Gesellschaft

Mein amerikanischer Kulturschock

Portrait-Storl„Mein amerikanischer Kulturschock“

von Wolf-Dieter Storl 

Es war im Jahr 2013, da rief mich meine Schwester an und sagte, dass unsere 96-jährige Mutter hingefallen sei, sich 7 Rippen gebrochen hätte, nun ins Pflegeheim müsse. Wer weiß, wie lange sie noch hätte; wir sollten sofort kommen. Also, ab in die USA. Die alte Frau war im Rollstuhl, aber sonst fit und geistig wach. Das Heim, in dem wir sie fanden, gehört zu einer überregionalen Pflegekette, einem 2-Milliarden-Dollar-Unternehmen, mit Niederlassungen in mehreren Bundesstaaten; es ist wie etwa McDonald’s oder Wal-Mart ein gewinnorientierter Konzern, einer, der sich auf Massenhaltung von pflegebedürftigen Senioren spezialisiert. Statt Rinder, Hühner oder Schweine, eben alte Menschen. Die Mutter fühlte sich da wie im Gefängnis, entmündigt und professionell abgefertigt. Bald würden ihr ihre Lebensersparnisse ausgehen, und sie müsste ihr Haus verkaufen. Ich war natürlich schockiert. Meine Schwester sagte, das sei überhaupt die gegenwärtige Entwicklung: Großkonzerne beherrschen im heutigen Amerika immer mehr das Leben der Menschen. Bis ins kleinste Detail. In den Familien wird kaum mehr gekocht: Konzerne wie McDonald’s, Burger King, Arbeys Beef, Taco Bell, Pizza Hut und wie sie alle heißen, kochen für die Massen. Ähnlich sei es in der Landwirtschaft: Agrarkonzerne, Saatgutmultis, Chemie- und Ölgiganten beherrschen die Erzeugung von Nahrungsmitteln.

In den drei Wochen, in denen ich da im Mittelwesten blieb, fuhr ich jeden Tag durch die Landschaft, die ich von meiner Jugend her kannte. Die Familienfarmen, auch die, von denen meine Schulfreunde kamen, waren verschwunden. Wo es einst richtige Bauernhöfe gab, mit Kühen samt Stier, Ponys für die Kinder, Gehegen mit freilaufenden Schweinen, Hühnern mit Gockel und Küken, Truthähnen, Gärten mit einer Vielfalt von Gemüse und Obst, Getreidefeldern und Weiden, sieht man nun endlose Monokulturen mit genverändertem Mais und Soja. Kein »Unkraut« wächst zwischen den Reihen – alles wird mit Totalherbiziden weggeputzt. Wenige Insekten sind zu sehen – nicht nur wegen Spritzungen mittels Flugzeuge und Hubschrauber, sondern auch wegen der Einschleusung von Bacillus thuringiensis -Genen in das Erbgut der Mais und Sojapflanzen. Insekten, die daran fressen, oder Bienen, die den Pollen sammeln, sterben. Die Straßenbeleuchtungen werden nachts kaum mehr von Faltern und Käfern umschwirrt; die Windschutzscheiben der Autos bleiben sauber. Auch die Abermillionen von Leuchtkäfern, die einst, einem Feuerwerk gleich, nachts durch die lauen Lüfte des Mittelwestens tanzten, sucht man vergebens. Zwischen den Maiswüsten sah ich hier und da die verlassenen, eingefallenen Häuser und Scheunen der einstigen Familienfarmen – das heißt, wenn sie nicht schon wegplaniert worden waren, um den Monstermaschinen freien Manövrierraum zu lassen. Die einst blühenden kleinen Ortschaften – auch sie kannte und liebte ich als Junge – verwandeln sich immer mehr in Geisterstädte.
Wo einst Gaststätten, Geschäfte, Werkstätten, Läden und Kinos gediehen, bleiben nur noch Tankstellen und Fast-Food-Restaurants für den durchrollenden Fernverkehr. Konzerne haben die Macht an sich gerissen.
Sie beherrschen zunehmend die Politik, die Medien, die Erziehung. Die mit Zucker (Maissirup) überfütterte Bevölkerung, abgelenkt und »unten gehalten« durch endlose banale Unterhaltung, scheint diesen neuzeitlichen Feudalismus kaum wahrzunehmen. Ich muss zugeben, ich war fassungslos. Was sich da abspielte, war, gelinde gesagt, eine Katastrophe.

Kurz nach diesem Amerikabesuch wurde ich zu einer Talkshow im deutschen öffentlichen Fernsehen eingeladen. Da habe ich von meinen Eindrücken im gelobten Land erzählt. Ich merkte, das kam nicht bei allen gut an. Ich weiß gar nicht, ob das alles gesendet oder ob einiges herausgeschnitten wurde. Viele Talkshows scheinen live zu sein, aber oft werden die Aufzeichnungen zeitlich überzogen, so dass man Unerwünschtes oder Vermasseltes gut herausnehmen kann. Auf jeden Fall, nach der Sendung erzählte mir einer der Talkgäste, er sei zehn Jahre lang Berichterstatter in Washington gewesen, er kenne die USA, und was ich da erzähle, sei nicht ganz richtig. »Ich habe dort lange gelebt«, erwiderte ich, »ich kenne Amerika, und zwar von den Graswurzeln her.« Ein anderer prominenter Gast pflichtete dem Korrespondenten bei: »Nur weil man einige Jahre in einem Land gelebt hat«, sagte er in einem leicht überheblichen Ton, »bedeutet das noch lange nicht, dass man es wirklich kennt!« Vielleicht stimmt es, was einer meiner Bekannten behauptet, nämlich, dass die Reporter und Journalisten der öffentlichen, von Steuergeldern unterstützten Medien angehalten sind, den Großen Bruder von Übersee in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, sonst seien sie ihrer Stelle nicht sicher. Aber das ist wahrscheinlich wieder so eine stupide Verschwörungstheorie.

Ich behaupte noch immer, Amerika gut zu kennen. Von innen her. Wie ein Drache hat es mich verschluckt und als unverdaulich wieder ausgespien. Ich bin dem American Way of Life, diesem vereinnahmenden, quasireligiösen Kult, durch die Lappen gegangen. Und da ich Amerika gut kenne – und die Menschen dort auch liebe –, will ich meinen europäischen Zeitgenossen davon erzählen. Denn trotz der weltumspannenden McDonaldisierung, trotz der Allgegenwart Hollywoods, dessen Stars nun auch unsere Rollenmodelle geworden sind, habe ich den Eindruck, die Europäer verstehen wenig von Amerika; sie glauben nur, es zu tun. Die Schockstarre, in dem sich die europäischen Intellektuellen und Massenmedien befanden, nachdem Donald Trump – völlig unerwartet – den Wahlsieg davontrug und zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde, zeigt das ganz deutlich. Amerika tickt nicht nach unseren Wunschvorstellungen.
Amerika ist anders.

Kulturschock-cover-Storl„Mein amerikanischer Kulturschock“ von Wolf-Dieter Storl erscheint am 14. August 2017 im Verlag Random House
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1 Kommentar

  • Sehr geehrter Herr Storl
    Ein treffender und sehr guter Artikel. Eigentlich wissen wir das alles zwar, trotzdem folgen wir unserem „grossen Bruder“ dicht hinter den Fersen. Ist es weil wir in unserer Komfort Zone verharren, keinen Mut haben, wir mit unseren Alltagsproblemen beschäftigt sind oder uns hilflos fühlen anhand der gigantischen Konzerne und Lobbies, die an den Fäden der Machthaber ziehen?

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