Körper, Geist, Seele

Spätfolgen von sexuellem Missbrauch in Partnerschaft und Sexualität

folgen-trauma-missbrauch4-weepingSpätfolgen von sexuellem Missbrauch und Kindheitstrauma im Erwachsenenalter

Teil 4 von 4: Partnerschaft und Sexualität
Menschen, die Trauma wie z.B. sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit erleben mussten, leiden meist sehr lange unter den Auswirkungen dieser traumatischen Erfahrungen – manchmal sogar ein Leben lang.
In dieser Serie möchte ich die Auswirkungen von Kindheitstrauma und sexuellem Missbrauch auf den Beruf, die Familie, die Partnerschaft und die Beziehung zu einem selbst beleuchten.
Teil 1 der Serie findest du >>> Hier
Teil 2 der Serie findest du >>> Hier
Teil 3 der Serie findest du >>> Hier

Im heutigen Beitrag geht es um die Auswirkungen des Traumas auf Partnerschaft und Sexualität. Zwei ganz wesentliche und wichtige Bereiche unseres Lebens.

Beginnen wir mit der Partnerschaft. Der Zweisamkeit. Dem Du.

Hier finden oft zwei Bewegungen statt: Die Sehnsucht nach Zweisamkeit und Gemeinsamkeit und die Angst vor erneuter Verletzung und somit der Rückzug in die eigenen bekannten „vier SeelenWände“ (ähnlich wie bereits im Beitrag „Familie“ beschrieben). Das Ich, das sich immer auch nach einem Du sehnt, um sich im Austausch und in der Dualität selbst zu begegnen – und dabei an seine alten Grenzen und Begrenzungen stößt.

Und auch hier gilt es:

Um berührt zu werden, muss man sich berührbar machen. 

Und das ist für viele ein schwieriger und langer Prozess und Weg. Wie eine Schnecke kriecht man aus seinem sicheren Häuschen hervor, entblättert sich, zeigt sich und stellt dabei fest, wie schön es doch ist, sich zu zeigen, aufzublühen, sich auszutauschen. Gleichzeitig merkt man aber auch die alten Verletzungen. Die Narben. Die dünne Haut. Und leider wird einem dies bewusst genau durch den Partner, das Gegenüber.

Warum zeigen sich besonders hier alte Verletzungen?

Weil er oder sie es ist, der einen „streichelt“ (egal ob seelisch, emotional oder körperlich). Weil er oder sie es ist, der einen berührt und nahe kommt.
Und das tut oft weh.

Man erschrickt, hält den Schmerz kaum aus, selbst wenn es alte, vergangene Schmerzen sind, die einem da bewusst werden und zieht sich häufig zurück oder aber verteidigt vehement und aggressiv seine Grenzen. Setzt sich durch und schlägt dabei oft über das Ziel hinaus, besonders dann, wenn der Partner gar nicht die Absicht hatte, einen zu verletzen, sondern lediglich in alte Fettnäpfchen bzw. Wunden tappte.

Höhen und Tiefen, wie sie in den meisten Partnerschaften vorkommen, können hier ganz besonders ausgeprägt sein. War schon die Vergangenheit der Betroffenen dramatisch, so ist es, wenn auch auf andere Weise, oft auch noch die Gegenwart, weil die Schatten von früher noch hinein reichen.

Gleichzeitig besteht hier eine riesige Chance, zu wachsen. Die Chance, sich zu öffnen, sich mitzuteilen, sich gemeinsam mit einem anderen Menschen zu freuen, Dinge zu erleben, sich auszutauschen und einfach das Leben zu leben und zu genießen. Es ist das Ende der Isolation, die irgendwann vielleicht sogar zu einer selbst auferlegten Isolation wurde, wenn das Trauma vorbei ist und sich Betroffene aus Angst vor erneuter Verletzung nicht mehr aus ihrem SeelenSchneckenhaus trauen.

Wie kann Partnerschaft bei traumatischer Vorbelastung gelingen?

