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Haben Nahtoderfahrungen etwas mit spirituellem Erwachen zu tun?

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Was macht eine Nahtoderfahrung aus?

Nahtoderfahrungen sind keine Phänomene der Neuzeit. Erfahrungen dieser Art werden schon seit Jahrtausenden in allen Kulturen beobachtet und dokumentiert, es gibt Dokumente, die bis in die Zeit von Platon zurückreichen. In den letzten 40 Jahren wurden diese Erlebnisse in den USA und Europa verstärkt erforscht. Befragt wurden und werden dabei zumeist Menschen, die in lebensbedrohlichen Situationen waren und anschließend von außergewöhnlichen, für sie selbst als sehr tiefgreifend empfundenen Erlebnissen im Grenzbereich zwischen Tod und Leben berichten. Dieses Erleben hat sowohl körperliche und psychische als auch transzendente Elemente. Beispiele hierfür sind außerkörperliche Erfahrungen, eine Veränderung der Ich-Vorstellung und eine Ausdehnung des Raum- und Zeitgefühls über die sinnliche Wahrnehmung hinaus, bis hin zu einer Einheitserfahrung. Das alles sind Wahrnehmungen, die ich in zahlreichen Berichten meiner Klienten bestätigt finde, trotzdem ist jede Erfahrung, die ich höre, ganz individuell.

Nahtoderfahrungen sind in den letzten Jahren weit häufiger aufgetreten, als in der Öffentlichkeit bekannt wird. Dies hat vor allem mit den Fortschritten der Medizin und den extrem verbesserten Methoden der Wiederbelebung zu tun – daher können viel mehr Menschen über ihre Erfahrungen zwischen Leben und Tod berichten als früher. Verschiedenen Studien zufolge gibt es in Deutschland zirka vier Millionen Menschen, die eine Erfahrung, die sich als Nahtoderlebnis bezeichnen lässt, gemacht haben sollen.

Forschungen wie die von Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody in den 1970er und 1980er Jahren führten zu einer ersten Enttabuisierung des Themas »Tod und Sterben« in der westlichen Welt. Seitdem wurden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und Fachliteratur über die verschiedenen Aspekte von Nahtoderfahrungen veröffentlicht. Pim van Lommels „Endloses Bewusstsein“ (siehe auch >>> Nahtod-Forschung eines Kardiologen, www.you-tube.com) finde ich an dieser Stelle ganz besonders erwähnenswert

Mit einer Nahtoderfahrung sind viele Fragen verbunden

Mit dieser Art von Erfahrungen sind vielfältige Fragen verbunden, die immer wieder an mich gestellt werden: »Ist eine Nahtoderfahrung nur ein einmaliges, abgetrenntes Erlebnis, oder kann sie ein Tor zu einer lebensverändernden Wende sein? Wie gelingt es, ein Nahtoderlebnis ins Leben zu integrieren, um die Kraft und das Potenzial dieser Erfahrung dafür zu nutzen, lebendiger zu werden und sich dem Leben wirklich zuzuwenden? Haben Nahtoderlebnisse etwas mit spirituell-mystischen Erfahrungen zu tun, die auch Aufwachen, Erwachen und Erleuchtung genannt werden? Ist es nur in einer lebensbedrohlichen Situation möglich, die Essenz und Kraft einer solchen Erfahrung zu spüren, oder auch mitten im Leben? Und wenn es auch mitten im Leben möglich ist, was hindert mich dann daran, in dieser Tiefe zu leben? Und: Wie kann ich Selbsterlebtes auch für die Begleitung anderer fruchtbar werden lassen?«

Die spirituelle Dimension: Über Erkenntnisse der Bewusstseinsforschung

Nahtoderlebnisse werden immer wieder mit Meditationserfahrungen, schamanischen Reisen oder Kundalini-Erweckungen verglichen. Kenneth Ring war einer der Ersten, der in den 1980er-Jahren eine Ähnlichkeit der Erfahrungen vermutet hat zwischen dem, was »spirituelles Erwachen« (er sprach von der »Kundalini-Erweckung«) genannt wird, und einer Nahtoderfahrung.

Von wissenschaftlicher Seite stellt sich immer wieder die Frage, wie es bei Nahtoderfahrungen zu einer solchen Bewusstheitsklarheit kommen kann. Pim van Lommel hat sich als anerkannter Mediziner und Kardiologe in einer aufsehenerregenden Studie damit beschäftigt, ob Bewusstsein überhaupt eine biologische Basis hat. Bisher wird in vielen wissenschaftlichen Disziplinen angenommen, dass Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird. Falls dies aber gar nicht der Fall ist, lässt sich die eben aufgeworfene Frage, wie es zu Bewusstseinsklarheit ohne funktionierendes Gehirn kommen kann, sehr leicht beantworten.

