Verletzlichkeit unser größter Schutz

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Verletzlichkeit unser größter Schutz
Warum unsere Verletzlichkeit unser größter Schutz

Hast du einen Moment Zeit für mich? Ich würde dir gern etwas über Hochsensibilität erzählen, etwas, worüber du vielleicht noch nicht nachgedacht hast. Vielleicht hilft es dir, ein bisschen gelassener durch diese herausfordernde Zeit zu navigieren und das, was dir vielleicht jetzt gerade besonders bedrohlich vorkommt – deine wundervolle Verletzlichkeit – als das anzuerkennen, was sie eigentlich ist: dein stärkster Schutzschild.

Ich möchte dir eine kleine Geschichte erzählen, die ungefähr fünfunddreißig Jahre zurückliegt.

Mein Bruder, meine Mutter und ich waren auf dem Weg in die Stadt, und wir liefen wie immer an der Friedhofsmauer entlang. Der Bürgersteig war von knusprigen braunen und gelben Blättern übersät, durch die ich mir tanzend den Weg bahnte. Damals war noch keine Jahreszeit besser als die andere!

Die beiden unterhielten sich über einen älteren Bekannten, der der wohl bald sterben würde. „Warum muss er denn sterben?“, fragte ich. Mein Bruder, fast sechs Jahre älter, antwortete mit einem ebenso schlichten wie brutalen Satz: „Weil wir alle einmal sterben müssen.

Meine Mutter sagte nichts, ich auch nicht, und das Gespräch war beendet. Ich hörte auf, durch die Blätter zu tanzen, das weiß ich noch. Ich lief nur noch geradeaus, mit hängendem Kopf. Irgendetwas in mir war zerbrochen. Aber an diesem Tag wurde auch meine Sehnsucht nach Reparatur geboren. Und seit diesem Tag, seit ich erfahren habe, dass wir alle sterblich sind, habe ich mich fühlend auf die Suche nach der Unsterblichkeit gemacht. Wissend, dass selbst, wenn ich sie finde, ich sie nicht für immer festhalten kann.

Vielleicht fragst du dich jetzt, was das mit Hochsensibilität und Corona zu tun haben soll?

Lass mich dir eine Gegenfrage stellen! Jetzt, inmitten dieser weltweiten Ausnahmesituation, in der es doch so viel wichtigeres zu geben scheint, möchte ich einen kurzen Augenblick mit dir innehalten, und dich fragen: Erinnerst du dich noch an den Moment, an dem du erfahren hast, dass du sterben wirst?

Wir sind heute nicht verletzlicher als gestern

Wenn ich die Nachrichten lese, den Fernseher anschalte oder in den vergangenen Tagen durch meine Heimat Hamburg laufe, dem derzeitigen Epizentrum der Corona Pandemie, dann fürchte ich, dass die meisten Menschen vergessen hatten, dass sie sterblich sind und durch das Corona Virus nun völlig unvorhergesehen und mit einer ganz schönen Wucht an die eigene Verletzlichkeit erinnert werden.

Dabei sind sie in Wahrheit heute nicht verletzlicher als gestern oder als sie es morgen jemals sein werden. Vielleicht ist den meisten das auf der rationalen Ebene sogar klar. Der Unterschied ist nur, dass sie es auf einmal nicht mehr nur wissen, sondern beginnen, es ganz tief drinnen auch wieder zu fühlen.

Wenn es darum geht, Hochsensibilität möglichst anschaulich zu erklären, dann heißt es umgangssprachlich oft:

Hochsensible haben weniger Filter, die ihr hoch erregbares Nervensystem vor Einflüssen von außen „schützen“.

Deswegen ist das alltägliche Leben für hochsensible Menschen oft anstrengender. Lärm, Licht, Gerüche . . . alles prasselt nahezu ungefiltert auf sie ein. Im öffentlichen Diskurs geht es daher meist darum, dass Hochsensible weniger „abkönnen“, eben, weil sie besagte Filter nicht haben.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, oder wie ich gern sage, der Preis, den man als hochsensibler Mensch eben zahlen muss dafür, dass man auch all die spirituellen Zwischentöne hört und fühlt, die andere Menschen nicht so stark wahrnehmen. Jene Art der Wahrnehmung, die sich der Wissenschaft entzieht und doch bodenständiger nicht sein könnte: dem tiefen gefühlten Wissen um unsere Verletzlichkeit.