Sicherlich gibt es viele ganz verschiedene Wege. Meine Erfahrung in diesem Bereich ist folgende:

  • Sich Zeit lassen. Öffnung darf in kleinen Schritten geschehen.
  • Sich immer wieder auch ganz bewusst Zeit für sich selbst nehmen. Reflektieren. Sortieren. Altes heilen und ziehen lassen, um sich dann wieder ganz bewusst nach außen zu öffnen.
  • Nach Möglichkeit mit dem Partner über eventuell auftretende Verletzungen sprechen, Bedürfnisse und Ängste kommunizieren. Allerdings muss man darauf achten, den Partner nicht zum „Therapeuten“ zu machen, denn damit ist er meist überfordert.
  • Sich professionelle Hilfe holen (auch, um diese Last von den Schultern des Partners zu nehmen) um leichter und unbelasteter die Partnerschaft leben zu können.
  • Verstehen, dass Zeiten der Öffnung und des Rückzugs ein Stück weit auch normale Bewegungen in jeder Partnerschaft sind und sich nicht verrückt machen, wenn nach seelischer Öffnung auch ein gewisser SeelenMuskelkater auftritt und man Zeit braucht, alles zu verarbeiten und zu integrieren.

Intimität und Sexualität

Noch schwieriger als das Thema Partnerschaft gestaltet sich allerdings für die meisten Betroffenen das Thema Sexualität, zumindest immer dann, wenn die traumatische Erfahrung sexuelle Komponenten beinhaltete. Die meisten Verletzungen im sexuellen Bereich gehen tief, egal, wie sie stattgefunden haben. Die Grenzen der Betroffenen wurden gewaltsam überschritten, die Seele zutiefst verletzt, die Würde der Person mit Füßen getreten und ihr freier Wille mit Gewalt gebrochen.

Das geht tief.

Und es braucht oft nicht nur Jahre, sondern sogar Jahrzehnte, in manchen Fällen sogar ein ganzes Leben, um solch Verletzungen überhaupt anzunehmen und Stück für Stück zu heilen.

Geduld, Liebe zu sich selbst und tiefstes Verständnis sind hier die Haltung, die man sich selbst gegenüber an den Tag legen muss. Jeglicher Druck und Ungeduld drücken den Splitter nur noch tiefer in die Wunde.

Für viele bleibt das Thema der Sexualität oft für immer ein absolutes Tabu

Andere erkennen, dass ihre eigene Sexualität als solches gar nicht oder nur kaum existiert. Jegliche Gefühle in diesem Bereich sind komplett unterdrückt und abgeschnitten. Die sexuelle Energie ist gestaut und unterdrückt. Die Menschen fühlen sich oft angespannt, haben kein Ventil für diese Energie und verbrauchen gleichzeitig viel Lebenskraft, ihre natürlichen Bedürfnisse und Impulse zu unterdrücken.

Aus dieser Verneinung und Unterdrückung entsteht oft Aggression und die angestaute sexuelle Energie bricht irgendwann vehement hervor – meist unkontrolliert.

  • Man „verliebt“ sich Hals über Kopf, meist in den/die Falsche/n, erlebt erneute Verletzungen, eventuell sogar Retraumatisierung
  • sogar Täterimpulse können in einem wach werden, wenn diese in einem angelegt wurden
  • die Energie ist so weit verdrängt, dass sie einem nicht mehr bewusst ist, hat dadurch allerdings nicht weniger Kraft, andere Menschen anzuziehen, die auf die versteckten Signale und Ausstrahlung reagieren (wir ziehen Menschen und Situationen ja nicht nur bewusst an, sondern auch unbewusst. Nur weil Energie unterdrückt ist, ist sie dadurch ja noch nicht weg.)
  • man wird krank, entwickelt Autoimmun- und Autoaggressionserkrankungen, die aufgestaute sexuelle Energie in einem findet kein Ventil und richtet sich gegen einen selbst
  • man entwickelt Depressionen und fühlt sich antriebslos und schlapp, weil viel Kraft darauf verwendet wird, die natürlichen Impulse zu unterdrücken (denken wir daran, wie viel Arbeit es macht, Korken in einem Eimer Wasser ständig unter der Oberfläche zu halten).

Nur weil etwas verdrängt wird, ist es damit nicht ausgelöscht. Im Gegenteil, es schwelt und lebt weiter in der Abstellkammer „Unterbewusstsein“, in das wir es verbannt haben.

Wie kann man sich seiner Sexualität wieder nähern?

… besonders dann, wenn man so tief verletzt wurde, dass man sich komplett verschlossen hat?
Zunächst einmal, indem man sich den Druck nimmt, seine Sexualität mit einem anderen Menschen leben und teilen zu müssen.

