Das Bewusstsein der Maschinen – Kybernetik

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Bewusstsein der Maschinen-puppe-computer-kybernetik-dollDas Bewusstsein der Maschinen
Gotthard Günther, der Philosoph der Kybernetik

Gotthard Günthers 1963 erschienenes Buch »Das Bewusstsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik« gewinnt erst heute seine Aktualität. Seine Abhandlung zielt auf eine neue Bewusstseinstheorie, die er kybernetisch-transzendental nennt.

Er bezieht sich auf die Errungenschaften der westlichen Philosophie, wie sie, beginnend mit Platon, über Aristoteles, Kant und Hegel voran geschritten ist, um dann anhand der neuartigen Erkenntnisse der Kybernetik tiefgreifende Veränderungen im metaphysischen Weltbild des Menschen aufzuzeigen.

Die bisherige philosophische Theorie ebenso wie Religion und Kultur bewegten sich in einem Bereich der zweiwertigen Logik, den man landläufig auch als dualistisches Weltbild bezeichnet. Mit der Kybernetik wird eine neue dreiwertige – bzw. in der Konsequenz mehrwertige – Logik notwendig, die neben Ich und Sein als dritte Instanz die Information als »denkende Materie« einführt.

Gotthard Günther blickt auf die Philosophie mit dem Instrumentarium der Logik und eröffnet uns ein erstaunliches Panorama auf die Denk-und Bewusstseinsgeschichte des Abendlandes.

Ich – Du

Erste und grundlegende Unterscheidung, von der alle reale logische Betrachtung ausgehen muss, ist die von Ich und Du. Bereits hier verwickelt sich das zweiwertige Denken in Widersprüche, da es das Du nicht als zweites, anderes Subjekt, sondern als Objekt denkt. Reflexion ohne Berücksichtigung des objektiven Du führt unweigerlich zu Dogmatismus, Ideologie und den daraus erwachsenden gesellschaftlichen Problemen, da das Du, welches im Widerspruch zum Ich steht, nicht existieren darf.

Günther bringt die Ich-Du-Antithese mit seiner trans-klassischen Logik der Mehrwertigkeit in Beziehung. Der Leser erlebt in seinem Werk die Spurensuche eines neuen Bewusstseins, das erstaunlicherweise durch die Entwicklung der kybernetischen Maschinen hervorgebracht wird, und den alten Dualismus von Subjekt und Objekt, von Geist und Materie, von Idealismus und Materialismus zugunsten einer neuen qualitativen Schau auf die Wirklichkeit hinter sich lässt.

Jenseits der Mechanik

Gotthard Günther geht in diesem Zusammenhang auch der Frage nach, ob der Mensch einer mit »voll-reflexivem Bewusstsein« begabten Maschine noch überlegen wäre. Im Zuge seiner Abhandlung und seiner logischen Analyse zeigt er, dass diese Frage falsch gestellt ist.

Um es vorwegzunehmen, eine Maschine, die von einem Kybernetiker oder Techniker erschaffen wird, erfordert zwei Sprachen: Eine Metasprache und eine Maschinensprache. Die Metasprache ist die des Menschen, der die Maschine programmiert. In dieser Sprache gibt der Programmierer der Maschine ein bestimmtes System von Variablen und Kategorien, in denen dieses künstliche System dann operiert.

Das maschinelle System ist der Metasprache logisch

um eine Dimension untergeordnet. Deswegen kann das Maschinenbewusstsein niemals seinen eigenen Schöpfungsprozess hintersteigen. Gotthard Günther zeigt, dass es sich bei diesem Verhältnis zwischen Mensch und Maschine analog um das gleiche Prinzip handelt wie zwischen Gott und Mensch.

Auch der Mensch kann seinen Schöpfungsprozess nicht verstehen und postuliert zwangsläufig eine transzendente (= unerreichbare) Instanz: Gott den Schöpfer. Allein an diesem Sachverhalt, der nur eine von mehreren Argumentationslinien und Aspekten in Gotthard Günthers Werk darstellt, lässt sich schon erkennen, welche metaphysische Relevanz sich über formal-logische Erwägungen hinaus aus der Möglichkeit kybernetischen Maschinen ergibt.

Wenn moderne naturwissenschaftliche Konzepte

wie die Relativitätstheorie und Quantentheorie bisher die moralische Essenz des Menschen bestenfalls am Rande berührten, liegen die Dinge in der Kybernetik etwas anders. Hier wird das Kernvermögen des Menschen, seine Intelligenz, sein Erinnerungsvermögen, seine Fähigkeit zu komplexen Prozessen, seine Reaktivität, schließlich seine Fähigkeit der Reflexion angefochten.

Wie oben schon angesprochen, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, dass intelligente künstliche Maschinen irgendwann die Menschheit beherrschen werden. Gotthard Günther bemerkt ganz richtig, dass diese Ängste aus einem unzulänglichen Konzept dessen, was der Mensch ist, hervorgehen.

Diese Ängste setzen nämlich voraus, dass der Mensch sich selbst als mechanisches Produkt begreift, und dann als solches von den intelligenten Maschinen übertroffen werden würde.

Wie Gotthard Günther zeigt, ist jedoch der Mensch bewusstseinstheoretisch alles andere als mechanisch zu verstehen. Mit der selbstreflexiven, philosophischen Selbsterkenntnis des Menschen, die gewissermaßen durch die elektronische Revolution erzwungen wird, überwindet der Mensch endgültig die mechanistische Stufe und erwächst in eine neue Spiritualität.

Die Information

In diesem Sinne sagt Günther:

»Die bisherige Annahme der klassischen Metaphysik, dass sich das Wesen der Wirklichkeit und speziell der menschlichen Existenz aus zwei, und nur zwei, metaphysischen Realitätskomponenten, nämlich Materialität und Spiritualität, erklären lasse, beruhe auf einem Irrtum.
Denn, ganz gleichgültig wie man jenen urphänomenalen Gegensatz auch interpretieren mag – etwa als Subjekt und Objekt, als Sein und Denken, als Tod und Leben, und so weiter – stets bliebe ein, heute exakt definierbarer, Bereich von Phänomenen übrig, der sich weder auf der physisch-materiellen noch auf der subjektiv-spirituellen Seite unterbringen lasse.
Jener nicht einzuordnender Restbestand wird heute in der Kybernetik gewöhnlich mit dem Wort »Information« bezeichnet, worunter in solchen grundsätzlichen Erörterungen nicht nur das unmittelbare Faktum der Information, sondern auch der Kommunikationsprozess, durch den dieselbe übermittelt wird, zu verstehen ist.
« (S. 21f.)

Das heutige Modewort »Informationszeitalter«

kann brisanter nicht gedacht sein. Dreiwertige Logik bedeutet, dass es einen dritten Wert geben muss. Dieser dritte Wert ist die Information, respektive die Kommunikation, die nicht auf subjektive oder objektive Faktoren reduziert werden kann.

Die Information ist also eine dritte logische Instanz, die die Subjekt-Objekt-Spaltung, unter der nicht nur die regionalen Hochreligionen, sondern auch die politischen Systeme leiden, aufzulösen vermag. Dies jedoch nicht in Richtung eines Monismus, der eine unzulässige Reduktion des Verschiedenen auf das Gleiche bedeuten würde, sondern hin zu einer polykontexturalen Konzeption der Welt, das bedeutet, es gibt mehr als richtig und falsch, oder gut und schlecht. Information und Kommunikation als grundlegende Bedürfnisse des Menschen werden hier erstmals philosophisch und theoretisch erfasst und in einen transzendental-logischen Zusammenhang eingereiht. Diese unterliegen von nun an nicht mehr dem Verdacht, falsch zu sein.

Information und Kommunikation sind weder Geist noch Materie.

Norbert Wiener, der Verfasser des Buches »Cybernetics« (1948) macht die Aussage: »Information is information, not matter or energy.« (Günther, S. 22) Gerade die Unterscheidung zwischen Information einerseits und Energie andererseits scheint bis heute in manchen Kreisen noch nicht genau geklärt.

