie wählt ihre Märchen nach dem festlichen oder freudigen Anlass aus. Ihr aktives Repertoire umfasst 20 bis 30 Geschichten; 50 bis 60 hat sie schon einmal erzählt und kann sie sich vor dem Auftritt schnell aneignen. Denn der Anspruch ist das völlig freie Erzählen – weder das Vorlesen noch das Auswendig lernen.

„Jeder Erzähler macht aus dem Märchen sein eigenes“,

  erzählt sie aus der Praxis. Die Symbolik hat ihren Sinn und sollte behalten werden; zudem wird in Märchensprache, nicht Alltagssprache erzählt: bestimmte Redenwendungen, zauberhafte Formeln. Um sich das Märchen anzueignen, gibt es verschiedene Methoden, die allesamt mit dem imaginieren zu tun haben. „Die gängigste: Ich teile das Märchen in kleine Bildsequenzen auf, die ich dann wie einen Film im Kopf ablaufen lasse. Dann erzähle ich, was ich sehe.“

Märchenerzähler steuern ihre Geschichte mit Stimme und Erzähldynamik; setzen Lautstärke, Geschwindigkeit und Pausen bewusst ein. Doch am wichtigsten ist das Gegenüber: „Der Zuhörer ist genau so wichtig wie der Erzähler“, so die Märchenerzählerin. „Schauspieler können ihr Publikum ausblenden, doch bei uns ist es elementar, was beim Erzählen zurückkommt. Diese Interaktion macht es so spannend! Kein erzähltes Märchen ist gleich: Es ist ein Miteinander.“

Vom Kindergarten zum Seniorenkreis, vom Studentenwohnheimen zur Weihnachtsfeier:

„Es gibt keinen Bereich, wo man Märchen nicht einsetzen kann“,

so Sabine Lutkat.
„Sie haben überall dort einen Platz, wo Menschen sich mit sich, der Welt und dem Leben auseinandersetzen.“ Und Heinrich Dickerhoff: „Die Menschen kehren liebend gerne zu alten Märchen zurück. Da gibt es eine riesige Nachfrage.“ Die bekanntesten bei uns sind fraglos die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. „Von diesen gibt es weit mehr als 200 – doch nur zehn bis 15 davon sind den meisten bekannt“, so die Präsidentin der Märchengesellschaft. Es lohnt sich, einen tieferen Blick in die reiche Fülle an Märchen aus aller Welt zu werfen. Sie können unseren Erfahrungen einen Sinn geben, wenn wir bereit sind, den Bezug zum eigenen Leben herzustellen.

Weitere Inspiration & Information
Webseite der Märchengesellschaft: www.maerchen-emg.de
Heinrich Dickerhoff (Hg.): Märchen für die Seele. Königsfurt Urania Verlag
Barbara Greiner-Burkert: Richtig Gut Erzählen. Tausendschlau Verlag
www.greiner-burkert.de

24.09.2021
Martina Pahr
Autorin, Bloggerin und PR – Expertin

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Martina Pahr

ist Autorin, Bloggerin und PR – Expertin, hat vor einigen Jahren den Sprung ins kalte Wasser gewagt und sich selbständig gemacht. Seither tut sie, wovon sie immer geträumt hat, und lebt vom Schreiben.
Beruflich wie auch privat setzt sie sich mit den spirituellen Aspekten des Lebens und den vielen Erscheinungsformen der New-Age-Bewegung auseinander – und nicht immer ist ihr gesunder Menschenverstand überzeugt von dem, was er vorgesetzt bekommt. Sie glaubt ungebrochen an das (viel zu oft ignorierte) Göttliche im Menschen: Eigenverantwortlichkeit und Eigenmächtigkeit, Selbstwert und Selbstheilungskräfte.
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