Mensch-Sein

Inneres Kind ~ was ist dies überhaupt?

Kind mit TeddyInneres Kind ~ was ist dies überhaupt?
Und wie können wir ihm helfen?

Die wichtigste innere Beziehung, die ein Mensch führt, ist die mit seinem inneren Kind, egal, ob ihm das bewusst ist oder nicht. Doch warum ist das so? Weil das innere Kind einen riesigen Einfluss auf das emotionale System hat. Es ist entstanden, als der Mensch Kind war und das heißt, es hat all seine Gefühle ungefiltert und unreflektiert in sich aufgenommen. Denn unmittelbares Erleben ist das erste, was ein Mensch erfährt, wenn er geboren ist.

Das Gehirn eines Kindes reift in genau in der Reihenfolge heran, in der es auch entwicklungsgeschichtlich gereift ist. Der Frontallappen, in dem die Vernunft und die Möglichkeit, konstruktive Lösungen zu finden, liegen, ist noch nicht aktiviert. Das Kind reagiert ohne Sprache, ohne kognitive Fähigkeiten. Es ist nicht in der Lage, zu reflektieren und das, was es erlebt hat, zu überdenken, weil das Vorderhirn noch nicht ausgereift ist. Das Kind hat noch keine Sprache außer dem emotionalen und körperlichen Ausdruck. Die Amygdala nun lernt über Emotionen, besonders über Angst und Schock.

Bei einem Schock werden sämtliche bewussten Hirnteile, die bei Kindern sowieso nicht ausgereift sind, ausgeschaltet und die Amygdala ergreift das Kommando. Wird das Kind nach einem Schock getröstet, darf es weinen, darf es wütend werden oder trauern, dann läuft die emotionale Welle aus und es kommt wieder ins Gleichgewicht. Wiederholt sich die schockierende Erfahrung nicht, dann sortiert das Gehirn diese Erfahrung wieder aus.

Was aber passiert üblicherweise?

Das Kind wurde eben nicht getröstet, niemand hat überhaupt mitbekommen, dass es einen Schock erlitten hat. Geschieht nun etwas, das den Menschen an einen Aspekt der bedrohlichen Situation erinnert, auch wenn es überhaupt nicht unmittelbar mit dem Schock selbst in Verbindung steht, ein Duft, eine Musik, ein Wort – dann reagiert das Gehirn, die Amygdala, wie auf eine echte Gefahr. Und das bedeutet nun mal Flucht, Angriff oder Erstarrung.

Wenn man nun noch weiß, dass eine der ältesten und wichtigsten Funktionen es Gehirnes die Schmerzvermeidung ist, dann kann man sich leicht vorstellen, wie viele unbewusste Tricks ein Mensch anwenden wird, um seinem verdrängten Schmerz nicht mal nahe zu kommen. Dazu braucht der Mensch gar nichts bewusst beizutragen, das Gehirn macht das ganz von selbst.

Wenn das Gehirn reift, versucht das älter werdende Kind mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, zu verstehen. Es zieht seine Schlussfolgerungen aus dem, was ihm das Leben angeboten und zugemutet hat und stellt Verhaltensregeln auf, um in Zukunft Schmerzen zu vermeiden. Der Mensch beginnt, sich selbst zu kontrollieren und bildet, weil das Gehirn noch nicht herangereift ist, teilweise merkwürdige kognitive Verknüpfungen. Diese werden nie hinterfragt, weil auch sie unbewusst passieren.

„Wenn ich erst gar niemanden an mich heranlasse, dann werde ich auch nicht enttäuscht.“

„Wenn ich keine Gefühle zeige, dann merkt niemand, dass ich welche habe.“

„Wenn ich nur ganz flach atme, dann tut es nicht so weh.“

„Männer (Frauen, Hunde, dunkle Tunnel, quiekende Mäuse, Spinnen, Abschiede, Gefühle…) sind gefährlich.“

„Wenn ich funktioniere, dann komm ich irgendwie durch.“

Das größte Trauma, das, welches am tiefsten sitzt, ist die Beschämung. Scham erleben wir meistens sehr früh, zu einer Zeit, in der wir noch keine Sprache haben und erst recht noch keine Möglichkeiten, uns selbst zu beruhigen. Scham vernichtet uns. Im Gegensatz zur Schuld, bei der wir glauben, wir hätten etwas falsch gemacht (was ja manchmal auch stimmt), fühlen wir uns in der Scham komplett falsch, die gesamte Existenz steht in Frage. Dieser Schmerz ist so immens, dass wir alles, wirklich alles zu tun bereit sind, um das nie wieder fühlen zu müssen. Wir haben keine Chance, Scham auszumerzen, weil es nichts gibt, das wir wieder gut machen könnten. Fühlen wir uns schuldig, haben wir zumindest eine Handlungsebene, wir können Schulden welcher Art auch immer begleichen. Schämen wir uns für unsere Existenz, können wir uns als strikte Konsequenz nur selbst auslöschen. Wir sind als Kinder einfach vollkommen unserem emotionalen Erleben ausgesetzt, es gibt noch keine Filter und keine inneren bewussten Aufräumarbeiten.