Der Unterschied kann jedoch gewaltiger kaum sein. Das Verhältnis von Energie und Materie wurde von Albert Einstein gezeigt. Energie ist eine andere Erscheinungsform von Materie. Information jedoch ist eine eigene Qualität, die von Materie und Energie zu unterscheiden ist, sie ist nicht ohne Rest in Materie zu überführen, die eigentliche Information eines Buches geht über die Beschaffenheit des Papiers hinaus.

Dass der Kommunikationsprozess andererseits in den Bereich der geistigen Phänomene gehöre, wonach dann allmählich der gesamte Bestand der seelischen Daten des subjektiven und ich haften Bewusstseins in der Konstruktion elektronischer Gehirne einzubinden wäre, ist ebenso falsch.

»So wie die Informationstheorie sich auf das Schärfste gegen den reinen Objektbereich und gegen dessen Gesetzlichkeit abgrenzt, so zieht sie auf der anderen Seite einen ebenso unerbittlichen Trennungsstrich zwischen sich und dem völlig informations-transzendenten Subjekt. In anderen Worten: die Kybernetik macht erstens die metaphysische Annahme, dass es Objekte gibt. Alle Technik tut das qua Technik. Zweitens aber setzt sie die metaphysische Prämisse, dass Subjektivität und Selbstbewusstsein ebenfalls als »existente« Größen vorausgesetzt werden müssen, wenn kybernetische Theorien möglich sein sollen.« (S. 22)

Warum muss es das Subjekt geben?

Die herkömmliche Philosophie beschreibt das Subjekt als das Immanente und das Objekt als das Transzendente. Immanent bedeutet innerlich, das Ich, das im innersten tiefsten Grunde wohnt. Dieses Ich ist nur mir zugänglich, es ist nicht objektivierbar. Gotthard Günther nennt es auch introszendent, um es sprachlich mit dem Begriff transzendent in Beziehung zu setzen.

Der Begriff transzendent wiederum bedeutet das mir äußerlich Seiende Unerreichbare. In der klassischen Metaphysik ist das eigentliche Transzendente Gott. Gott ist uns unerreichbar, er ist transzendental zu uns. Desweiteren muss das Du als transzendental zum Ich betrachtet werden, weil es nicht ohne Rest in das Ich überführbar ist. Schließlich und endlich muss auch die objektive Außenwelt sowie die feste Materie dem Ich gegenüber als transzendental eingestuft werden. Das Ding an sich, wie es von Kant und Hegel beschrieben wurde, ist mit sich selbst identisch, aber nicht mit dem Ich.

Warum muss es aber ein Subjekt geben?

Es könnte doch sein, dass bisher für rein subjektiv, psychisch oder spirituell gehaltenen Vorgänge als objektive Mechanismen entlarvt werden würden. Man hätte also einen Mechanismus falsch interpretiert und gesagt, dies sei ein subjektiver Vorgang. Aber selbst wenn diese Interpretation falsch gewesen sein sollte, muss doch ein subjektives, ichhaftes Bewusstsein vorhanden gewesen sein, dass diese falsche Interpretation vorgenommen hat. Oder man mag mich überzeugen, dass mein Erlebnis ein Traum war.

Vielleicht ist die Deutung dieser Bewusstseinsinhalte falsch, das Subjekt dieser Deutung wird davon jedoch nicht in Frage gestellt. Tatsächlich ist das Wissen vom Subjekt vorrangig vor allen anderen Formen des Wissens. Das Subjekt ist introszendent, das heißt es ist unserem objektives Wissen erzeugenden Erkenntnisapparat nicht zugänglich, nicht jedoch, weil es außerhalb des Subjekts läge – denn dann wäre es transzendent -, sondern weil es so tief in uns liegt und wir es nie ganz erreichen und verstehen werden. Dieser Umstand wurde von vielen Philosophen beschrieben. Sobald man denkt, man habe das Ich erreicht, weicht es zurück und verschwindet im Nebel.

Dieser Umstand ist in der Funktionsweise unseres Denkens begründet, das, gleich wie die oben beschriebene Maschine, die ihren eigenen Schöpfungsprozess nicht hinterfragen kann, immer an die Grenze stößt, wo ihm Wesen und Grund der eigenen Existenz nicht erfassbar ist. Es ist die Frage nach der Schöpfung, die in allen Kulturen letztendlich die Idee des Göttlichen impliziert, das uns geschaffen hat.

Die geistige Tradition des Abendlandes

Die griechische Philosophie der Antike spricht von dem »absoluten Sein«. Dieses absolute Sein ist der Ursprung zweier metaphysischer Realitätskomponenten, nämlich von objektivhaft Seiendem und subjekthafter Reflexion oder Denken. Im Absoluten, in Gott, fallen diese Komponenten zusammen und sind miteinander identisch. Dies ist die göttliche Einheit der Gegensätze (coincidentia oppositorum des Nikolaus von Cusanus). In unserer empirischen Welt jedoch, im Diesseits, treten diese als scheinbar unversöhnliche Gegensätze auseinander.

Erst der Zusammenklang dieser gegenseitigen Komponenten bildet das vollständige Sein, dessen Erreichung somit zur Aufgabe wird. Alle Philosophie und Spiritualität präsentiert sich als der Versuch dieser Verbindung.
Bemerkenswert an dieser Weltsicht sind zwei Dinge: erstens schließt sie aus, dass an dem Aufbau der Wirklichkeit mehr als zwei transzendentale Komponenten beteiligt sein können. Zweitens müssen diese beiden Komponenten jederzeit genau identifizierbar sein.

Aus dieser Weltanschauung erwächst sodann die Forderung nach einem eindeutigen logischen Schnitt zwischen diesen Gegensätzen von Ich und Welt, Sein und Denken, Reflektion und Gegenstand der Reflektion.

»Dieser einzige und urphänomenale Schnitt, der durch das ganze Universum unsere Erfahrung geht, ist so gelegt, das Subjekt und Objekt zwar nicht empirisch, wohl aber metaphysisch zur genauen Deckung kommen müssen. Das ist die klassische Dualitätstheorie des Absoluten«
(S. 25), wie sie von Aristoteles begründet wurde.

Logik

Um die späteren Ausführungen der vorliegenden Präsentation nachvollziehen zu können, muss hier ein Abschnitt zur Logik eingeflochten werden. Die Axiomatik unserer traditionellen Logik korrespondiert mit dieser Dualitätstheorie des Absoluten. In den drei Sätzen von »der sich selbst gleichen Identität, dem verbotenen Widerspruch und dem ausgeschlossenen Dritten« spiegelt sich diese Realitätswahrnehmung wieder.

Erstens muss der Gegenstand der Reflektion mit sich selbst identisch sein, um sich kraft dieser sich gleich bleibenden Identität von der Bewegung des subjektiven Reflexionsprozesses eindeutig abzuheben.

Zweitens, wenn einer solchen Identität ein positives Prädikat zugeordnet ist, kann die Negation dieses Prädikats diese Identität nicht betreffen, sondern fällt in den Bereich der denkenden Reflexion.

Drittens, wenn die beiden gegensätzlichen Prädikate dem Gegenstand sowie der Reflexion zugeordnet sind, ist ein drittes Prädikat unbedingt und absolut ausgeschlossen.

»Diese Logik beherrscht auch heute noch unseren rationales Denken. Mit ihr steht und fällt der gesamte Bestand unseres bisherigen theoretischen Wissens.« (S. 25)

Versucht man eines dieser Axiome aufzugeben, fällt das ganze System in sich zusammen.

Dualistische Erlebniswelten

Nach dieser Konzeption muss sich die Wirklichkeit ohne Restbestand (ausgeschlossenes Drittes) in Objekt und Subjekt, also in Gedachtes und Denken, aufspalten lassen. Was nicht das Eine ist, ist unvermeidlich das Andere. Innen-außen, materiell-spirituell, Form-Inhalt, Geist-Materie sind die Dualitäten, die unser Denken bestimmen. Sie können als zweiwertige Logik definiert werden.

