Innere Stimme

Intuition im Business – Teil 2

Heinz Peter Wallner - Intuition 2

(c) Dodo Kresse, Colours of Happiness

Intuition im Business: Erkundung eines Neulandes (Teil 2)

Zu Teil 1

Heinz Peter Wallner

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Intuition meint für mich, dass hinter dem, was ich täglich erlebe, noch etwas anderes ist. Etwas worauf ich keinen direkten Zugriff habe, zu dem ich aber eine Verbindung herstellen kann. Dazu braucht es meine Hingabe, dann kann ich auch direkt dazu kommen. Je mehr Hingabe, desto mehr Zugriff habe ich. Daraus kann ich einen Reichtum schöpfen, der für mich eine Vision gibt, die wichtig ist, wenn ich in dieser Welt handeln will.“ Hans-Peter Dürr

Im zweiten Teil meines Artikels über Intuition (TEIL 1: Intuition als Kompetenz) beleuchte ich sechs unterschiedliche Bereiche, in denen Phänomene auftreten, die wir im weitesten Sinne mit Intuition bezeichnen. Ein tieferes Verständnis dieser komplexen Mechanismen, die wir erst langsam zu erforschen beginnen, scheint mir für alle Menschen, die mit komplexen Entscheidungssituationen konfrontiert sind, besonders wichtig. Das inkludiert natürlich alle Menschen mit Führungsverantwortung.

Sechs Bereiche, die wir Intuition nennen können

Die Resonanzphänomene in allen unseren Beziehungen zu anderen Menschen

Intuition ist nach Joachim Bauer eine biologische Resonanz, die in uns entsteht. Es ist ein Gefühl, das plötzlich in uns ausgelöst wird und uns sagt, was der andere Mensch spürt. Der Grund für dieses intuitive Spüren zwischen Menschen liegt in Nervenzellen in unserem Gehirn, die Spiegelneurone genannt werden. Durch diese Spiegelneuronen entsteht in uns ein ähnlicher Gefühlszustand, wie in jenen Menschen, die wir beobachten. Damit verfügen wir über ein intuitives Beziehungswissen, das uns gelingende Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen lässt. Diese Form der Intuition ermöglicht es uns, die Welt der anderen sehr schnell zu verstehen. Diese Form der Intuition nährt die Gabe der Empathie.

Auch die bekannten Synchronizitätserlebnisse in unserem Leben, bei denen gleichzeitig Ideen an verschiedenen Stellen auftauchen oder einfach Ereignisse miteinander verknüpft sind, die nicht kausal verbunden sind, könnten mit Resonanzphänomenen erklärt werden. Wir stehen miteinander in Verbindung. Die Welt der Spiegelneurone dürfte dabei nur den Anfang gemacht haben, im Hinblick darauf, was die modernen Wissenschaften uns hier noch aufbereiten werden.

Mit unserer intuitiven Beziehungsintelligenz spüren wir, welche Menschen für uns stimmig sind und welche nicht. Ich möchte dafür plädieren, dass diese intuitive Beziehungsintelligenz für uns ein wichtiger Teil der Stimme unseres höheren Selbst ist. Es ist gut und wichtig, uns mit den richtigen Menschen zu umgeben. Besonders, weil wir in einer emotionalen Kopplung stehen und uns wechselseitig stark beeinflussen.

Das Körperwissen oder unsere Zellerinnerungen

Der Neurowissenschaftler António Damásio hat uns mit seinen Thesen die Welt der somatischen Marker eröffnet. Die wichtige Erkenntnis liegt in der Kopplung jeder Erfahrung, die wir im Leben gemacht haben, mit einem positiven oder negativen Gefühl. Dieses bewertete Gefühl wird im Zusammenhang mit dem Ereignis in uns abgespeichert. Es wird dann ein „Körperwissen“, eine Art Zellerinnerung, die in ähnlichen Situationen blitzschnell, intuitiv wieder abgerufen werden kann. Dieses Wissen steht uns als Körpersignal im Sinne gut für uns oder schlecht für uns wieder zur Verfügung und hilft uns, Situationen schneller einzuschätzen und Entscheidungen zu treffen. Unser emotionales Erfahrungswissen macht uns daher zu einem unbewussten Wissensträger, wenn es um die emotionale Einschätzung einer aktuellen Situation geht. Für unsere Entwicklung steckt hier auch ein wichtiges Element drinnen. Was wir im normalen Erleben automatisch abspeichern und meist unbewusst zu somatischen Markern gemacht haben, können wir auch ganz bewusst für uns nutzen und uns selbst neu und stimmiger konditionieren.

Auch das Körperwissen, wenn es nicht durch traumatische Erlebnisse für uns hinderlich geworden ist, steht uns für unsere Entwicklung als intuitives Körperwissen zu Verfügung. Auch in Entscheidungsfindungen im beruflichen Umfeld kommt dieser Form des Körperwissens eine wichtige Funktion zu.

