Wer urteilt, darf Vergebung lernen

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maedchen-umarmung-vergebung-hugWer urteilt, darf Vergebung lernen

Das Thema „Vergebung“ ist eines, das uns alle angeht, und zwar ganz unabhängig davon, ob wir meinen, dass wir gerade etwas zu vergeben hätten oder nicht. Unser Verständnis von „Vergebung“ ist eng mit unserer Sicht auf uns selbst, auf andere Menschen und auf die Geschehnisse des Lebens verwoben.

Um diesen Zusammenhang zu illustrieren, möchte ich Ihnen von einer eindrücklichen Situation erzählen,

die ich vor einigen Jahren auf einer Konferenz erlebt habe, die eigens dem Thema „Vergebung“ gewidmet war:

Viele interessante Beiträge dazu, was Vergebung ist, wie Menschen mit herausfordernden, ja teilweise existenziell bedrohenden Handlungen anderer umgegangen waren, wie sie Mitgefühl und sogar Liebe für Ihre Peiniger entwickelt hatten, all das hatte die Konferenz bereits zu einem Ort des lebendigen Austauschs gemacht.

Vielfältige Impulse dazu, wie sich vermeintlich festgefahrene Situationen mit Schulderlass, Verzeihung, Gnade und Barmherzigkeit wandeln lassen, hatten bereits Raum gefunden. Ein interessanter Beitrag stand noch aus, nämlich der eines ungewöhnlichen Paares.

Als die Bühne für die beiden Referenten geöffnet wurde, traten ein Mann und eine Frau ins Scheinwerferlicht.

Er war ein in die Jahre gekommener Veteran, der als gebrochener Mann auf einen Gehstock gestützt langsam auf einen Stuhl zuging, der für seinen Auftritt vorgesehen war. Sie war eine Frau mittleren Alters, die sich mit sanfter, freundlicher Miene neben ihn setzte, und ihrer beider Geschichte mit dem Publikum teilte.

Sie berichtete davon, wie der Mann, der in gebeugter Haltung hier und jetzt neben ihr saß, vor vielen Jahren, als sie selbst noch ein junges Mädchen war, ihren Vater ermordet hatte. Detailvoll erzählte sie, wie ihr Vater dem politischen Aktivismus von Menschen zum Opfer gefallen war, die meinten, dass ihre Sicht auf die Dinge die einzig wahre war.

Diese Menschen waren bereit, ihr eigenes Leben für ihre Sicht auf die Dinge hinzugeben und sie waren ebenfalls dazu bereit, in Kauf zu nehmen, wenn auch andere ihr Leben dafür lassen müssten. Nachdem sie über den gewaltvollen Tod ihres Vaters gesprochen hatte, erzählte die Frau, wie sie schließlich dem Mann begegnet sei, der den Mord an dem von ihr so sehr geliebten Menschen begangen hatte.

Sie erzählte von der ersten Begegnung und davon, wie sie beide versucht hatten, aufeinander zuzugehen, miteinander ins Gespräch zu kommen und schließlich eine Verbindung zueinander herzustellen.

Heute, so führte sie weiter aus, verstünden sie sich als lebendiges Beispiel der Vergebung.

Ihre Aufgabe sähen sie beide darin, anderen zu zeigen, dass es möglich ist, selbst in einer so verfahrenen Situation wie der ihren aufeinander zuzugehen, sich gegenseitig zu wertschätzen und sogar einen gemeinsamen weiteren Weg zu finden.
Während sie sprach, beobachtete ich den Mann neben ihr.

Mir kam es vor, als würde er mit jedem schrecklichen Detail ihrer beider Vergangenheit noch tiefer in sich zusammensinken. Als er selbst zu Wort kam, machte er deutlich, dass sein Vergehen nicht zu entschuldigen sei. Er habe einen Mann getötet, einen unschuldigen noch dazu.

Er habe in seinem blinden politischen Aktivismus die klare Sicht auf die Dinge verloren und sei damit unentschuldbar schuldig geworden. Er habe das Erbarmen nicht verdient, das ihm von der Familie seines Opfers zuteilwerden würde, und sei nun froh, gemeinsam mit der Tochter des Mannes, dessen Leben er auf dem Gewissen hätte, um die Welt zu reisen, um anderen zu einem lebendigen Beispiel für Vergebung und Mitgefühl zu werden.