Dieses Denken versucht, herauszufinden, inwiefern es sich bei einem Phänomen um objektives Sein oder um den subjektiven Reflexionsprozess eines beliebigen Ich handelt – und es steht immer vor dem Abgrund, den eine Unbeantwortbarkeit dieser Frage aufspannt. Wir sehen hier die Ursache der allgemeinen Verunsicherung des westlichen Denkens, das sich im Verlaufe seiner historischen Entwicklung immer mehr von dieser Sicherheit der Erkenntnis entfernte, bis es schließlich heute in den zersetzenden Theorien des Positivismus und Konstruktivismus mündete.

Die logische Stringenz dieses Denkens führt Gotthard Günther weiter bis zu einem äußerst delikaten Gegensatzpaar, dem von Leben und Tod:

»Es kann für dieses Denken niemals ein Zweifel daran bestehen, was totes Ding und was lebendiges Subjekt ist. (…) Derjenige, der der Auffassung huldigt, dass sich die metaphysische Schranke zwischen Ding und Subjektivität, respektive Geist, in dieser Welt verwischen lässt, ist im tiefsten Sinne abergläubisch, denn er glaubt an Gespenster. Ist doch das Gespenst die im Diesseits zum Dinge herabgesunkene Seele.« (S. 26 f.)

An dieser Stelle mag vorausgeschickt werden, dass hier nicht nur die Frage nach der beseelten Natur angesprochen ist, sondern auch die Frage, inwiefern es überhaupt etwas Totes in dieser Welt gibt.

Auf dem zweiwertigen Schema beruht also unsere ganze bisherige Tradition, die Struktur unserer Kultur, die Klassifikation unserer Wissenschaften und der volle Umfang der abendländischen Technik. Die kybernetischen Theorien lassen sich jedoch in diesem dualistischen Weltbild nirgends einordnen.

Mit dem Informations- und Kommunikationsprozess ist eine neue metaphysische Komponente entdeckt, die sich weder ganz auf reine Objektivität noch ganz auf reine Subjektivität reduzieren lässt und der man auch dadurch nicht beikommen kann, dass man sie aufspaltet und partiell auf Subjekt und Objekt verteilt.

Zeit, Information und Syntropie

Erstaunlicherweise weist die Kybernetik darauf hin, dass in einem Kommunikationsprozess die Richtung der Zeit einsinnig ist. Kommunikation bewegt sich in der Zeit vorwärts und ist aufbauend. Damit unterscheidet sie sich von materiellen Systemen, die das Merkmal der Entropie aufweisen.

»Die temporale Struktur eines Informations- und Kommunikationsprozesses ist, selbst wenn man ihn aus dem lebenden, bewussten Subjekt in einem kybernetischen Mechanismus projiziert hat, immer noch die eines Organismus.« (S. 31)

Es besteht also ein Zusammenhang zwischen Information und Syntropie (Negentropie). Information ist, obwohl sie auf materielle Mechanismen übertragbar ist, in ihren Eigenschaften denen des lebenden Organismus ähnlich, sie ist syntropisch.

Die dritte Sphäre

Dass Information nicht materiell ist, kann leicht eingesehen werden. Man kann sie nicht mit Händen greifen. Dennoch ist sie aber auch nicht geistig. Obwohl die kybernetischen Maschinen, die Computer, geistige Eigenschaften wie Erinnerung, intelligente Lenkung und Beeinflussung von Realitätszusammenhängen durch informative Daten, logischen Strukturen und abstrakte Motive, sowie Reaktionsfähigkeit auf Signale und Intelligenz besitzen, können diese Eigenschaften nicht unbedingt als Manifestation von Geist und Spiritualität angesehen werden, da sie sich mechanisch darstellen und wiederholen lassen. Information stellt auf Grund ihrer Eigenschaften eine dritte Qualität neben Subjektivität und Objektivität dar.

Bemerkt sei noch, dass die oben genannten geistigen Eigenschaften nicht vollständig in den Mechanismus eingehen können. Insbesondere die introszendenten metaphysischen Tiefenperspektiven können überhaupt nicht übernommen werden. In den kybernetischen Bereich können nur statistisch oder logisch-mathematisch bearbeitbare Inhalte übernommen werden. Wie wir noch sehen werden, entzieht sich das seelische Wesen des Menschen ohnehin der Logik und zeigt sich dort nur in Form von Paradoxien und Widersprüchen.

Nur ein Teil der subjektiven Eigenschaften lässt sich im Informationsprozess darstellen. Dass diese bisher zur subjektiven Seite gezählt wurden, unterlag dem Fehler einer falsch verstandenen Spiritualität, die der zweiwertigen Logik unterworfen war. Ebenfalls Produkt der zweiwertigen Logik wäre jedoch der Umkehrschluss, diese Bestände dem intelligenzlosen, natürlichen Gegenstandsbereich im Sinne einer Objektivität an sich zuzuordnen. Für sie wird, wie gesagt, eine dritte Sphäre proklamiert.

Das mittlere Jenseits

Die Unzulänglichkeit des dualistischen Weltbildes zeigt sich darin, dass Reflektion nie ganz Objektivität werden kann und andererseits das mechanische Gehirn nie ganz den Charakter eines Ich annehmen kann.

Andererseits aber besteht weder für den Objektivationsprozess der Reflexion noch für den Subjektivationsprozess des Mechanismus irgend eine endliche Grenze. Sie bewegen sich gegenläufig gleich zweier Hyperbeln, die sich an einer mittleren Achse aufrichtigen, aufeinander zu, ohne sich je zu berühren. Dazwischen befindet sich das »mittlere Jenseits«, der Informationsprozess, der eine eigene Art der Transzendenz besitzt.

Wir haben somit drei Unerreichbarkeiten (Transzendenzen):

  1.  die objektive Unerreichbarkeit des Ansich;
  2. die subjektive Unerreichbarkeit der Innerlichkeit;
  3. die Unerreichbarkeit, die uns lehrt, dass Subjekt und Objekt einander auch in der Mitte nicht vollkommen begegnen können.

Gotthard Günther erinnert an dieser Stelle daran, dass die dritte Region der Realität durch Abtrennung von den subjektiven Phänomenen gewonnen wurde. Nur der Begriff des Subjekts wird verändert, nicht der des Objekts. Die klassische Idee von Objekt und Objektivität bleibt unberührt.

Wenn auch auf der Basis der neu gefundenen dritten Region eine dreiwertige oder sogar generelle mehrwertige Metaphysik eingeführt werden kann, so bleibt doch auch die klassische zweiwertigen Logik intakt. Sie bleibt gültig, so weit rein objektive Strukturen allein zur Diskussion stehen, in denen keine subjektiven oder an das Ich gebundenen Reflexionen eine Rolle spielen.

Das Du

In der bisherigen zweiwertigen Metaphysik hatten wir die Gegenüberstellung von Ich und Welt. Die Welt ist das mir äußerlich seiende Objektive. Das Ich ist die eigene Innerlichkeit, die Subjektivität. Was in dieser Gegenüberstellung immer fehlte, war der »Spezialfall«, dass das Objekt ein Subjekt ist.

Mit der gleichen Evidenzkraft, mit der wir uns von der Dingwelt distanzieren, wissen wir doch, dass das Du, obwohl es in der Dingwelt als objektive Größe auftritt, selbst subjektiv ist (S. 41f.). Jedoch ist in dem zweiwertigen Denken dieser Umstand logisch nicht zu fassen. Und so trat in der Geschichte immer wieder der Fall auf, dass das Du, der Andere, zum Ding degradiert wurde.

In dem Maße, in dem die griechische Antike die zweiwertige Metaphysik hervorbrachte, machte sie zugleich andere Menschen zu Sklaven. Dieser Vorgang zieht sich bis in die heutige Zeit. Der andere, der nicht der gleiche ist zu meinem Ich, stellt einen Widerspruch dar, den es auszulöschen gilt, indem der andere ausgelöscht wird.

Wie Aristoteles sagte:

»was wahr ist, kann nicht falsch sein«.

