Aufstieg & Lernen

Die Kunst des Segnens

Kind, das Mutter Erde anschautDie Kunst des Segnens – Ein Handwerk des Herzens

Immer wenn ich über die „Kunst des Segnens“ schreibe, einen Vortrag zum Thema halte oder einen Workshop ankündige, merke ich, wie angestaubt und altbacken das doch klingen muss. Es sind denkbar schlichte Worte, die nicht viel versprechen und in uns nicht die Hoffnung nähren, dass wir mit dieser Kunst zu großen Heilern werden, dass wir auf Quantenebene agieren, möglichst elitäres Geheimwissen erlangen und in die Lichtmatrix des Planeten abtauchen, oder dass all unsere ego-motivierten Wünsche von einem kosmischen Bestellservice entgegengenommen würden. Ich habe schon über viele alternative Titel nachgedacht, darüber nachgesonnen, wie das Ganze wohl etwas „aufgemotzt“ werden könnte, um der allgemein vorherrschenden Sehnsucht nach dem noch nie Dagewesenen zu entsprechen. Quantum Blessing 2.0? Cosmic Power Blessing? Ich weiß nicht …

Vielleicht habe ich einfach kein Talent fürs Marketing und bleibe lieber bei dem, was es ist: Eine Kunst, die wie jede Kunstform dafür sorgt, dass wir der Welt einen einzigartigen Aspekt unserer selbst schenken, und mit der wir uns zugleich darin üben, auf unsere Inspiration zu lauschen, ganz da zu sein und diese leise Stimme des Geistes – der bekanntlich weht, wo er will – in uns wahrzunehmen und uns verändern zu lassen.

Je länger ich mich mit dieser Kunst befasse, desto klarer wird mir, dass wir es bei den Segenswünschen mit der europäischen Form der Achtsamkeitspraxis zu tun haben. Eine Achtsamkeitspraxis, die ruhig verweilt und dann aus sich heraus kreativ wird, um die eigenen Erkenntnisse auf sanfte und heilsame Weise in die Welt zu bringen. Eine wunderschöne Verbindung aus Nicht-Tun und Tun.
Die Kunst des Segnens erfordert genaues Schauen, ein völliges Sich-Einlassen auf das, was ist, und auch auf das, was sein kann. Der Segen bezieht sich auf das Wesentliche, auf den Kern der Sache, der manchmal verborgen ist, aber sichtbar gemacht werden kann. Wir schauen zugleich auf das Potential, das seiner Entfaltung und Blüte harrt. Erlauben wir uns einen Moment des Innehaltens, können wir die innere Vollkommenheit allen Seins erblicken, das Heilige, das in allem wohnt, und dies in unseren Alltag hineinholen und dort dankbar anerkennen.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Zu segnen heißt, das Gute, das dem gegenwärtigen Moment innewohnt, mit Worten sichtbar zu machen. Das deutsche Wort „segnen“ stammt vom lateinischen „signare“, was so viel bedeutet wie „etwas mit einem Zeichen versehen“. Wir markieren also in gewisser Weise das Wichtige, das Wirkliche und Wesentliche. Wir holen es hervor, bergen es mit Hilfe unserer Sprache.
Vielleicht kennt der eine oder andere Leser noch die Tradition, einem Brotlaib, bevor er in den Ofen geschoben wird, ein Kreuz einzuritzen. Auch hier wird der Segen (das Brot als Nahrung, die die Erde uns zur Verfügung stellt) erkannt und – in diesem Fall nonverbal – hervorgehoben.
Was ich bei den Segenswünschen besonders schön finde, ist die Tatsache, dass dieses „Gute“, das wir in Dingen, Situationen und anderen Wesen erkennen, nicht immer unbedingt etwas ganz Großes sein muss.
Es handelt sich eher um eine „Spiritualität der kleinen Dinge“. Kleine Dinge, die wir oft übersehen, die aber unser Leben zu einem entscheidenden Teil ausmachen. Diese Dinge sind schon in unserem Leben gegenwärtig, doch sie sind uns oft nicht wirklich bewusst. Es sind Dinge, die unscheinbar sind und die wir deshalb als selbstverständlich erachten. Wenn wir hierauf achten – und die Kunst der Segenswünsche dient genau diesem Zweck! – wird uns klar, in welcher Fülle wir uns bewegen und für wieviel wir dankbar sein können.
Die keltische Spiritualität hat dies in ihrer langen Tradition – wurzelnd in der Naturreligion und auf einzigartige Weise weitergeführt in ihrer speziellen Ausprägung des Christentums – schon immer erkannt und in vielerlei Formen gefeiert. Wenn am frühen Morgen ein Herdfeuer entzündet wurde, so begleiteten Worte des Dankes und des Segens diesen Vorgang. Man war sich bewusst, dass dieses Feuer nicht nur das Haus oder die Hütte heizte und dass man das Essen auf ihm zubereiten konnte, sondern dass man sich an ihm zusammensetzen und Geschichten lauschen durfte, die auch das Herz wärmten.
Wenn man Wasser aus einem Bach oder einer Quelle schöpfte, ging es nicht nur um das Stillen des Durstes oder das Waschen der Wäsche, sondern man drückte auch seine generelle Dankbarkeit gegenüber dem Wasser aus, das die Erde fruchtbar macht und Menschen, Tieren und Pflanzen Leben schenkt.
Das Sprechen von Segen war eine Erinnerung an die Freigebigkeit der Welt. Mit jedem Segen wurde den Menschen bewusst, dass die Welt um sie herum ihnen freundlich gesonnen war und ihnen alles bot, was sie zum Leben brauchten. Vielleicht war es diese grundsätzliche Einstellung, die es den Kelten in späterer Zeit ermöglichte, einen Wanderprediger aus Galiläa so in ihr Herz zu schließen. Die Bergpredigt Jesu vermittelt ein ganz ähnliches Gefühl des Gehalten-Werdens und drückt dies in Bildern der Natur aus, die den Kelten so viel bedeutete: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und … euer himmlischer Vater ernährt sie. Lernt von den Lilien, die  auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht … Doch … selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6, 26 – 29)