In der Lektüre, die man landläufig zum Thema Hochsensibilität findet, wird jedoch gern zwischen Mangel und Gabe unterschieden – wie auf einer Pro- und Contra- Liste. Für mich gibt es diese Trennung nicht, das eine kann ich nun mal nicht ohne das andere haben, und beides ist Ausdruck der gleichen tiefen Verletzlichkeit. Und jetzt gerade, wo sich alle wappnen gegen denjenigen, den unsere Regierung als „unsichtbaren Gegner“ bezeichnet, ist diese Verwundbarkeit meines Erachtens sogar der größte Schutz der Hochsensiblen. Klingt paradox?

Es gibt Entwarnung, aber sie kommt von anderer Stelle als erhofft

Nun, als ich vor fünf Jahren anfing, mich für das Thema Hochsensibilität zu begeistern, da war es eine riesige Erleichterung für mich, zu begreifen, dass ich eben nicht weniger „abkann“ als die meisten anderen Menschen.

Vielmehr war das Gegenteil der Fall: Ich trainierte Tag ein Tag aus, und bis dato völlig unbewusst, mit weniger Filtern durchs Leben zu gehen als die Mehrheit der Bevölkerung. Als ich mir diesen Umstand vergegenwärtigte, befand ich, dass das trotz der gelegentlich damit einhergehenden persönlichen „Shut downs“ eine Meisterleistung war.

Als ich verstand, dass die meisten Menschen gar nicht mit einem vergleichbaren Overload an Sinnes- und Gefühlseindrücken klarkommen muss, fühlte ich mich nicht mehr wie diejenige mit der geringsten Stresstoleranz, sondern eher wie eine kleine Heldin. Das war eine richtige Offenbarung!

Und so wie Menschen sich „Fatsuits“ anziehen, um mal nachzufühlen, wie es so ist, als Schwergewicht durch die Welt zu gehen, hätte ich gern mal für einen Tag ein paar meiner nicht vorhandenen Filter angeschaltet, um einen Reality-Check vorzunehmen. Wahrscheinlich wäre ich dann wie auf Sprungfedern durchs Leben gehüpft. Vielleicht hätte ich dann aber auch meinen eigenen Tod vergessen.

Und jetzt ist es auf einmal anders herum.

Jetzt geht es so vielen Menschen plötzlich so, wie es mir als hochsensiblen Menschen schon mein ganzes Leben lang ergeht. Sie werden auf einmal mit ihrer Verletzlichkeit konfrontiert, weil aufgrund der massiven Bedrohung von außen die inneren Filter nicht mehr standhalten.

Zwar versuchen sie der ganzen Misere so lang es geht die Stirn zu bieten, und dabei sind sie ganz schön einfallsreich: What’s App Ketten-Videos, die suggerieren, dass „doch alles gar nicht so schlimm ist“, bis hin zu ausgemachten Verschwörungstheorien. Alle warten darauf, dass doch bitte endlich jemand sagt, dass das alles nur riesige Fake News sind. Stattdessen verdüstert sich die Nachrichtenlage scheinbar stündlich.

Die gute Nachricht:

Es gibt Entwarnung, aber sie kommt von anderer Stelle als erhofft, und sie kommt – zumindest noch nicht – von außen. Sie kommt vielmehr aus uns selbst heraus, aber erst dann, wenn wir den Filtern erlauben, unsere Verletzlichkeit freizulassen, und wenn wir endlich mit ihr in Verbindung gehen.

So viele Menschen haben sich viel zu lange erfolgreich gegen die Verletzlichkeit gestemmt, die in Wahrheit nicht von außen kommt, durch keinen Virus oder sonstigen „unsichtbaren Gegner“, sondern ganz tief aus uns selbst. Sie will schon so lange hoch in unser Bewusstsein, aber es sind diese unsichtbaren Filter, die sie immer wieder zurück in unser Unterbewusstsein drücken.

Moderne Hirnforschungen können diesen Vorgang sogar wissenschaftlich nachvollziehen, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Jedenfalls, alles, was zu lange runter gedrückt wird, das bahnt sich früher oder später auf andere Art seinen Weg nach draußen, um endlich gehört, gesehen und angenommen zu werden. Zum Beispiel, in dem es sich auf einen Virus projiziert.