Hier erleben wir die zweiwertige Metaphysik als Brutstätte von Ideologien und Dogmatismus, weswegen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Aufkommen der Kritischen Theorie die Metaphysik als ganze in Abrede gestellt wurde – was wiederum eine zweiwertigen Aktion war.

Mit der Einführung der dreiwertigen Metaphysik jedoch wird das Du denkbar, denn was zwischen Ich und Du vermittelt, ist der Kommunikationsprozess. Wir können eine dritte Differenz einführen, nämlich die zwischen dem Du und den Objekten.

Wir haben also drei Gegensatzpaare:

  • Ich versus Objekt;
  • Ich versus Du;
  • Du versus Objekt.

Auf der einen Seite können wir dem Du dieselbe reine Innerlichkeit zugestehen, derer wir selbst uns inne werden (Ich versus Du, was in der Logik, wie Gotthard Günther zeigt, wie alle diese Verhältnisse ein identisches Umkehrverhältnis ist). Auf der anderen Seite erlebt das Ich aber das Du nicht als seinen eigenen Reflexionsprozess, sondern als ihm äußerlichen Reflexionsprozess (Du versus Objekt). Die Reflexion des Du über seine Außenwelt ist von der meinigen verschieden.

Um diesen wichtigen Punkt nachhaltig zu klären,

sei eine längere Passage von Gotthard Günther zitiert:

»Damit enthüllt sich uns auch die tiefere transzendentale Bedeutung der Kybernetik. Subjektivität überhaupt ist uns in unserer Erfahrung in zwei Gestalten gegeben. Erstens als eigenes seelisches Leben und zweitens als Fremdseelisches.
Zugänglich aber ist uns jene reine Subjektivität nur in der intimen Privatheit des eigenen Ich. Das andere Ich jedoch ist uns so fern und in seiner ihm allein eigenen Innerlichkeit so unerreichbar wie das Jenseits selbst. Jene seelische Distanz zwischen Ich und Du wird von uns zwar als Faktum erlebt, aber ihr Wesen bleibt unverstanden. In der Konstruktion eines Information produzierenden und Kommunikation leistenden Mechanismus liegt nun als letzte Intention das Bemühen, jene primordiale Kluft, die das Identitätsdifferenzial zwischen Ich und Du aufreißt und die die mit sich selbst identische Subjektivität für alle Ewigkeit auf zwei metaphysische Wurzeln verteilt, auf eine rational beherrschbare Weise zu überbrücken.

Denn wenn zwei verschiedene Iche die ihnen private eigene Innerlichkeit nicht miteinander teilen und gemeinsam haben können, dann bleibt nur ein Weg zu einer ontologisch bindenden und objektiv verbindlichen Verständigung zwischen ihnen übrig. Nämlich, dass sie in gemeinsamer Handlung das Bild ihrer Subjektivität aus sich heraussetzen und im Objektiven technisch konstruieren.
Denn nur in einem solchen Bemühen kann sich zeigen, was als reine Spiritualität und dann noch innerlich privat und introszendent unerreichbar bleibt und was andererseits jener zweiten pseudo-subjektiven Komponente angehört, die allgemein verbindlich von allen Ichen in gleicher Weise besessen wird und die deshalb in einem sehr tiefen Sinne öffentlich ist.
« (S. 43)

Das Ich ist in seiner Innerlichkeit zwar mit sich selbst identisch,

aber von außen, aus der Sicht eines anderen Menschen, nicht erreichbar. Der andere Mensch, das Du, ist mir transzendent. Welche ontologisch bindende und objektiv verbindliche Verständigung gibt es aber zwischen uns? Diese ontologische bindende und verbindliche Verständigung besteht in einer gemeinsamen Handlung, die das Subjektive im Objektiven technisch konstruiert. Dann scheiden sich auch die tatsächlich introszendenten subjektiven Inhalte von den pseudo-subjektiven Komponenten, die nicht privat sondern öffentlich sind, und damit einen neuen Raum des Seins eröffnen können.

Was ist der Unterschied zur herkömmlichen Verständigung?

Wohl ist es möglich, sich in das Seelenleben des Anderen einzufühlen oder durch eigene Introspektion auf das fremde Ich sekundär zurückzuschließen.

»Solcherart gewonnenen Ergebnisse mögen wertvoll für die eigene Einsicht und das eigene Verhalten sein, objektiv ontologische Verbindlichkeit haben Sie in dieser Gestalt nicht. Sie bleiben, wie Hegel richtig bemerkt, subjektiver Geist, und ihre Transformation in den Strukturzusammenhang des objektiven Geistes bleibt problematisch.« (S. 45).

Gotthard Günther bewegt sich auf dem Boden der transzendentalen Philosophie.

Das bedeutet, dass er sich in der Anstrengung des Begriffs darum bemüht, über die Empirie hinaus zu gelangen. Die normale empirische Verständigung mag zwar praktische und subjektive Relevanz haben, für eine objektiv verbindliche Verständigung reicht sie jedoch nicht ganz aus. Kritisch sei an dieser Stelle jedoch zu bemerken, dass Gotthard Günther hier nicht die Frage der Sprache klärt.

Inwiefern ist Sprache allein objektive Verständigung?
Wie unterscheidet sie sich von dem kybernetischen Informationsprozess?

Vermutlich ist die Antwort, dass die im Subjekt erzeugte Sprache nur in ihrem Ergebnis die objektivierende Veräußerung erfährt, nicht jedoch in ihrer logisch-ontologischen Entstehung. Insofern wäre eine Informationsverarbeitung außerhalb des Subjekts in einer komplexen Maschinerie, die gleichzeitig multiple Subjekte objektiv verbinden möchte, eine andere logische und ontologische Qualität.

»Der Weg zum Selbstverständnis des Menschen führt also über das allen gemeinsame Nicht-Ich, das heißt die Dimension der Objektivität(S. 45)

Zusammenfassung

Die klassische zweiwertige Logik erscheint in diesem größeren Modell von Gotthard Günther wie eine theoretische Kurzform oder Sonderform, die in der mehrwertigen Logik enthalten ist. Wie die zweiwertige Logik und Metaphysik der klassischen Philosophie Subjekt und Objekt erstmals voneinander schied, um daraus Bewusstsein zu entwickeln, so ist die neue Metaphysik der trans-klassischen Logik, wie sie durch die dritte logische Instanz einer objektiv-reflexiven Information begründet wird, eine Möglichkeit, zum dialektischen Bewusstsein zu gelangen.

Dies bedeutet, das Du, den Anderen, nicht mehr auf das Selbe reduzieren zu müssen, um zu allgemein verbindlichen Aussagen zu gelangen. Wie dieses neue Bewusstsein aussehen wird, können wir heute bestenfalls in Ansätzen beobachten. Sie finden sich nur in den progressiven Kreisen der Gesellschaft.

Die Information, die zwischen Ich und Du steht, ist das Es. Sie ist eben keine Verständigung, sondern eine eigene wirkende Kraft. Dieses »Es« drückt sich in Wendungen aus wie: »es ist«, »es gibt«, »es geht«, »es ergibt sich«, usw.
Mit der dreiwertigen Metaphysik wird die objektive Welt in ihrer Existenz bestätigt und das Subjekt von pseudo-subjektiven Elementen gereinigt. Damit wird der Weg frei zu einer neuen Erkenntnis des Menschen und seiner Spiritualität.

NICHT-ARISTOTELISCHE LOGIK

Im vorangegangenen Abschnitt wurde die Bedeutung der zweiwertigen Logik aufgezeigt. Es wurde angedeutet, wie die zweiwertige Logik unser Denken ebenso wie unsere Kultur bestimmt. Im folgenden soll nun detaillierter auf diese Zusammenhänge eingegangen werden und der Weg von der zweiwertigen zur dreiwertigen Logik gezeigt werden.

In den regionalen Hochreligionen, beginnend mit der indischen Religion bis hin zum Christentum, finden wir das Konzept der Bewusstseins-Analogie, der zu Folge das Sein des Menschen eine Analogie des Göttlichen Seins ist. Gleichzeitig unterscheiden sich die Sinnerlebnisse Gottes von denen des Menschen. In Gott finden wir die Identität von Wort und Wirklichkeit.