Der Mensch wird erwachsen, das Gehirn reift heran. Er bekommt Zugriff auf neuere Anteile, die ihn differenzierter reagieren lassen. Doch auch die Verteidigungs- und Abwehrmechanismen werden immer besser und komplizierter, denn alles, was ein Mensch mit seinem nun gereiften Gehirn lernt, steht auch der Schmerzvermeidung zur Verfügung.

Wann immer nun eine Situation an eine alte und damit kindliche Verletzung erinnert, und sei es noch so weit hergeholt, reagiert die Amygdala und sendet „Gefahr im Verzug!“. Der Mensch reagiert mit Angriff, Erstarrung oder Verteidigung, ohne zu verstehen, was eigentlich gerade ist. Womöglich, wenn das Schmerzvermeidungssystem ganze Arbeit geleistet hat, glaubt der Mensch auch noch, seine Reaktion wäre vernünftig und angemessen. Das Vertrackte daran ist, dass das nun gereiftes Gehirn mit all diesen verdrängten Themen anders umgehen könnte, es würde sich also lohnen, diese Tabuzonen zu überprüfen und neu einzuordnen. Der Erwachsene kann das für das innere Kind tun, was damals so dringend nötig gewesen wäre – doch wer sucht schon freiwillig all die schmerzverseuchten Gebiete auf, die der Pflege und Fürsorge bedürfen?

Und all diese Themen werden durch das innere Kind, über das wir hier reden, verkörpert. Natürlich gibt es auch andere Aspekte: Freude, Neugier, Lust auf Neues, Freiheit, Unschuld – diese Aspekte bereichern dein Leben ungemein. Doch meistens steht die Schmerzvermeidung des inneren Kindes im Vordergrund.

Was brauchen wir, damit das innere Kind heilen kann? Bewusstes Selbstmitgefühl. Das innere Kind braucht neue emotionale Erfahrungen, es braucht Trost, Schutz, Liebe und Geborgenheit. Das Gute und zutiefst Heilsame ist, dass wir uns diesen Schutz nun selbst geben können. Denn wir sind nun erwachsen. Wir können das für unser inneres Kind tun, was es so dringend brauchte – denn auf dieser emotionalen Ebene gibt es keine Zeit. Wir können heute heilen, was vor vielen Jahren verletzt wurde und heute befrieden, was so lange in Angst lebte. In uns selbst und für unsere Klienten.

Wenn wir heute die verletzenden Situationen erneut aufsuchen und dem inneren Kind mit dem Bewusstsein von heute aktiv zur Seite stehen, es retten, ihm einen inneren sicheren Ort geben und es nicht länger in dieser erstarrten traumatischen Situation verharren lassen, dann erlebt die Amygdala eine neue, positive emotionale Erfahrung. Die Amygdala lernt nur über emotionales Erleben. Die so genannten Löschneuronen werden aktiv, wenn das innere Kind die Erfahrung macht, beschützt und gerettet zu werden. Und darauf zielt meine Arbeit ab: wir holen das innere Kind aus den traumatisierenden Situationen von früher heraus, sind als der Erwachsene vor Ort und geben dem inneren Kind einen inneren sicheren Zufluchtsort. Dort wird es von guten Kräften gehütet und geschützt, damit es nicht immer wieder „nach vorn“ rennt und die Situationen, die der Erwachsene meistern sollte und könnte, übernimmt. Wir trainieren mit dieser Therapieform die Umschaltung von Stamm- zum Großhirn, der erwachsene Aspekt übt, Verantwortung zu übernehmen und ein Bewusstsein für sein inneres Kind zu entwickeln.

Das Ziel: auch in schwierigen, verletzenden und für das innere Kind beängstigenden Situationen vernünftige, achtsame und bewusste Handlungsfähigkeit zu ermöglichen.

(c) Susanne Hühn

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