Diese uralte Metapher der Projektion ist natürlich nicht von mir, sondern von C.G. Jung, aber ich empfinde sie als aktueller denn je: Wenn die Verletzlichkeit in Form eines ansteckendenden und mitunter tödlichen Virus daherkommt, vielleicht steckt darin auch die riesige Chance, sie als das (wieder)zuerkennen, was sie ist: Eine Erinnerung an unsere Vergänglichkeit.

Der Trick ist, die Angst zuzulassen

Ich möchte dir nun noch erzählen, welche ich Antwort ich bekommen habe, als ich vor vielen Jahren einem sehr besonderen Menschen von dem Tag erzählte, an dem ich erfuhr, dass alle Menschen einmal sterben müssen. Und dass ich in dem Moment aufhörte, zu tanzen. Mir hat seine Antwort sehr geholfen, und in diesen herausfordernden Zeiten möchte ich sie gerne mit dir teilen. Er sagte:

„Frier nicht ein, in der Hoffnung, auf diese Weise die Zeit aufzuhalten. Probiere aber auch nicht, sie zu überholen – das ist, als würdest du versuchen, eine Jahreszeit zu überspringen. Lerne wieder zu tanzen! Es wird dich die Zeit vergessen lassen.“

Auch ich bin heute trotz meiner langjährigen Beschäftigung mit den Ressourcen und Potenzialen der Hochsensibilität nicht vor der Erstarrung gefeit. Auch mir macht diese Situation Angst, manchmal ein bisschen mehr, manchmal ein bisschen weniger. Aber als hochsensibler Mensch habe ich ein lebenslanges Training hinter mir: Ich hatte nie die Filter, die den meisten Menschen über einen sehr langen Zeitraum vorgaukeln können, dass sie unkaputtbar sind.

Dieselben Filter, die nun kurz vor dem Zusammenbruch stehen und sich noch ein letztes Mal aufbäumen. Der vergebliche Versuch, den Alltag aufrechtzuerhalten, das Horten von Nudeln und Klopapier und all die digitale Ablenkung – all das soll die Angst in Schach halten. Ich glaube der Trick ist, die Angst zuzulassen und den Mut zu haben, einen Moment innezuhalten. Sich zu erinnern. Und demütig Zeuge zu werden, wie sich die Angst in Verletzlichkeit wandelt.

Immer dann, wenn ich spüre, dass ich „einzufrieren“ drohe,

versuche ich deshalb, nicht dicht zumachen und auf alte Bewältigungsstrategien zurückzugreifen, die mir einst vermeintlich als Schutz dienten – in einer Zeit, in der ich noch viel zu wenig über Hochsensibilität wusste. Stattdessen versuche ich ganz bewusst, in den Kontakt mit meiner Verletzlichkeit zu gehen.

Und dann erinnere ich mich an meine Suche nach der Unsterblichkeit, und an die kostbaren Momente, die ich auf dieser Suche erleben durfte. Augenblicke, in denen Zeit und Raum sich auflösen zu schienen und die Gewissheit einsetzt, dass es da noch etwas anderes gibt, etwas das größer ist als wir selbst.

Dieses berühmte etwas zwischen Himmel und Erde, dass wir nicht benennen können und das uns doch hilft, unsere Leben nicht als etwas in sich Abgeschlossenes mit einem Anfang und einem Ende zu betrachten, sondern als Teil einer unendlichen Geschichte. Kennst du das auch?

Das sind die Momente, an die wir uns erinnern können,

 wenn es zwischendurch mal eng wird oder unser eigenes Leben oder das eines geliebten Menschen eines Tages zu Ende gehen wird. Das sind die Momente, die es uns ermöglichen, selbst in der größten weltweiten Krise wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, vielleicht erst zaghaft, dann ein bisschen entschlossener, und die uns zwischendurch sogar ein bisschen tanzen lassen.

23.03.2020
Sabrina Görlitz


Sabrina Görlitz ist freiberufliche Autorin, Story-Coach und Palliativbegleiterin. Sie ist außerdem Kooperationspartnerin von Aurum Cordis, Kompetenzzentrum für Hochsensibilität, und Co-Autorin des Fach.Buchs Hochsensibilität.
In ihrem Kapitel „Grenzgänger mit Sinn für Wunder“ berichtet sie unter anderem von den flüchtigen Momenten, in denen ihr die Unsterblichkeit begegnet ist.

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