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Krankheiten sind genetisch bedingt?

1_Zweige_03_2013Krankheiten sind genetisch bedingt? Von wegen!

Ich kann mich noch gut an mein Studium Anfang der 1990er erinnern, als es eine heftige Kontroverse gab, ob der Mensch mehr von seinen Genen gesteuert sei (und damit unveränderlich festgenagelt ist auf das, was er oder sie “darstellt”), oder aber, ob die Umwelt (Erziehung, Ernährung usw.) den Menschen prägt und verändert. 

Zu diesem Zeitpunkt kam die Genforschung immer mehr in Schwung. Man hatte bereits in den 1970ern die genetische Steuerung der Proteinbiosynthese erforscht und enträtselt, was die Diskussion zusätzlich ankurbelte und beeinflusste. Aber zu diesem Zeitpunkt war es eigentlich zu früh, zu diesem Thema definitiv Stellung zu beziehen. Denn die Befürworter der Gene wussten nur (beziehungsweise glaubten zu wissen), dass Gene unveränderlich sind und damit das Schicksal eines jeden Genträgers besiegelt und in Stein gemeißelt ist. 

Aber auch die Umwelt-Anhänger gingen von Hypothesen aus, die sie genau so wenig belegen konnten. Denn für einen mehr oder weniger ungehemmten Einfluss der Umwelt hätte man wissen müssen, warum die Gene nicht so übermächtig sein können, wie so oft behauptet. Unter dem Strich ging man seinerzeit davon aus, dass beide Faktoren eine Rolle spielen mussten, ohne aber zu wissen, wie stark diese Faktoren waren und welcher überwog.

Aber auch damals schon gingen die Umwelt-Anhänger davon aus, dass eine Theorie, die einen unveränderlichen Einfluss der Gene annimmt, einen sozialpolitischen Hintergrund hat und keinen wissenschaftlichen. Schon damals wussten die Umwelt-Anhänger, dass die Gene sich leicht als Entschuldigung zum Beispiel für ein Versagen bei der Bekämpfung von Krankheiten hernehmen lässt, als unausweichliches Schicksal sozusagen. Ein weiteres „beliebtes“ Beispiel zu dieser Zeit war die vererbte oder erworbene Intelligenz von Kindern. Auch hier waren die mehr konservativen Vertreter der Meinung, dass Dummheit oder Intelligenz in erster Linie von den Eltern stammen müsse. Wer also Eltern mit Volksschulbildung hatte, der wurde von vornherein fürs Gymnasium und Hochschule als unqualifiziert erachtet. Und so blieben diesen Kindern die besser bezahlten Jobs verschlossen, da es an der dafür notwendigen beruflichen Qualifikation mangelte.

Wo zuerst ”göttliche Fügung” oder das Schicksal als bestimmende Größe fungiert hatten, zogen als in den 70ern / 80ern die Gene als neue große unbekannte Variable ein – die die Aufgaben von den beiden Erstgenannten (Gott und Schicksal) zu übernehmen hatte. Nun, wer an “göttliche Fügung”, das Schicksal oder die Gene als unumstößliche Richtlinie für sein Leben glaubt, der wird ein guter Untertan, der alle Unbilden in Politik, Gesellschaft und privat erduldet. Denn man kann keinen der drei Urheber für unliebsame Ereignisse zur Rechenschaft ziehen, so dass man sich in sein „Schicksal“ eben fügen muss.

Heute nach 40 Jahren

Sieht es heute anders aus? Antwort: Es sieht anders aus, doch bleibt alles beim Alten. Vor 40 Jahren wusste niemand etwas über Epigenetik. Es war nicht bekannt, dass es DNA auch außerhalb des Zellkerns gibt; in diesem Fall in den Mitochondrien der Zellen. Und es war damals auch nicht bekannt, dass diese DNA ebenfalls vererbt wird, aber nur von der Mutter auf die Nachkommenschaft. Im Zuge der Forschung auf diesem Gebiet wurde man gewahr, dass Gene nicht so unveränderlich sind wie lange angenommen. Unter bestimmten Umständen werden Gene ein- und abgeschaltet, was die Annahme, das Gene unveränderbar sind, gewaltig ins Wanken brachte.
Mehr zu diesem Thema unter Die Heilslehre der Genetik – Oder: das vertrackte Genom.