Gott schöpft mit dem Wort. In Gott fällt alles zusammen in dem großen Bild ohne Widersprüche. Damit bewegt sich das göttliche Bewusstsein in einer einwertigen Logik. Diese einwertige Logik ist jedoch für den Menschen nicht denkbar, da er sich in dem Gegensatz von Ich und Nicht-Ich befindet. Nach Gotthard Günther »gibt es nur eine einzige »logische« Dimension jenseits von Gott, und das ist die Gottesferne, die bloße Negativität des zweiwertigen Erlebens.« (S. 48)

Negativität ist alles, was Gott nicht ist.

Der Mensch kann jedoch nicht anders, er ist sowohl vom anderen Ich als auch von Gott und von der Außenwelt unterschieden. In den vielfältigen religiösen Herangehensweisen an dieses Problem finden wir generell das Bedürfnis ausgedrückt, diese Kluft zu überwinden.

Begriffe wie unio mystica im christlichen Kontext oder Nirwana in den asiatischen Religionen, oder der Begriff Religio (wieder verbinden) selbst, zeigen an, dass das Heil in der Rückkehr zur einwertigen Logik gedacht wird.
Radikalster Vertreter dieses Unterfangens ist sicherlich die indische Advaita-Philosophie, die den einwertigen Monismus als universale Lösung für das menschliche Leid empfiehlt. Logischerweise gipfelt diese Konzeption in der Vorstellung des Gläubigen, selbst Gott zu sein.

Zugleich lässt sich bemerken, dass in diesem Konzept die Außenwelt ebenso logischerweise und zwingend als Illusion (Maya) gedacht wird. Der Monist ist selbstverständlich nicht in der Lage, etwas anderes als sich selbst zu denken. Er reduziert Gott auf sich (den Monisten) selbst, und deklariert die Außenwelt als Schöpfung seines (des Monisten) niederen Geistes. Diese ganze einwertige Logik ist bei weitem zu kurz gegriffen und nicht in der Lage, die menschliche Situation befriedigend zu beschreiben. Sie ist selbst eine Illusion.

Transzendentale Philosophie bedeutet,

Einsicht in die Arbeitsweise des Geistes zu gewinnen, ohne sich mit ihr zu identifizieren. Wie zu sehen, basieren die Vorstellungen und Glaubenssysteme der Menschen auf einem logischen Fundament, auch wenn dies dem Alltagsverstand nicht unbedingt einsichtig ist und möglicherweise sogar abgestritten wird (gerade spirituelle und religiöse Menschen lehnen in der Regel Logik und Rationalität ab).

Jedoch ist eben die Logik der geeignete Zugang, um die kognitiven Fähigkeiten des Menschen zu verstehen. Transzendentale Logik ist dann erreicht, wenn intra-logisch der Schritt über die menschliche Alltagslogik hinaus getan wird. Wie die Maschine durch das Fehlen der vom Programmierer verwendeten Metasprache auf eine untergeordnete Stufe der Erkenntnis beschränkt ist, ist natürlich der Mensch im Bezug auf die ihm übergeordnete göttliche Sphäre in vergleichbarer Weise limitiert.

Transzendentale Logik ist gewissermaßen der Versuch, durch Herausarbeitung der Denkgesetze indirekt einen Schritt zurückzutreten, um von außerhalb dieser Grenzen einen Blick auf die menschliche Bedingung zu werfen. Dies geht sicherlich nicht durch Reduktion der zweiwertigen Logik auf eine einwertige. Nur in der Erweiterung zur dreiwertigen und mehrwertigen Logik kann dieses Unterfangen gelingen.

Die Beziehung zu Gott

Der Umstand, dass wir Gott untergeordnet sind, folgt aus der Reflexion. Reflexion bedeutet Abbildung, das Urbild (Gott) wird in der Betrachtung gebrochen.

»In diesem Sinne ist das irdische Bewusstsein eben nur eine Analogie zum absoluten. Seine Funktionsweise ist nicht absolut-logisch, sondern nur ana-logisch. Nur unter dieser Voraussetzung ist Gott wirklich Gott, weil auf dem Boden der Zweiwertigkeit sinnhaften Erlebens ein eindeutiges metaphysisches Wert-und Sinngefälle von der göttlichen Realität zu Menschen hin besteht. Denn nur unter der Annahme eines solchen Sinngefälles und seiner bedingungslosen Eindeutigkeit kann Gott den Menschen Gebote und Gesetze geben. Der Ruf der Ewigkeit, wie er in allen Hochkulturen den Menschen persönlich anspricht, ist der Seele als solcher nur vernehmbar, wenn Offenbarung von oben, das heißt aus eine Dimension kommt, die über die Gebrochenheit des reflektierenden Bewusstseins erhaben ist.« (S. 48 f.)

Das Ich

Das Ding an sich, das objektive Sein, hat mit Gott gemeinsam, dass es sich um eine einfache Identität handelt, und nicht, wie im Falle des Subjekts, um eine Reflexionsidentität. Das Selbstbewusstsein des Subjekts entsteht nur durch diese Reflektion. Es unterscheidet sich von dem Ding, das einfache Identität ist.

»Alle echten Gegenstände sind einwertig.« (S. 50)

Das Absolute muss darüber hinaus auch als Selbstbewusstsein einwertig sein.
Subjektivität bedeutet Zweiwertigkeit.

»Kein Ich ist ganz das, was es ist. Es ist nie völlig identisch mit sich selbst, weil es in sich reflektiert und damit in seiner Identität gebrochen ist. Alles Bewusst-sein spiegelt sich, wie der Name schon sagt, im Sein und kann sich nur in diesem nicht-ichhaften Medium fassen. Es widerspricht deshalb dauernd sich selbst.« (S. 50)

Das Ich hat also im Gegensatz zum Ding eine zweiwertige Existenz.

»Bewusstheit ist ein permanenter Widerspruch mit sich selbst. Falsche Dinge kann es nicht geben, wohl aber falsche Bewusstseinsinhalte. Deshalb lehrt die klassische Tradition mit Recht, dass das Subjekt die Quelle allen Irrtums ist und dass Wahrheit erst dann in ihrer endgültigen Gestalt in Erscheinung tritt, wenn sie sich selbst im Medium der Objektivität zum Ausdruck gebracht hat. Einwertigkeit ist nur ein theoretischer Ausdruck für Unfehlbarkeit. Man kann mit den toten Dingen und mit Gott nicht argumentieren. Zweiwertige Existenz aber manifestiert sich in Handlungen, respektive Entscheidungen, und letztere können, wenn konfrontiert mit der unfehlbaren Positivität des Seins, wahr oder falsch sein.« (S. 51)

Wahrheit im Medium der Objektivität zum Ausdruck zu bringen bedeutet, sie in Begriffe zu fassen. »Begriff«, von der ethymologischen Wurzel »greifen«, impliziert bereits ein Nicht-Ich.

Inneres und Subjektives wird in dem Maße objektiviert, in dem es ausgedrückt wird. Dies ist die Intention aller Philosophie und zeigt sich auch in der Lebenspraxis in der alltäglichen Verständigung. Dass uns die Wahrheit bis zum heutigen Tage verschlossen ist, liegt in der Zweiwertigkeit der menschlichen Reflexion begründet. Einige Zeitgenossen haben aus diesem Umstand den Schluss abgeleitet, dass es keine Wahrheit gibt.

Diese Schlussfolgerung muss jedoch zurückgewiesen werden.

Sowohl in der einwertigen Logik Gottes als auch in der mehrwertigen Logik eines neuen Bewusstseins, das den Dualismus der Zweiwertigkeit überwunden hat, ist die Wahrheit auffindbar.

Wie Gotthard Günther in der zitierten Stelle sagt, und wie wir später noch einmal herausstellen werden, muss in der Frage des Bewusstseins immer die Handlung mit gedacht werden. Auch dies ist ein Fehler der klassischen Philosophien, die rein kontemplativ von jeglicher Handlungsebene abstrahieren.