Als ich diesen beiden Menschen dabei zuhörte, wie sie ihre Geschichte mit uns anderen teilten, regten sich in mir gemischte Gefühle.

Einerseits war ich zutiefst angerührt von diesem so ungewöhnlichen Miteinander. Da hatten es zwei gewagt, Brücken der Menschlichkeit zu schlagen, wo in Anbetracht eines Mordes alle Verbindung unmöglich zu sein schien.

Ich hatte tiefen Respekt vor diesen beiden Menschen, die sich auch unter dem Eindruck von persönlichem Leid, von quälenden Fragen und von gegenseitigem Unverständnis aufeinander zu bewegt hatten, und heute sogar soweit gingen, eine gemeinsame Mission zu verfolgen. All das nötigte mir höchste Achtung ab und ließ mich still werden!

Neben meiner Anerkennung einerseits stellte sich mir andererseits eine drängende Frage:

Passte mein bisheriges Verständnis von Vergebung mit dem überein, was ich diesen beiden Menschen wahrnahm? Anders ausgedrückt: War das hier gelebte Vergebung, wie auch ich sie beschrieben hätte? Hatte die Situation nicht auch den bittersüßen Beigeschmack, dass einer der beiden permanent Abbitte zu leisten versuchte, während der andere in der überhöhten Position war, Absolution zu erteilen?

Zementierte sich das naheliegende Bild von Täter und Opfer nicht langfristig genau dadurch, dass die Vergangenheit immer und immer wieder aufgerollt wurde? Wurde es dadurch nicht ganz und gar unmöglich, die Schuld aufseiten des Täters und die Trauer aufseiten des Opfers wahrhaftig loszulassen und weiterzugehen, um endlich aus den Schatten der Vergangenheit herauszutreten?

Ich sollte einen noch tieferen Einblick in das Innenleben des Mannes bekommen, der sich den Mord an einem anderem nicht vergeben konnte. An anderer Stelle im Rahmen der Konferenz hatte ich die Gelegenheit, ihm dabei zuzuhören, wie er seinen Lebenslauf schilderte.

Bis zum Tag des Mordes hatte sich dieser Mann in unsäglich herausfordernden Lebenssituationen befunden.

Sein politischer Aktivismus war aus der persönlichen Verzweiflung heraus entstanden, hilflos vor seinem eigenen Leid und dem Leid derjenigen zu stehen, die er liebte. Nichts von dem, was er schilderte, benutzte er als Rechtfertigung für sein Verhalten. Ganz im Gegenteil betonte er immer und immer wieder, dass sein Verhalten unentschuldbar sei.

Mein Mitgefühl wurde zunehmend größer. Ich erkannte, dass sein Handeln aus purer Verzweiflung geschehen war, und dass nichts in ihm den Tod eines anderen Menschen wirklich gewollt hatte.

Einer der Zuhörenden wandte sich liebevoll an den Mann:

Du bist ein würdevolles Wesen. Und jeder einzelne von uns hat den Anteil eines Mörders in sich. Dieser Anteil kommt dann zum Vorschein, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir meinen, dass sie laufen sollten. Solange wir eine Fliege töten, nur weil sie uns nervt, haben wir das Mörderische in uns noch nicht vollständig besiegt.

Wie damals, so fühle ich mich auch heute – während ich diese Zeilen schreibe – keineswegs in der Position, über dieses Miteinander von „Opfer“ und „Täter“, über die Einzelschicksale dieser beiden Menschen und über die Verbindung diese ungewöhnlichen Paares zu urteilen, das mir in jenen Tagen begegnete.

Ich möchte den beiden lediglich meinen Respekt erweisen, indem ich sie beim Wort nehme, und sie mir als lebendiges Beispiel der Vergebung zur Inspirationsquelle werden lasse. Wenn ich das tue, wird mir zuerst Folgendes bewusst:

Vergebung ist dann nötig, wenn etwas geschehen ist, das nach unserem Ermessen nicht hätte geschehen sollen oder dürfen.

Nur dann gibt es überhaupt so etwas, wie „Täter“ und „Opfer“. Derjenige, der jemand anderen geschädigt hat, ist dann derjenige, der auf Milde, Nachsicht und Freisprechung durch das „Opfer“ angewiesen ist. Wenn das „Opfer“ dann zur Vergebung bereit ist, erteilt es dem „Täter“ die Absolution.

