Mensch-Sein

Wann brauchen wir eine Meinung?

FigurKeine Meinung

Wie beginnt man einen Artikel, in dem man seine Meinung kundgibt, dass man sich möglichst von seiner Meinung distanzieren oder am besten keine Meinung haben sollte? Das Ganze ist natürlich etwas paradox – aber ich will es trotzdem versuchen.
Also wo beginnen wir? Am besten bei der Frage:

Wofür die Meinung?

Zu allem was wir in unserer Umwelt sehen und uns widerfährt, bilden wir sofort eine Meinung. Egal, ob es sich um einen anderen Menschen handelt, einen Gegenstand, ein Erlebniss oder eine Situation, wir beurteilen es, teilen es ein in gut oder schlecht und beschließen, ob wir uns davon betroffen fühlen und wie wir es für unsere Agenda nützen können.
Um zu entscheiden, wie man selber handeln soll, ist es natürlich hilfreich, das Erlebte einzuordnen und zu beurteilen. Man braucht einen Maßstab an dem man misst, ob man etwas tun oder unterlassen soll. Man braucht Erfahrungen und moralische Vorstellungen. Ohne Meinungen ist es also schwierig oder fast unmöglich in dieser Welt zu handeln.

Meinungen sind immer emotional.

Wir glauben gerne, dass wir sehr rationale Menschen sind. Mittlerweile hat die Neurowissenschaft1 jedoch bestätigt, dass wir eigentlich all unsere Entscheidungen basierend auf unseren Gefühlen treffen. Der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen sagt etwa, dass nicht die Vernunft primär unser Handeln lenkt, sondern Affekte und Emotionen. Und das geschieht meist unbewusst.

„Und da passiert es, dass wir auf die Frage: ‘Warum hast du dich gerade so entschieden?’, irgendetwas zusammenreimen, weil wir zu den unbewussten Motiven und Impulsen schlicht keinen Zugang haben.“

Das heisst, dass unsere Meinungen auch immer größtenteils auf Emotionen basieren. Besonders ausschlaggebend unsere Entscheidungen scheinen das Gefühl der Angst sowie die Hoffnung auf Belohnung zu sein.

Wann brauchen wir eine Meinung?

Ich habe den Eindruck, dass es uns nicht gut tut, wenn wir zu Allem und Jedem eine Meinung bilden. Ja, wenn wir handeln müssen, kommen wir nicht ganz darum herum, aber selbst dann sollten wir uns vor Augen halten, dass unsere Sicht der Dinge einseitig ist. Und wir sollten uns darin üben, nur vorübergehend Position zu beziehen und dazu bereit sein, unsere Einstellung jederzeit wieder zu korrigieren, wenn sich die Umstände ändern oder wir eine neue Einsicht zu dem Thema haben.
Meist jedoch geht es uns nicht darum, dass wir konkret handeln wollen oder müssen, sondern nur darum, dass wir zu gegebenen Umständen oder Menschen Stellung beziehen wollen. Wir beurteilen (und verurteilen) gerne und fühlen uns nachher besser, denn dieses Gefühl, im Recht zu sein stärkt unser Ego. Und dann tauschen wir diese Urteile mit unseren Freunden aus, um uns dort Bestätigung zu holen. Wir schaukeln uns gegenseitig auf und fühlen uns gut miteinander. Und schon sind wir die Guten und die anderen die Bösen – es tut gut, Gegner zu haben. Da ist es nicht weit bis zum Krieg… zumindest bis zum Zickenkrieg. 😉
Ich glaube, dass der Großteil unserer Meinungen nur unnötiger Ballast sind, den wir mit uns rumschleppen, der uns davon abhält, frei und offen zu sein. Aus Angst verschließen wir uns vor der Welt und projizieren unsere Ängste auf sie.

Eine Meinungspause!

Es ist nicht leicht, der Gewohnheit Meinungen zu bilden und an diesen festzuhalten entgegenzuwirken. Meist passiert das ganze so schnell und unterbewusst, dass wir es gar nicht mitbekommen und wir lieben es auch ganz einfach in unseren Gedanken zu schwelgen. Und ganz nebenbei dreht sich ein Großteil unserer Gespräche um Meinungen – deren Austausch und Bestätigung. Hast du schon einmal versucht ein Gespräch zu führen, ohne Meinungen zu artikulieren? Nicht so einfach, oder?
Aber es geht ja auch gar nicht darum von heute auf morgen alle Meinungen loszuwerden, sondern darum Abstand zu ihnen zu gewinnen und ihnen weniger Kraft zu geben. Es geht darum, mit anderen Menschen (und auch mit sich selber) sanfter umzugehen und sie niemals als Feinde zu sehen. Es geht darum, die Welt nicht als Schlachtfeld zu sehen und nicht mehr kämpfen zu müssen.
Ich lade Dich ein, den Versuch einer Meinungspause zu starten und genau zu beobachten, wie oft Du am Tag Meinungen in deinem Kopf formulierst, verstärkst und verteidigst – im besonderen Meinungen zu Themen, die Dich eigentlich nicht unmittelbar tangieren müssten. Wir können versuchen, uns mit unseren Meinungen solange zurückzuhalten, bis wir sie unbedingt brauchen, um zu handeln, die Meinung nach dem Handeln sofort wieder loszulassen und immer dafür offen zu bleiben, unsere Meinung zu ändern.
Dies ist sicherlich ein guter Schritt für ein entspanntes und offenes Leben und für den Frieden in und um uns…

Sean.


  1. Das Zitat und mehr Infos zu diesem Thema findest du in dem Artikel: Verstand gegen Gefühl auf dasgehirn.info.

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