Van Lommels zusammengefasste Ergebnisse in Verbindung mit aktuellen Ergebnissen neurophysiologischer und quanten-physikalischer Forschung, legen nahe, dass das menschliche Bewusstsein nicht an einem bestimmten Ort lokalisiert sein kann. Es kann in jedem Fall nicht ausschließlich im Gehirn lokalisiert sein, denn sonst könnten Menschen, deren Gehirnfunktionen nicht mehr messbar sind, nicht von derart klaren Bewusstseinserlebnissen berichten. »Nichtlokalität« ist ein Begriff aus der Quantenphysik und meint eine Dimension, in der es weder Zeit noch Raum gibt. Van Lommel kommt zu dem Ergebnis, dass Bewusstsein nichtlokal, also nicht an Materie gebunden und deswegen endlos ist. Jeder Teil dieses Bewusstseins ist dann ebenfalls endlos, schlussfolgert van Lommel. Laut ihm ist Bewusstsein subjektiv und lässt sich deshalb auch nicht wissenschaftlich nachweisen. Die Frage »Wer nimmt wahr?« beantwortet er mit: »Nicht das Gehirn nimmt wahr, sondern die Essenz unseres Seins.«

Aber zurück zur konkreten Erfahrung: Wenn ich also in meiner Nahtoderfahrung reines Bewusstsein erfahren durfte, wenn Bewusstsein endlos ist und das endlose Bewusstsein den spirituellen Aspekt des Menschseins darstellt und Spiritualität in verschiedenen Lebenskontexten eine Rolle spielt, dann gibt es wohl auch noch andere Wege zu dieser Erfahrung. Es ist demzufolge gar nicht nötig, fast zu sterben, um die Tiefe und Endlosigkeit des menschlichen Bewusstseins wenigstens für einen Augenblick zu erfahren. Andere Menschen erreichen diesen Zustand vielleicht durch Meditation oder sonstige spirituelle Praktiken. Die Nahtoderfahrung ist eben nur ein möglicher Zugang dazu.

Ankommen in der Essenz des Seins

In meiner Nahtoderfahrung hatte ich in der Begegnung mit der Unendlichkeit das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. Dort, wo ich hingehöre. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich mir dieser Wahrnehmung ganz sicher sei. Ob es nicht eher als ein »Da komme ich her« formuliert werden müsste. Für mich muss es ganz ohne Zweifel heißen: Da gehöre ich hin. Auch meine Klienten berichten mir von diesem Gefühl eines wahrhaftigen »Sich-selbst-Erkennens« und dem großen Wunsch, der auch bei mir auftauchte, diese Wirklichkeit immer wahrnehmen zu können. Eine Klientin sagte in einer Sitzung: »Seither weiß ich, dass alles andere, mein ganzes Leben, ein Traum und nicht wahrhaftig ist.« Und sie fragte mich, ob es im Leben eine Möglichkeit gebe, wieder ganz in diese Essenz ihres Seins zu finden. Diese Frage lässt sich nur durch Menschen beantworten, die diese Essenz ihres Seins bereits gefunden haben.

Antworten darauf lassen sich bei Mystikern aller Traditionen und Jahrhunderte finden. Im Christentum sind es zum Beispiel Franz von Assisi (1181–1226), Meister Eckhart (1260–1328), Johannes Tauler (1300–1361), Theresa von Avila (1515–1582), Johannes vom Kreuz (1542–1592), Thérèse von Lisieux (1873–1897) und viele andere, die in unterschiedlichen Bildern und Worten eindrücklich von ihren Erfahrungen berichten. So schreibt Meister Eckhart: »Soll die Seele Gottes gewahr werden, so muss sie auch ihr Selbst vergessen und sich selber verlieren. Denn solange sie sich selbst sieht und weiß, solange gewahrt sie Gott nicht.« »Sich selber verlieren« bei Meister Eckart bedeutet eben genau dasselbe, wie sein »ganzes Leben als Traum« zu erkennen, wie meine Klientin gesagt hat.