Wenn der „Täter“ bereit ist, diese anzunehmen, liegt darin ein Freispruch für beide Seiten: Der „Täter“ darf seine vergangenen Verfehlungen hinter sich lassen. Das „Opfer“ verabschiedet sich von dem Schmerz, der aus dem Fehlverhalten des anderen hervorgegangen ist und sieht von weiteren Vergeltungsansprüchen ab.

Vergebung kann also dann hilfreich sein, wenn zwei – oder mehrere – Menschen unfrei geworden sind, weil sie nicht in der Lage oder bereit dazu waren, die Dinge genauso anzunehmen, wie sie nun einmal geschehen sind. Statt die Wirklichkeit mit allen Konsequenzen gelten zu lassen, wie sie sich gezeigt hat, haben sie in „gut“ und „schlecht“ unterschieden.

Im Angesicht des Todes – ja wie im obigen Beispiel vielleicht sogar des Mordes –

eines geliebten Menschen, scheint es erst einmal ganz natürlich zu sein, gegen die vermeintlichen Missstände aufzubegehren, die dazu geführt haben, dass ein Mensch sein Leben lassen musste. Da erfordert es Mut und Entschlossenheit, um sich selbst und andere nicht länger von den Geschehnissen beherrschen zu lassen, die so unbarmherzig und übermächtig in das eigene Leben eingegriffen haben.

Und doch ist auch das eine Sicht auf die Dinge, von der ich anfangs sagte, dass sie eng mit unserem Verständnis von „Vergebung“ in Zusammenhang steht.

Vergebung ist nur dann nötig, wenn unsere Ansicht dazu,

wie wir selbst, andere Menschen und die Geschehnisse des Lebens sein müssten, nicht mit dem übereinstimmt, was wir tatsächlich erleben. Solange wir urteilen, wird es immer etwas geben, mit dem wir nicht einverstanden sind und das wir anders haben möchten.

Damit verursachen wir bei uns selbst und wohlmöglich auch bei anderen Frustration, Schmerz und Leid. Vergebung kann dann ein Akt sein, um uns wieder von der selbst erschaffenen Negativität zu befreien. Nur dann ist Vergebung überhaupt nötig.

Wenn wir hingegen dazu bereit sind, die Urteile über uns selbst, andere Menschen und den Lauf der Dinge radikal in Frage zu stellen und sie der Wirklichkeit schonungslos auszuliefern, dann können wir Schritt für Schritt in eine Lebenshaltung hineinwachsen, in der es in letzter Konsequenz keine Schuld mehr zu vergeben gibt.

Wir werden erkennen, dass „Schuld“ nur dann existent sein kann, wenn wir urteilen; dann also, wenn wir der Auffassung sind, dass etwas „falsch“ gelaufen ist. „Falsch“ und „richtig“ ergeben sich aber allein aus unserer eigenen Perspektive.

Wenn wir uns hingegen klarmachen, dass wir mit unserer begrenzten Sicht immer nur einen winzigen Ausschnitt all der Verkettungen sehen können, die zu einem bestimmten Ereignis geführt haben, dann werden wir uns dessen gewahr, dass nicht die Umstände selbst „falsch“ sind, sondern unser Urteil über sie unzulänglich ist.

Die entscheidende Frage zum Thema „Vergebung“ müssen wir uns also selbst stellen,

und sie aufrichtig für uns persönlich beantworten: Möchte ich an meiner begrenzten Sicht auf mich, auf andere und auf das Leben festhalten, oder lasse ich – so gut ich kann – von meinen Urteilen ab, weil ich annehme, dass jedes Geschehen in der komplexen Kette aus Ursache und Wirkung seinen Sinn hat, auch wenn ich ihn nicht (er-)kenne?

18.03.2020
Dr. Wiebke-Lena Laufer
Trainerin – Rednerin – Autorin
www.wiebkelenalaufer.com

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Zur Vertiefung des Lebensthemas „Vergebung“, zur eigenen Weiterarbeit und praktischen Anwendung:
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Wege zum Ich
Dr. Wiebke-Lena Laufer:
Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben,
J. Kamphausen, Bielefeld 2019,
S. 140-149
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