EiszweigUnd eben diese Epigenetik gibt allen Grund zu der Annahme, dass sie über Umweltfaktoren in der Lage ist, die Aktivitäten von Genen zu verändern. Damit wäre das Dogma von der Unveränderbarkeit der Gene so gut wie vom Tisch gefegt. Auch die Ernährung kann dazu beitragen, dass „schlechte“ Gene abgestellt werden (nur wenn man sich dementsprechend ernährt) und „gute“ Gene aktiviert werden. Ein weiteres gutes Beispiel finden wir beim Fasten. Denn das Fasten kann Gene positiv verändern. Oder mit anderen Worten: Es gibt einen nicht zu vernachlässigenden Spielraum für jeden von uns, in dem wir zu unserem eigenen Wohl aktiv werden können. Wir müssen nur wissen, wie wir richtig vorzugehen haben. 

Das Gleiche scheint auch für die Intelligenz zu stimmen. Laut „Independent Sciene News“ vom August 2013 geht man heute davon aus, dass 98 Prozent aller Variationen von Errungenschaften in der Ausbildung von umweltbedingten und nicht genetischen Faktoren beeinflusst wird. Der Lernerfolg ist also kein Resultat der Gene der Eltern, sondern die Fähigkeit des Schülers, auf seine Umwelt einzugehen und mit ihren Faktoren zu interagieren. Aber dieser Erkenntnis wurde keine besondere Beachtung geschenkt – seltsamerweise. Die Zahl von 98 Prozent Umwelteinfluss wurde weder in der Überschrift des Independent Science Artikels erwähnt, noch kam sie in der Presseveröffentlichung zur Sprache. 

Dafür kaute man intensiv auf einer anderen Sache herum: Der Genetik dahinter. Denn man hatte bei der Untersuchung drei genetische Varianten gefunden, die zu 0,02 Prozent an Unterschieden in den ausbilderischen Erfolgsvarianten beteiligt waren. Und dementsprechend fiel dann auch die Schlussfolgerung der Wissenschaftler aus: Statt nach Möglichkeiten zu suchen, diesen 98 Prozent gerecht zu werden und nachhaltig den Erfolg der Auszubildenden zu fördern, stürzten sich die Forscher auf diese 0,02 Prozent und empfahlen, nach diesen wenigen genetischen Varianten zu forschen. Eigentlich unglaublich – oder? 

Nun, früher wussten wir nicht so viel über Genetik und seine Beziehung zur Umwelt. Heute weiß man, dass hier augenscheinlich 98 Prozent gegen 0,02 Prozent stehen. Aber dennoch bewegt sich die Diskussion auf dem Niveau von 1970. Ist das als Fortschritt anzusehen? Wider besseres Wissen die gefundenen Resultate zu ignorieren und an den alten (überholten) Erkenntnissen (die keine sind), festzuhalten? So eine unlogische Praxis muss System haben. 

Die “unlogische” Praxis hinter dem “SYSTEM” 

Dieses System wird deutlich, wenn man erfährt, dass sogar die Tabakindustrie Forschungen unterhält, die sich mit „Verhaltensgenetik“ beschäftigt. Man möchte spontan meinen, dass die Tabakindustrie an genetisch modifizierten Tabakpflanzen arbeitet. Vielleicht macht sie das auch. Aber welches Verhalten sollte ein GMO-Tabak an den Tag legen? Nein, diese Industrie forscht nach Möglichkeiten zu erklären, dass die Sucht nach Zigaretten und Zigarren eine genetische Grundlage hat und nicht im Produkt zu suchen ist. Hier immer und immer wieder die Genetik zu bemühen hat nur einen Zweck. Und der wird besonders deutlich in einer Mitteilung (Memo) vom amerikanischen Vice President for Public Relations des Tabaccos Instituts, Fred Panzer (bei dem Namen kein Wunder), der es auf den Punkt brachte: Ziel der Forschung muss sein, den Fokus der Aufmerksamkeit zu ändern weg vom Produkt (Rauchzeugs) hin zu einer bestimmten Sorte von Personen. Oder mit anderen Worten: Wenn ihr Probleme mit dem Rauchen habt, dann liegt das nicht an den Zigaretten. Nein, denn die sind eigentlich harmlos. Das Problem ist der Raucher, der nicht das richtige genetische Rüstzeug fürs Rauchen (Verhalten) hat. 