Die Entscheidung markiert den Punkt, an dem die Handlung aus der Traumwelt in die wirkliche Welt eintritt. Dass Entscheidung und Handlung ihre Einheit verloren haben, kann eines Teils auf diesen logischen Problemkreis zurückgeführt werden, schuldet sich aber auch der konkret-politischen Dichotomisierung in Herr versus Sklave, was allerdings, wie oben gezeigt, ebenfalls der einfachen reflexiven Logik der Zweiwertigkeit entspringt, die das Du nicht als Subjekt denken kann.

Dreiwertige Logik

Nachdem bei Kant in seinem Buch »Kritik der reinen Vernunft« die Unterscheidung vom Ding an sich einerseits und subjektiven Geist andererseits zu seiner höchsten Ausformung gelangte, und somit die Bewegung, die bei Aristoteles ihren Anfang nahm, zu einem Höhepunkt kam, finden wir bei Hegel eine dritte Größe, die Reflexion auf die Reflexion.

Er nannte dies die Reflexion-in-sich der Reflexion-in-sich-und-Anderes. Es gibt also ein irreflexives Ding, eine Reflexion auf dieses Ding, die von einem Ich geleistet wird, sowie die Reflexion des Ich darüber, dass es reflektiert, die wir die doppelte Reflexion nennen können.

Dies bezeichnete Hegel als dialektisches Denken.

Die zweiwertige aristotelische Logik des Seins entwickelt sich zu einem System von drei zweiwertigen Logiken. Die doppelte Reflexion muss nun

»als Reflexion auf die beiden engeren Reflexionsverhältnisse interpretiert werden. Sie repräsentiert also ein höheres Reflexionsniveau, und damit enthüllt sich die Bedeutung der dreiwertigen Funktionen als eine solche, die nicht Wahrheit und Falschheit wie die Funktionen der klassischen Logik, sondern Reflexionsdifferenzen im Bewusstsein anzeigt.« (S. 55)

Im klassischen Denken war das Sein immer der Reflexion übergeordnet, da nur das Sein die ruhende Identität des Wahren in sich trug. Alles Denken ist relativ und abhängig von seinem Gegenstand. Die Reflexion hat keine selbstständige, in sich selbst gegründete Existenz. Die wahre Objektivität bleibt ihr ewig transzendent.

Überraschenderweise nun stellt jedoch das Verhältnis von Identität zu doppelter Reflexion kein proportionales Verhältnis dar wie das von Identität zu Reflexion, sondern es ist umkehrbar und lässt sich als zyklisch oder kreisförmig vorstellen. (Ich verzichte hier auf die logische Herleitung, wie sie in dem Buch von Gotthard Günther dargestellt ist, und Verweise auf den Primärtext, S. 52-58.)

Hier ist der Hegelsche Gedanke angelegt, dass zumindest der auf die eigene Reflexionsfähigkeit reflektierende Geist Wahrheit in sich trägt, und zum absoluten Geist werden kann. Man nennt deshalb Hegels System »dialektischen Idealismus«.

Darin ist bereits das neue transklassische System angelegt.

Sein tritt nun dreimal – durch drei verschiedene Wertverhältnisse repräsentiert – auf, und es gibt zwei Reflexionsstufen, auf denen Sein erlebt werden kann. Erstens die naive zweiwertige Reflexion, zweitens die doppelte Reflexion, d.h. das Bewusstsein, das auf sich selbst als existenten Gegensatz zu diesen Sein reflektiert.

Es bleibt zu betonen, dass es sich bei diesen Stufen, die eine doppelte Reflexionshierarchie, oder anderes gesagt, drei Ebenen der Reflexion darstellen, nicht um das Verhältnis zwischen Ich und Du handeln kann. Ich und Du stehen auf der gleichen Stufe. Vielmehr muss hier eine dem menschlichen Bewusstsein qualitativ untergeordnete Instanz vermutet werden, die zwischen dem Ding an sich und dem Selbstbewusstsein existiert. Gotthard Günther zeigt dies noch einmal auf andere Weise, indem er den Mensch in Analogie zu Gott stellt.

Zwischen Ich und Du besteht eine Umtauschrelation,

da beide auf der gleichen Ebene existieren. Gott jedoch befindet sich, wie gezeigt, oberhalb des menschlichen Bewusstseinsvermögens.  Neben der horizontalen Achse zwischen Ich und Du gibt es die vertikale, die zu Gott hinauf führt. Nun müsste es möglich sein, diese vertikale Achse nach unten unterhalb der menschlichen Ebene zu verlängern. Hier sind jedoch nicht, wie im bisherigen Denken vermutet, die Tiere angeordnet, sondern die Maschinen.

Die Tiere stehen im gleichen Analogieverhältnis zu Gott wie der Mensch. Sie sind nicht durch den Menschen vermittelt, sie sind auch keine Geschöpfe des Menschen. Gemäß unserer logischen Erkenntnisse können wir die folgenden Relationen aufstellen: der Mensch ist eine Analogie Gottes; der Robot ist eine Analogie des Menschen; der Robot ist eine Analogie Gottes über den Menschen.

Mechanisches Bewusstsein

Was die Theorie der dreiwertigen Logik also hier impliziert, ist folgender Sachverhalt: der Mensch ist mit dem Vermögen zu einer doppelten Reflexion ausgestattet, das schließlich im Selbstbewusstsein gipfelt.

Die historische Notwendigkeit der menschlichen Entwicklung zum jetzigen Zeitpunkt besteht darin, dieses Niveau zu erreichen, d.h. das Niveau der einfachen naiven Reflexion der Zweiwertigkeit zu übersteigen. In dieser Entwicklung wird die naive Reflexion frei zur Verwendung auf einer untergeordneten phänomenalen Ebene, den kybernetischen Maschinen, die eine Form des mechanischen Bewusstseins darstellen.

Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch wiederholt sich im Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Die kybernetischen Maschinen skizzieren durch ihre Existenz die Möglichkeit einer einfachen Reflexion in materiellen Systemen, die zur Informationsverarbeitung geeignet ist. Die dreiwertige Logik weist hin auf eine dritte zweiwertige Bewusstseinslage, die sowohl von der des Ich wie der des Du verschieden ist.

Blasphemie

Die Realität dieses Sachverhalts einer dritten Bewussteinslage neben Gott und Mensch fand in den vergangenen Zeiten ihren Ausdruck im Animismus. Wie bekannt sein dürfte, wurde jedoch der Animismus in dem Maße verworfen, in dem die klassische Metaphysik der Zweiwertigkeit in den Vordergrund trat.

Zur Ehrenrettung der indischen Hochreligion sei hier angemerkt, dass dort neben dem transzendenten Gott, auf den sich der Gläubige in direkter Zweiwertigkeit bezieht, die beseelte Natur durchaus zur Religion dazugehört. Der Verlust dieses Elements in den jüngeren Religionen wie dem Christentum muss demzufolge als ein Symptom der Dekadenz gewertet werden.

Aus westlich-christlicher Sicht muss obendrein die Idee, die dritte Bewusstseinsinstanz auf künstliche Maschinen zu verlagern, vollends in den Bereich der Blasphemie fallen. Das zweiwertige religiöse Gefühl, das sich direkt auf seinen Gott bezieht und nichts außer ihm akzeptieren möchte, da es sich im Zustand der einfachen Reflektion befindet, fühlt sich dadurch gekränkt.

Die metaphysische Grundthese

Mit dem transzendentalen Idealismus hatte sich das Bewusstsein auf seine höchste Höhe geschwungen, es war vom naiven unmittelbaren Bewusstsein zur doppelten Reflexion vorangeschritten.

Der transzendentale Idealismus war davon überzeugt, dass sich die ganze Wirklichkeit durch die göttliche Macht des dritten Denkens begreifen und bewältigen lasse. Wir stehen heute vor dem Scherbenhaufen dieser Grundanschauung.

Wo der Animismus jene dritte Subjektivität als ontologisch gegebenes Faktum sah, dass vom Anfang an der Welt existierte, verlegte der transzendentale Idealismus jene dritte Bewusstseinslage an das Ende aller Zeiten, wo sich das partielle Bewusstsein mit dem Göttlichen Bewusstsein verbinden würde.

