Bewusst-Sein

Spiritualität – was ist das eigentlich?

Schnee auf dem See - SpiegelungSpiritualität – was ist das eigentlich?

„Glaubst du wirklich an Engel? Und daran, dass nach dem Tod noch was kommt?“ werde ich oft gefragt und ich spüre die Hoffnung des Fragenden, dass mein „Ja“ etwas bewirkt, dass ich ihm die Sicherheit vermittle: „Ja, da gibt es geistige Kräfte und sie sind gut.“
Dabei spielt mein Glaube für mich selbst gar keine Rolle. Ich glaube auch nur, was ich sehe und erfahre – aber ich sehe nun mal eine ganze Menge. Spiritualität ist die bewusste Hinwendung zu höheren geistigen Bewusstseinebenen, die es entweder tatsächlich gibt oder die nur in unserem Gehirn stattfinden – das ergibt für mich keinen Unterschied. Warum nicht? Weil wir von nichts wissen, ob es wirklich existiert. Wir alle haben nur unsere Wahrnehmung, etwas anderes gibt es nicht. Auch die präzisesten Geräte können wir mitsamt ihren Messergebnissen nur über unsere Augen, Ohren, über unsere Sinne und die Datenverarbeitung im Gehirn wahrnehmen, etwas anderes steht keinem Menschen zu Verfügung.
Was wir wahrnehmen, das können wir zum Teil selbst entscheiden, zum Teil auch nicht. Wenn die so genannte Schmerzvermeidung wirkt, dann blenden wir bestimmte Wahrnehmungen und Ereignisse einfach aus, völlig unbewusst und erstaunlich effektiv. Sehr viel von dem, was wir für wahr anerkennen oder nicht, können wir bewusst selbst bestimmen. Wir wissen, es gibt Hirnteile, deren Aktivität eine höhere Bewusstseinsebene, einen übergeordneten Zugang, eine höhere Sicht der Dinge ermöglicht. Wenn Mönche beten, dann werden bestimmte Hirnareale aktiviert, das sieht man im CT. Es gibt also Hirnbereiche, in denen eine geistige, höhere Sicht der Dinge möglich ist. Brauchen wir mehr? Nein. Denn wenn es diese Wahrnehmungsbereiche gibt, dann gibt es auch die entsprechenden Energien, die wir mit diesen Hirnbereichen erspüren und erkennen. Oder aber, auch das ist möglich, es gibt einfach gar nichts von dem, was wir wahrnehmen, nichts ist wirklich. Dann dürfen wir aber auch nicht differenzieren zwischen „Wahrheit“ und „Einbildung“. Ich werde immer sehr stutzig, wenn jemand sagt, nur die spirituellen Ebenen wären die einzig wahren und das, was wirklich existiert. Das Physische wäre nur ein Schleier, eine Illusion. Das klingt für mich genauso unecht wie die Idee, nur die physische Ebene sei real und existent. Warum? Weil wir alles, wirklich alles, mit unserem Gehirn wahrnehmen. Auch die feinstofflichsten Energien müssen sich irgendwie im Gehirn als elektrischer Impuls darstellen, sonst können wir sie nicht wahrnehmen.
Wie können wir behaupten, nur das Physische sei wahr, wo doch viele Menschen Engel, eine Seele, höhere Bewusstseinebenen erleben? Woher wissen wir das? Und: Wie können wir behaupten, nur das Geistige sei wahr, wo dein Körper doch sehr deutlich und sehr real „Schmerz“ meldet, wenn du dich verbrennst? Entweder alle Ebenen sind existent, wenn wir sie wahrnehmen können oder keine. Denn wie können wir unsere Gehirnanteile unterscheiden in „Du nimmst die Wahrheit wahr“ und „Du dagegen bildest dir das alles nur ein“, und das auch noch vollkommen willkürlich, je nach Glaubenssystem? Und vor allem mit genau dem, was Mystiker für nicht existent halten, eben mit diesem physischen Gehirn?

Was also bedeutet Spiritualität?