Ach so ist das! Ja, darauf muss ich mir jetzt erst mal eine anzünden. Oder lieber nicht. Denn ich weiß von mir, dass ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die falsche Genetik fürs Rauchen habe. Meine Genetik jedenfalls duldet keinen Rauch in meiner Lunge. Bei den anderen, die rauchen, gibt es vielleicht ein Rauch-in-der-Lunge-Gen, womit die sich für einen Job bei der Feuerwehr qualifiziert hätten oder als Helmut Schmidt 🙂 

1970 ist längst nicht vorbei 

Es ist schon verwunderlich. Wir wissen heute mehr über Genetik als vor 40 Jahren und doch haben sich keine richtigen Konsequenzen aus diesem Wissen abgeleitet. Wie es aussieht, trifft das auch fürs Rauchen zu. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht weiß, dass Rauchen mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Aber dennoch kann eine ganze Industrie die Wissenschaft vergewaltigen, nur um die Realität so zu verbiegen, damit sie ins Geschäftsmodell passt. 

Auch die Bildungsfrage und Intelligenzfrage von damals wird immer noch so diskutiert wie 1970. Man will auch heute noch den Menschen vermitteln, dass soziale Unterschiede mit Genetik zu tun haben und daher unvermeidbar sind. Denn wenn die Leute glauben, dass ihre Gene die elementare Ursache sind für ihre Krankheiten, für geistige Gebrechen, für mangelnde schulische Qualifikationsmöglichkeiten und so weiter, dann braucht nichts mehr verändert zu werden. Umweltgifte sind dann entlastet und können mit schöner Regelmäßigkeit in die Umwelt abgegeben werden, was den Verursachern eine Menge Geld in Sachen Entsorgung spart. Krankheiten werden so behandelt, wie die Schulmedizin sie seit je her behandelt hat: als Verwaltung der Krankheit und Kaschierung der Symptome. Heilung ist ja nicht möglich, da die Gene dafür nicht vorhanden sind. 

Zucker in jeder Form der Ernährung aus dem Hause der Lebensmittelindustrie ist auch über jeden Zweifel erhaben, denn nicht der Zucker und seine toxische Potenz treiben die Leute in die Krankheit, sondern die genetischen Voraussetzungen sind Schuld. 

Selbstverständlich kommen dann noch andere seltsame Faktoren hinzu, die das Bild abrunden. Wenn die Genetik nicht als Erklärung herangezogen werden kann, dann erfindet man etwas Neues. So zum Beispiel die Hysterie um das Sonnenlicht. Eigentlich sollten die Gen-Fans einmal abchecken, ob Hautkrebs durch Sonnenlicht eine genetische Voraussetzung hat. So viel ich weiß gibt es keine Untersuchung dieser Art. Und es wird sie auch nicht geben, da Sonne keinen Hautkrebs erzeugt, sondern in den Himmel gesetzt worden ist, um Vitamin D zu erzeugen. Und dieses Vitamin hat den Ruf, eine Reihe von Krebserkrankungen zu bremsen oder sogar zu verhindern – ganz ohne Genetik. 

Fazit 

Wir befinden uns immer noch im Jahr 1970. Die Wissenschaft ist schon ein Stück weiter. Aber die Interessen von Politik und Wirtschaft sehen ein reibungsloses Verwalten der Untertanen vor, was man mit erfundenen Ideologien und Pseudo-Wissenschaft in die Köpfe der Betroffenen eintrichtern will. Vielleicht sollten diese Leute einmal nach einem Erkenntnis-Gen forschen, damit man auch dieses Eintrichtern leichter durchführen kann. Aber eins ist auch mir jetzt klar geworden: Auch wenn der Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft große Sprünge macht: es liegt kein Grund vor anzunehmen, dass diese Erkenntnis in die Praxis umgesetzt wird. Zumindest nicht zum Wohle der Allgemeinheit. Bestenfalls zum Wohle von Politik und Industrie. Für uns bleiben nur dumme Märchen vom Legoland und dessen schöne Gene. 

Was die Genetik sonst noch so macht (und wie das aus meiner Sicht zu bewerten ist), das können Sie hier nachlesen: 

Genetisch modifizierte Babys – ein Alptraum ist wahr geworden
Essen macht dick – nicht die Gene
Die Genetik und der medizinische Fortschritt

 (c) René Gräber – Heilpraktiker, Sportpädagoge, Sportphysiotherapeut

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