Wir sind heute weiter denn je von diesem Zustand entfernt,

wenn man sich den Zusammenbruch der Religionen vor Augen hält. Sowohl Animismus als auch transzendentaler Idealismus können also nicht die Lösung für dieses Problem darstellen. Gleichwohl gilt die metaphysische Grundthese,

»dass das Wesen des Selbstbewusstseins noch eine dritte Bewusstseinslage impliziert, die sich weder mit der des Ich noch mit der eines ontologisch gegebenen Du deckt.« (S. 63)

Dieser Reflexionsrest, der außerhalb des Ich angesiedelt ist, und nicht durch den Reflexionsprozess aufgelöst werden kann, muss auf andere Weise erledigt werden. Gotthard Günther schlägt zu Lösung dieses Problems die Handlung vor,

»das heißt die Rückprojektion jenes irreflexiven Restbestandes in die Außenwelt.« (S. 64)

Der transzendentale Idealismus blieb in seiner Reflexion in der inneren Betrachtung stehen, ohne die Handlung zu integrieren. Damit ist er fehlgelaufen.

Einen ganz fatalen Fehler angesichts des Untergangs der idealistischen Weltanschauung sieht Günther jedoch in der Anschauung,

»dass der Schritt von der ersten naiven zur zweiten doppelten Reflexion ein metaphysischer Fehltritt des Bewusstseins gewesen sei, den wir durch bußfertige Rückkehr zur unbefangenen Bewusstseinslage des klassischen Menschen abzugelten hätten« (S. 65),

… wie sie vor allem von neo-romantischen Strömungen angestrebt wird. Dieser aus dem Reich der transzendental-logischen Deduktion hergeleiteten Einsicht entspricht in tiefster Weise eine reale gesellschaftliche Situation, die, man muss es leider sagen, von den ökologischen und esoterischen Alternativbewegungen repräsentiert wird.

Das Motto »zurück zur Natur«

stellt genau diesen Versuch der bußfertigen Rückkehr zur unbefangenen Bewusstseinslage dar. So schön dieses Ansinnen ist, es hat keinen Bezug zur Realität. Wir können das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen.

Vielmehr gilt es, nach vorne zu gehen und in der doppelreflexiven Bewusstseinsarbeit die Idee des Menschen auf eine neue Stufe zu heben, in der die Handlung und der Wille integriert ist (dies wird weiter unten expliziert).

Mit der Integration eines solchen Konzeptes werden historisch erstmals Phänomene verstehbar, die bisher mindestens Unverständnis, im schlimmeren Falle den Verdacht des Bösen auf sich gezogen haben. Dazu gehören die Faszination für die Computerwelt ebenso wie der bewusste Umgang mit anderen technischen Möglichkeiten, die der Mensch bisher erreicht hat.

Natürlich kann die Technik missbraucht werden, dies kann schon mit dem primitiven Stock geschehen. Es kann jedoch niemals die Frage sein, ob Technik gut oder schlecht ist. Auch die Idee einer Entfremdung durch die Technik, wie sie viele Philosophien des Verdachts (ein Begriff von Peter Sloterdijk) unterstellen, geht an der Realität vorbei.

Dies sind bloße Meinungen, die sehr wahrscheinlich aus anderen Motiven erwachsen, als dem Wunsch, die Realität zu erkennen und Handlungsanweisungen für den Menschen aus ihr zu ziehen. Um diese Handlungsanweisungen zu finden, muss zu allererst die Realität erkannt werden. Darum geht es der Philosophie. Wir hoffen, mit unserer Analyse dazu beitragen zu können.

Der Verlust der Welt

Den Idealisten ist es gelungen, den Begriff des ‘Dinges an sich’ in der Reflexion auf die Reflexion einwandfrei und unwiderruflich aufzulösen. Was sie aber übersehen haben, ist, dass sie nur den Begriff des ‘Dinges an sich’ zum Verschwinden brachten. Das Ding selbst besteht natürlich weiter, es gilt für das ursprüngliche naive Bewusstsein ebenso wie für die zugreifende Handlung des Menschen.

Der Idealismus kam zu dem Schluss, dass das ‘Ding an sich‘ keinerlei Eigenschaften hat, sondern dass alle Prädikate durch das Bewusstsein vergeben wurden. Damit wurde es dem Zugriff des Bewusstseins schutzlos preisgegeben.

»Nur die reine Kontingenz des Daseins ist von der Reflexion zurückgelassen worden; das heißt, das Objektive hat kein bestimmtes Sosein mehr, in dem es sich dem Bewusstsein vermittels unabänderlicher primordialer Kategorien entgegensetzt.« (S. 66)

Mit dem Idealismus entstand die Beliebigkeit der Welt.

Die Kybernetik zeigt jedoch, dass das Ding in der Handlung nicht nur in seiner je gegebenen Natur dem Bewusstsein entgegentritt, sondern einen eigenen reflexiven Faktor repräsentiert, der nicht in die Subjektivität des Ich auflösbar ist.

Damit ist jeder alten oder neuen Form des Konstruktivismus der Boden entzogen. Es ist traurig, dass diese uralten Konzepte, die schon von Kant begründet wurden, auch heute noch in populärphilosophischen Kreisen gehandelt werden, als seien sie die neuesten und aktuellsten Erkenntnisse. Man bemüht hierzu gerne die Quantentheorie, die ja scheinbar zu dem Schluss gekommen ist, dass es gar keine Materie gibt.

Die dreiwertige logische Analyse zeigt demgegenüber jedoch die Umkehrrelation zwischen Identität und Reflexion #(zu kurz). Es ist also keineswegs ausgemacht, dass die subatomare Betrachtung der Materie von der Seite der Materie her diese konstruktivistische Schlussfolgerung impliziert. Der Konstruktivismus könnte durchaus die Eigenschaft des betrachtenden Bewusstseins selbst sein, insofern es sich im zweiwertigen Idealismus bewegt.

Technik zweiter Ordnung

Die alte Technik ging von der einfachen naiven Reflektion aus. Ihr gegenüber befand sich eine Natur, die gegeben war. Das Material besaß physische Gesetzlichkeiten, die sich von der Logik des technisch denkenden Menschen grundsätzlich unterschieden.

Reflexion gab es nur auf der Ebene des Bewusstseins, nicht jedoch auf der Ebene des Stoffs. Dies ist das Verhältnis, wie es von Aristoteles auf den Begriff gebracht wurde.
Die gerade erwähnte Quantentheorie hat auch zur Kybernetik eine enge Beziehung, natürlich etwas anders als für den Konstruktivisten.

Die Quantenphysik zeigt, dass auf der tiefsten Stufe des Seins die Einzelgesetze und Kausalrelationen der gegenständlichen Welt nicht mehr gelten. Gotthard Günther macht in diesem Zusammenhang die Aussage,

»dass jene Seinsschicht existiert und dass ihre Gesetzlichkeit eine transklassische, nicht aristotelische Gestalt hat, das ist heute keine Frage mehr. In jener tieferen Schicht wird die Kausalität von der statistischen Wahrscheinlichkeit abgelöst und die starre, irreflexive Identität des klassischen Körpers durch heute uns noch sehr dunkle Funktionen ersetzt, die reflexiven, das heißt auf sich selbst bezogenen Charakter zu haben scheinen.
Man kann die Vermutung nicht von der Hand weisen, dass in dieser subatomare Region der klassische Unterschied von Seinsgesetz und Denkgesetz hinfällig wird und damit der von Nicht-Ich und Ich.« (S. 69 f.)

Günther bezieht sich hierbei auf Carl Friedrich von Weizsäcker,

der eine logische Analyse zur Quantenphysik durchgeführt hat (vgl. Fußnote S. 70, Quelle C.F.v. Weizsäcker: Komplementarität und Logik; in: Naturwissenschaften 42, Heft 19, S. 521-529 und Heft 20, S. 545-555).
Werner Heisenberg macht in diesem Zusammenhang die Feststellung: »der völlig isolierte Gegenstand hat prinzipiell keine beschreibbaren Eigenschaften mehr.« (ebenda). Die Betonung liegt hier auf »isoliert«.