Auch zeitgenössische spirituelle Lehrer, wie zum Beispiel Adyashanti, berichten davon: »Wenn wir einmal einen Augenblick des klaren Sehens erlebt haben, kann sich die ›Blende‹ unserer Wahrnehmung nie wieder ganz schließen. Es mag uns wohl so erscheinen, doch tatsächlich schaltet unser Bewusstsein jetzt nie wieder ganz ab. Ganz in der Tiefe vergessen wir nicht. Selbst wenn wir nur einen ganz kurzen Blick auf die wahre Wirklichkeit erhascht haben, ist etwas in uns dauerhaft verändert […], dadurch werden Energien mobilisiert, die das Leben verändern.« (siehe auch: >>> Adyashanti: Sein. Die wahre Natur der Erleuchtung; O. W. Barth, München 2014, S. 19 )

Über persönliches und spirituelles Wachstum

Den Wunsch nach spiritueller Entwicklung – und damit meine ich ein Streben nach innerem Wachstum in Richtung Ganzheit und die Entdeckung des eigenen, wahren Potenzials – erlebe ich als menschliches Grundbedürfnis. Es ist eine ganz natürliche Bewegung, die zum Leben gehört, so wie die Geburt, das körperliche Wachstum, die persönliche Entwicklung und der Tod.

Menschen begeben sich schon seit Jahrtausenden auf eine innere Suche – geleitet von einer Sehnsucht, von der zunächst meist unklar ist, auf was sie sich eigentlich richtet. Damit verbunden sind Fragen wie: »Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was ist der Sinn dieses Daseins?« Im Laufe eines Lebens wird oft deutlich, dass Beruf, materieller Besitz und Beziehungen das Leben zwar abwechslungsreich machen, dass sie aber letztlich keine Antworten auf diese Fragen bieten. Es muss etwas geben, das darüber hinaus geht. Etwas, das erahnt wird und Bestätigung finden will. Der Mensch ist als spirituelles Wesen auf der Suche danach, sich selbst zu erkennen – zu erkennen, wer er in Wirklichkeit ist. Ein Nahtoderlebnis kann einen kurzen Einblick in diese Selbsterkenntnis geben und deshalb bei Betroffenen der Auftakt zu einer weiteren spirituellen Suche sein.

Aufwachen, Erwachen oder Erleuchtung finden

Dieser innere Weg richtet sich darauf aus zu erkennen, wer man selbst in dieser Erfahrung ist, jenseits der Begrenzung des Körpers und unabhängig von äußeren Umständen. Er richtet sich darauf aus, die Unendlichkeit des Bewusstseins zu erfahren, die uns gleichzeitig aber auch durch einen inneren Abgrund führt. Für diese Art der Erfahrung werden je nach spirituell-mystischer Tradition die Begriffe verwendet, die schon zuvor in der Einleitung genannt wurden: Erwachen, Aufwachen, Erleuchtung, Selbst-Verwirklichung, Selbst-Erkenntnis oder Satori. Im Kern ist immer dasselbe gemeint: eine grundlegende Veränderung oder Transformation des Seins, das als ein unendlich weiter und tiefer Raum wahrgenommen wird. Eine tiefere Wirklichkeit, die unter dem bisher wahrgenommenen Alltagsbewusstsein liegt. Dazu gehört auch die Stille der Gedanken und des Verstandes, weil es erst in der Stille des Verstandes möglich wird, sich selbst in Frieden und Liebe zu erfahren.

Nicht nur im Hinduismus, im tibetanischen Buddhismus, in der Philosophie des alten Griechenlands, in der alten jüdischen Mystik und im islamischen Sufismus, sondern gerade auch in der christlichen Tradition, in den Schriften der alten Mystiker, wird in verschiedenen Formulierungen davon gesprochen. So schreibt zum Beispiel Theresa von Avila von einer »geistlichen Vermählung der Seele mit Gott« oder Johannes Tauler vom »Hineinkommen in den göttlichen Grund«. Zugleich verschwindet die gewohnte Vorstellung von sich selbst, in der man sich begrenzt und getrennt wähnt. Viele Weise, spirituelle Lehrer und Philosophen nennen diese Vorstellung »Ich-Vorstellung«. Diese Erfahrung ist für einen Moment auch in einer Nahtoderfahrung möglich und erlebbar.

In meiner Arbeit mit zahlreichen Klienten und Seminarteilnehmern konnte ich beobachten, dass es Nahtoderfahrenen deutlich leichter fällt, ihre spirituellen Erfahrungen weiter zu vertiefen, als denjenigen Menschen, die sich aus freien Stücken und ohne die Prägung einer Nahtoderfahrung auf den Weg machen. Ursache dafür ist meiner Vermutung nach, dass Menschen mit einer Nahtoderfahrung schon wichtige Schritte zu den tieferen spirituellen Erfahrungen gemacht haben. Sie haben wesentliche Dimensionen der tieferen spirituellen Erfahrungen bereits erkannt und können deswegen jetzt darauf aufbauen.

Christine Brekenfeld


Signatur-Buch-Christine-BrekenfeldIhr aktuelles Buch: www.begegne-dem-tod-und-gewinne-das-leben.de

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