Das Anerkennen dessen, dass es Wirkungsebenen gibt, die vielleicht nicht jedem zugänglich sind, deren Wahrnehmung aber trainiert werden kann und die eine höhere, geistige, übergeordnete Sicht der Dinge ermöglichen. Das klingt sehr neutral und unromantisch. Das ist es auch. Denn wahre Spiritualität braucht keine Romantik und keine rosa Einhörner. Es ist ein Bewusstwerdungsweg, der dich fordert, der das Leben sehr viel komplexer erscheinen lässt und der dich mit Fragen konfrontiert, die sich nicht stellen, wenn du den spirituellen Weg meidest.
„Ha!“ sagst du jetzt, wenn du aufmerksam gelesen hast. „Erst redet sie nur von einer höheren Wahrnehmung, jetzt auf einmal sollen es Wirkungsebenen ein? Woher will sie das wissen?“
Weil ich es so erlebe. Ich spüre, wenn ich mich höheren Ebenen öffne, die Wirkungen auf den Körper, den Einfluss auf die Ereignisse um mich herum, auf meine Gefühle.
Ich entscheide mich, mir selbst und dem, was ich wahrnehme, zu glauben, es für WAHR zu nehmen. Spiritualität bedeutet für mich: es gibt Wirkungsebenen, die jenseits unseres herkömmlich genutzten menschlichen Bewusstseins liegen und es ist mein innigstes Bestreben, mich so zu entfalten, dass ich auch diese Bewusstseinsebenen erleben und erfühlen kann. Ich erlebe mich selbst als Teil einer größeren Bewusstseinsebene. Es gibt also für mich nicht nur diese höheren spirituellen Ebenen, sondern ich erlebe mich ihnen auch als zugehörig, wie ich mich dem Menschsein zugehörig fühle. Ob du das Gefühl hast oder zu wissen und zu fühlen glaubst, dass du selbst Teil einer größeren Wahrheit bist oder ob diese Ebenen für dich zwar existieren, du aber nicht zu ihnen gehörst – das erlebst du selbst so, wie es für dich stimmig ist und beides ist vollkommen in Ordnung. Es gibt keinen richtigen oder falschen spirituellen Weg, es gibt nur einen, der sich für dich stimmig anfühlt oder eben nicht.

Was bedeutet es also für mich, den spirituellen, den geistigen Weg zu gehen?

Eine bewusste Hinwendung zu Ebenen, die du zumeist nur erahnen kannst. Ein Vertrauensvorschuss in höhere Dimensionen der Wahrheit, ohne dass du deren Wirken immer verstehst. Es ist gerade so, als würdest du eine neue Sprache lernen, die nicht gesprochen, sondern gedacht und gefühlt wird. Es bedeutet, einen tieferen oder höheren Sinn hinter dem, was dir geschieht, anzunehmen und dich zu bemühen, diesen Sinn zu sehen, zu verstehen und für dich als neue Handlungsgrundlage anzuerkennen. Es bedeutet, dich von diesen höheren Ebenen führen zu lassen und dich selbst in den Dienst einer größeren Wahrheit zu stellen. Letztlich fordert der spirituelle Weg nichts als Beziehungsarbeit: die Beziehung zwischen deiner Seele und dir, dem Menschen, die Beziehung zwischen all diesen verschiedenen Bewusstseinebenen und ihren Wechselwirkungen, die Beziehung zwischen dir und Gott – all das will gesehen, gespürt und eventuell auch geklärt werden.
Und wenn du jetzt immer noch wissen willst, ob ich wirklich an Engel glaube, dann sage ich dir:
Ja, und nicht nur das. Ich weiß, dass viele von uns Engel auf Erden sind. Nicht nur, aber auch. Nicht im übertragenen Sinne, sondern wirklich und real. Ich weiß, dass die Seele nach dem irdischen Tod ihren Weg weitergeht, manchmal erreichbar für uns Menschen, manchmal nicht, je nachdem, wohin der Weg sie führt.

Susanne Hühn

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