Staunen und Dankbarkeit

Hier werden viele Aspekte angesprochen, die für mich eine tiefe Spiritualität ausmachen: Das Staunen über die Schönheit der Welt, über das schimmernde Gefieder der Vögel und ihre Fähigkeit zu fliegen, über die farbenprächtigen Blumen, die unserem Auge wohltun, und die in fast jedem Winkel unseres Planeten wachsen und gedeihen. Die Freude darüber, dass wir dies sehen und erleben können, dass wir uns verlieren können in der Schönheit. Die Dankbarkeit dafür, dass all dies uns umgibt, dass das Leben so vielfältig ist, und das alles versorgt ist und sein kann. Und letztlich die Dankbarkeit dafür, dass auch wir in ähnlicher Weise gehalten sind – die tiefe und stille Entspannung in dem Wissen, dass unsere Sorgen unbegründet sind.
Die Kunst des Segnens hilft uns, genau diese zwei Eigenschaften in all ihrer Tiefe zu kultivieren: Staunen und Dankbarkeit. Wenn wir einen Segen sprechen oder über ihn meditieren, blicken wir achtsam auf das, was uns umgibt. Wir staunen mit den Augen eines Kindes und unser Herz öffnet sich für die Dankbarkeit. Wenn unser Herz dankbar ist, fällt es uns leicht, immer mehr von dem Segen, der in allem schlummert, zu entdecken. Es ist wie eine Spiralbewegung in die Tiefe – die Tiefe der Schönheit, die Tiefe der Welt mit all ihren Geschöpfen, die Tiefe des Göttlichen, das sich hier in jedem Augenblick ausdrückt, und unsere eigene Tiefe, dem heiligen Grund unserer Seele.

Herz-Blaetter-heartDer Welt und uns selbst immer näher kommen

Diese Dankbarkeit ist eine Lebensweise, die uns immer näher an die Welt heranführt und sie zu einem immer freundlicheren Zuhause für uns werden lässt – ein Ort, der uns mit allem versorgt, dessen wir bedürfen, und der uns immer neue Erfahrungen schenkt, die uns innerlich wachsen lassen.
Wenn wir erkennen, wie wertvoll jede sogenannte Kleinigkeit ist, fällt es uns leichter, hier und da ein liebevolles Wort zu schenken.
Mit einem Segen können wir unserer Nachbarin, die von sich glaubt, über keinerlei Talente zu verfügen, mitteilen, wie wundervoll ihre Fähigkeiten als Gastgeberin sind und wie wohl wir uns bei ihr fühlen. Wir können unserem Arbeitskollegen sagen, wie glücklich wir darüber sind, seine Unterstützung nicht nur in fachlicher sondern auch in menschlicher Hinsicht zu haben. Wir können andere ermutigen, aufbauen und wertschätzen. Wir können eine neue Form der Kommunikation entdecken, die ganz aus unserem Herzen kommt und direkt in das Herz unseres Gegenübers dringt.
Wenn wir diese vergleichsweise einfache Übung gemeistert haben, können wir auch uns selbst und unseren Weg mit neuen Augen sehen, uns segnend annehmen, wie wir sind.
Wir werden erkennen, dass ausnahmslos alles, was wir erlebt haben und derzeit erleben, ein integraler Bestandteil unseres Weges ist. Ein Weg, der uns unsere wunderbare Menschlichkeit bewusst macht und uns befähigt, das Heilige in der Welt und in uns zu feiern. Wir sehen den Segen nicht nur in dem, was uns umgibt, sondern auch in uns selbst. Wir können endlich die fixe Idee hinter uns lassen, dass wir nicht „gut genug“ seien.
Wir können uns und unser Tun, unsere Nächsten, die Tiere und Pflanzen, die Berge und Seen, die Wiesen und Hügel segnen – mit schlichten Worten, achtsam und voller Herzensgüte, die einer tiefen Liebe zur Welt entstammen und diese immer wieder neu in uns zu erwecken vermögen. Segen sind keine Zauberei, auch keine Affirmationen, mit denen wir uns irgendetwas einzureden versuchen, oder Wünsche, die einer seltsamen Anspruchshaltung entspringen, dem Gegenteil von Dankbarkeit. Sie sind die natürlichen Früchte einer Lebensweise, die mit einem weichen, wohlmeinenden und liebevollen Blick einhergeht und die unser Herz so weit macht, dass die ganze Welt darin Platz findet.

© Dirk Grosser

www.dirk-grosser.de

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