Viel wichtiger ist es, seine eigenen sexuellen Gefühle und Regungen erst einmal selbst kennen zu lernen und zu erforschen. Oft geschieht dies tatsächlich erst im Erwachsenenalter, da die normale sexuelle Entdeckungs- und Entwicklungsphasen durch die Übergriffe gestört und unterdrückt wurden.

Vielen Betroffenen fällt es schwer, überhaupt ein Verhältnis zu ihrem Körper aufzubauen. Jegliche Berührung, zum Beispiel beim Duschen und Körperpflege, ist mit Stress und Angst verbunden. Beginnen kann man mit einfachen Streichübungen, sich selbst in den Arm nehmen, sich selbst Gefühle von Nähe und Wärme vermitteln lernen. Dies ist tatsächlich etwas, was man üben muss. Und das Ganze auch noch regelmäßig, wenn man wirklich etwas verändern möchte.

Hat man erst einmal eine gute Verbindung zu seinem Körper aufgebaut, kann man den Geschlechtsbereich mit einbeziehen und sich Stück für Stück auch auf seine Sexualität einlassen.

Gerade hier zeigen sich oft massive Schwierigkeiten.

Nicht nur das Trauma zeigt sich, die alte Verletzung bricht erneut auf, sondern auch die in einem abgelegten Gefühle des Täters steigen in einem auf und werden einem bewusst. Dies ist für viele Betroffene schockierend. Sie empfinden für sich selbst das, was der Täter für sie empfand. Da zeigen sich Gefühle von Hass, Zerstörungswut, Geilheit, Perversion und Macht.

Zu verstehen, dass diese Gefühle eben nicht die eigenen sind, auch wenn man sie spürt, sondern es Fremdenergien sind, die noch einmal durch einen fließen, um einen dann zu verlassen – das ist die hohe Kunst.

Weiß man nicht um diesen Umstand der fremden Energien in einem, ist man an dieser Stelle oft geneigt, das Ganze Projekt aufzugeben und sich schockiert und retraumatisiert wieder zu verschließen. Weiß man allerdings darum, kann man bewusster und zielgerichteter an der Problematik arbeiten.

Gefühle aufschreiben und somit ein Stück weit aus sich heraus zu bringen, ist ein hilfreicher Prozess. Therapeutische Hilfe ist hier meist unerlässlich, um die belastenden Zustände überhaupt aushalten und bewältigen zu können.

Schuld und Scham spielen hier oft eine große Rolle. Man schämt sich zutiefst für das, was da in einem ist. Dieser ganze Dreck, die Perversion, Erniedrigung, Geilheit, die man in sich spürt und die dennoch nicht die eigene ist… Man fühlt sich verdreckt, stinkend, verabscheuungswürdig – und fühlt dies an Stelle des Täters, der sich die Hände in Unschuld wäscht. Ein Gefühlstausch hat hier statt gefunden. Eine energetischer Austausch, bei dem das Opfer zum Mülleimer des Täters wurde und dieser sich über die Energie, aber auch Ohnmacht des Opfers stark fühlt und seine eigene seelische Schieflage kompensiert.

Wie sieht es nun aus mit Sexualität in der Partnerschaft?

Wenn man den Wunsch hat, Sexualität mit einem Partner zu leben, ist es wichtig, sich selbst von vornherein jeglichen Druck zu nehmen und in kleinen Mini-Babyschritten voran zu gehen. Alles neu, ganz neu zu entdecken.

Und diesem Neuen auch eine Chance zu geben!
Wer in Erwartung etwas Negativen sich auf diese Reise begibt, sollte sie vielleicht zu diesem Zeitpunkt eher nicht antreten…
Trennung der alten von der neuen Erfahrung sind hier wichtig, damit die alte Erfahrung nicht das Neue überschattet.
In wieweit das möglich ist, kann nur jeder für sich selbst entscheiden.

Schau dir auch dieses YouTube Video zum Thema: “Partnerschaft und Sexualität”  an.


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Was immer Dein Wunsch ist, egal, in welchem Lebensbereich, ob die Verbindung zu Dir selbst, eine Partnerschaft, ein erfüllender Beruf oder Nähe, gib ihn nicht auf!

Halte an ihm fest!
Gehe ihm nach!
Raff Dich immer wieder auf und geh in liebevollen und gleichzeitig energischen Schritten voran. Ja, auch in Babyschritten. Denn jeder Schritt zählt.
Kämpfe für Dich! Es ist Dein Leben! Hol es Dir zurück!

22.01.2019
Ursula Schulenburg

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