Ein Gegenstand ist nur möglich ohne Isolation. Er kann also nicht als getrenntes Objekt in der subjektiven Wahrnehmung erscheinen. Heisenberg folgerte deshalb weiter, »eine scharfe Trennung zwischen Subjekt und Objekt ist nicht mehr möglich.« (S. 71).

Dies und die weiter oben bereits angeführte Indikation der dreiwertigen Logik, dass es sich bei den zweiwertigen Logiken um Umkehrverhältnisse (und nicht um Proportionsverhältnisse) handelt (wurde nicht gezeigt), führt zu dem Schluss, dass nicht nur das reflektierende Ich, also der lebende Organismus, zur Reflexion im Stande ist, sondern dass auch in der materiellen physischen Gegenständlichkeit – zumindest in subatomare Hinsicht – Reflexion zu finden sein muss. Damit wäre erklärt, warum und wie Materie Denkfähigkeit entwickeln kann.

»Die logischen Gesetze des Bewusstseins sind zugleich die des ontologischen Aufbaus des Gegenstandes. Mit anderen Worten: es gibt eine Gestalt der Reflexion, die weder im Ich noch im Du lokalisiert ist, sondern die erst im Es, das heißt im Gegenstand, auftritt.« (S. 71) 

Die Technik zweiter Ordnung ist dadurch gekennzeichnet,

dass sie auf der subatomaren Ebene eingreift und keine mechanischen Verrichtungen ausübt. Die kybernetische Maschine moduliert Elektronenströme, sie hat keine mechanisch beweglichen Teile mehr, wie dies die Technik erster Ordnung, die alte Technik der Mechanik hat.

Es mag an dieser Stelle bemerkt werden, dass Gotthard Günther 1963 ganz andere Möglichkeiten in Reichweite sah, als sie heute die primitiven zweiwertigen Computer und Softwareprogramme von IBM, Microsoft oder Apple aufweisen. Günther arbeitete zu dieser Zeit bei der NASA im Air Force Office of Scientific Research in der Grundlagenforschung, wo auch sein Buch entstand.

Sie forschten damals an mehrwertigen Maschinen und hatten bereits 1968 ein Elektronengehirn entwickelt,

das komplexe architektonische Aufgaben selbstständig bearbeitete und z.B. Änderungswünsche des Anwenders bezüglich der Gestalt des Hauses eigenständig in neue Problemstellungen und Lösungen umsetzte. Diese Forschungen verschwanden irgendwann von der Bildfläche und werden vermutlich unter strengster Geheimhaltung im militärischen Bereich weitergeführt.

Gotthard Günther, der in den achtziger Jahren starb, schwieg (vermutlich aus Angst um Leib und Leben) über diese Sachverhalte beharrlich. Kritische Stimmen behaupten, dass mit den heutigen Computer- und Internettechnologien die Bevölkerung in der Verdummung gehalten werden soll, während auf militärischer Ebene bereits ganz andere Dimensionen umsetzbar sind, die zum Beispiel die Selbststeuerung eines Großraumverkehrsflugzeuges ermöglichen.

Andererseits könnte man sagen, dass selbst dieser Schritt von der klassischen Mechanik zur heutigen Computertechnologie bereits eine gewaltiger ist, der auf gesellschaftlicher Ebene erst einmal verarbeitet werden muss. Vielleicht wäre die Offenlegung der gesamten technischen Möglichkeiten auf einen Schlag ohnehin zu viel für das nach wie vor klassisch denkende Gehirn des normalen Menschen.

Denkende Materie

Ein Selbstbewusstsein, dass sich bloß in der Subjektivität, also ausschließlich im Ich und dem Du manifestiert, bleibt fragmentarisch. Es ist nicht total. Es hängt von einem nicht bewältigten Reflexionsrest ab. Ich und Du brauchen das gegenständlichen Objekt als Projektions -und Realitätsbasis.

Das klassische Objekt verharrte in seiner transzendenten Fremdheit. Das neue Objekt unterscheidet sich jedoch qualitativ nicht vom Subjekt. Mit dem Verschwinden des Objekts, dem »Ding an sich«, in der doppelten Reflektion verschwinden auch die Naturgesetze, die es konstituieren.

Man kann der Materie keine absolut objektiven Gesetze mehr zuordnen.

Dies hat zwar einerseits zu logischen Problemen in der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung geführt, andererseits wird hier der Weg frei für die kybernetische Problemstellung.

»Denn auf diesem Niveau kann der Einwand nicht mehr vorgebracht werden, dass Denkprozesse nicht einem gegenständlichen Sein attachiert werden können, weil dessen Irreflexivität ein Ausdruck von objektive Naturgesetzen sei, deren Existenz damit unverträglich sei, dass das Objekt als denkendes funktioniere. Von jetzt ab bedeutet Irreflexivität nicht mehr Fremdgesetzlichkeit – denn die Naturgesetze hat »Gott« gemacht – sondern Indifferenz gegenüber dem Gesetzesbegriff, unter dem das Objekt funktionieren soll.« (S. 73)

Die Naturgesetze, die wir der Objektwelt zuordnen,

sind abhängige Funktionen des theoretischen und technischen Zugriffs des Menschen auf das ihn umgebenden Sein. Eine Naturwissenschaft und Technik, die sich eines doppelt-reflektierten Denkens bedient, offenbart das Objekt auf eine andere Weise.

Wir sehen hier die Nähe zum Konstruktivismus, es sei jedoch betont, dass es sich hier um einen anderen Sachverhalt handelt. Nicht das Objekt verschwindet, sondern die Gesetze des Objekts. Wie Heisenberg konstatiert, entsteht das Objekt durch seine Nicht-Isolierung. Man kann es als zweiwertige Vordergrund-Hintergrund-Beziehung definieren. Der Betrachter stellt den dritten Wert dar. Das Objekt selbst bleibt unreduzierbar. Was hier natürlich noch angelegt ist, ist der Vorrang der Synthese gegenüber der Analyse.

Die heutige Quantenforschung ist zu sehr im Analytischen.

Damit macht sie die Dinge zum isolierten, eigenschaftslosen Fragment. Irgendwann wird ihr der Vordergrund vollständig verschwinden. Dies kommt der Selbstauflösung der Naturwissenschaft gleich. Damit hätte sie sich ad absurdum geführt. Sie muss, gleich der Philosophie, den Weg zurück zur Synthese erklimmen.

»Ein Objekt aber, dessen kausale Determination lückenhaft ist, so dass diese Intervalle durch eine zweite Determinationsreihe ausgefüllt werden, die das Verhalten des Gegenstandes nach sinnvollen Motiven ausrichtet, würde »Bewusstsein« haben und denken.« (S. 74)

Gotthard Günthers starke These, dass der Materie das Denken beizubringen sein, verdichtet sich nun zusehends.

Neue Gesetze

Die Unveränderlichkeit der klassischen Naturgesetze gab den bisherigen technischen Bemühungen des Menschen einen Anstrich von Inferiorität.

Das Wesentliche konnte doch nicht geändert werden. Höchstens der Theologe konnte in seinen Theorien durch Wunder und Mysterien die Gesetzesstruktur außer Kraft setzen.
Mit der neuen Technik wird nun ein zweiter Gesetzesbegriff installiert, der keine starren Gesetze mehr kennt, sondern nur noch statistische Gesetzlichkeit.

20.07.2020
Ronald Engert
www.ronaldengert.com
www.tattva.de

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Über den Autor dieses Artikels

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Ronald Engert

Ronald Engert
Geb. 1961. Studium der Germanistik, Romanistik, Philosophie und Filmwissenschaften, später Indologie und Religionswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. 1994
Mitgründung der Tattva Viveka, seit 1996 Herausgeber und Chefredakteur. 1994 Gründung des INES-Instituts (Institut für Essenzphilosophie).
Blog: www.ronaldengert.com


 

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