Das ganze Feld der Bauchgefühle

Häufig wird das eben beschriebene Körperwissen auch als Bauchgefühl beschrieben und als solches verstanden. Ich möchte das Körperwissen von einer anderen Form des intuitiven Wissens, den wahren Bauchgefühlen, unterscheiden. Wir haben in unserem Gehirn ein Wissen abgespeichert, das sich evolutionär entwickelt hat und in dem immer noch sehr alte Prägungen (aus der Steinzeit) abgespeichert sind. Das sind die Programme der Säugetiere, die ihr Überleben in der Evolution gesichert haben. Hierzu gehört ein intuitives Wissen, beispielsweise beim Anblick einer Klapperschlange, das uns zur sofortigen Flucht anhält. In einem Bruchteil einer Sekunde beurteilen wir eine Situation als bedrohlich oder nicht. Wenn eine Gefahr vermutet wird, reagieren wir unbewusst, intuitiv und schnell, ganz ohne den bewussten Geist zu gebrauchen. Da kommt es vor, dass wir beim Anblick eines Stockes, der einer Klapperschlange gleicht, die Flucht ergreifen und erst, wenn wir schon lange rennen, nachzudenken beginnen, ob es denn tatsächlich eine Schlange war. Wir haben diese alten Konfliktmuster, Flucht, Kampf, Totstellen, fix abgespeichert. Das Problem ist nur, dass diese Programme nicht mehr in die moderne Welt passen und daher oft hinderlich sind, beispielsweise in heutigen Konfliktsituationen. Hilfreich hingegen ist eine Fähigkeit, die ich hier ebenso unter Bauchgefühle einordnen würde. Nämlich die unglaubliche Leistung beim Anblick eines Menschen, es reichen angeblich 700 Millisekunden, eine erste Einschätzung zu machen. Ist der Mensch vertrauenswürdig oder nicht? Auch das ist ein evolutionäres Programm, das uns aber heute noch zu Gute kommt. In 70% der Fälle ändern wir unser erstes Bauchgefühl über einen Menschen auch nicht nach zwei Jahren, meint der Gehirnforscher Gerhard Roth.


400-267-neuronale-Pfade-neural-pathwaysDer Bereich der Gewohnheiten

Das Feld der Intuition und was darunter verstanden wird, ist wirklich sehr breit. Wir sind in der Lage, durch Training ein Ablaufwissen einzuspeichern, das uns später in jeder Lebenslage sofort und ohne großes Nachdenken zur Verfügung steht. Weil wir so viele Gewohnheiten haben, können wir trefflich sagen: Wir sind ein Bündel von Gewohnheiten unter einem Schädeldach. Das ist auch für unsere persönliche Entwicklung von großer Bedeutung. Immerhin müssen wir bei jeder Veränderung eine alte Gewohnheit durch eine neue ersetzen. Das wunderbare an den Gewohnheiten ist der energiesparende Modus, den unser Gehirn dadurch einnehmen kann. Der bewusste Geist wird bei Gewohnheiten kaum mehr benutzt. Das spart Glucose und Sauerstoff. Was wir also einmal eintrainiert haben ist ein sehr robustes und schnell verfügbares Wissen. Dieses Wissen lässt uns in komplexen Situationen, in denen wir unter Stress stehen, ohne zu denken ganz schnell das richtige tun. Gewohnheiten sind nach Gerhard Roth das Beste, was wir kriegen können. Sie funktionieren fast immer, auch unter schwierigen Bedingungen, also auch im Notfall und sie sind kaum fehleranfällig. Die richtigen Gewohnheiten und gezieltes Training zahlen sich daher für uns Menschen immer aus. Für Führungskräfte heisst das: Machen Sie sich den Führungsalltag zur Übung!

Wenn es sich bei Gewohnheiten um Handlungsabläufe handelt, dann werden auch Gewohnheiten eine Art Körperwissen. Ein Ablauf geht uns sprichwörtlich in Fleisch und Blut über, wir wissen ihn, wir können ihn, wir vergessen ihn nicht mehr. Damit sind wir in der Lage, intuitiv sehr komplexe Probleme zu lösen, weil wir unbewusst eine Art Heuristik  entwickelt haben, die automatisch in uns abläuft. Gerd Gigerenzer beschreibt das am Beispiel von Ballsportarten, bei denen Spieler in der Lage sind, die Flugbahn eines hohen Balls punktgenau zu bestimmen, um zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz zu sein. Die Spieler halten dabei beim Laufen den Blickwinkel zum Ball konstant, was einer Heuristik gleichkommt.

Unser Gewohnheitswissen hat aber auch einen Nachteil. Es ist sehr kontextgebunden. Wenn sich also die Bedingungen relevant verändern und etwas nicht wie geplant ablaufen kann, dann helfen uns die eintrainierten Abläufe nichts mehr. Der Trainierte und der Untrainierte sind dann beide unbeholfen wie Anfänger. Denken Sie nur an unser Training als Autofahrer. Wir meistern gewohnheitsmäßig, intuitiv fast alle Situationen. Wir können neben dem Fahren daher unseren bewussten Geist mit ganz anderen Dingen beschäftigen. Musikhören, mit Freisprechanlagen telefonieren, mit Beifahrern diskutieren, neue Ideen wälzen oder Hörbücher studieren, alles ist nebenbei möglich. Unsere Gewohnheiten sind unser Autopilot. Der Nachteil ist nur: es darf nichts Unvorhergesehenes passieren, auf das wir nicht trainiert sind. In einer solchen Situation reagieren wir dann wir Anfänger. Darum ist es wichtig, neben den normalen Situationen im Autofahreralltag, auch Grenzsituationen in Fahrtechnikkursen zu trainieren.

Der Bereich der intuitiven Problemlösung

Heureka! Jetzt sind wir mitten drinnen. Der Bereich der intuitiven Problemlösung wird für uns immer wichtiger. Warum? Weil sich unsere Welt sehr rasch verändert und wir mit immer intensiveren und schnelleren Veränderungsprozessen konfrontiert werden. Wir werden damit vor immer komplexere Entscheidungssituationen gestellt, für die unser rationaler Geist mit all den theoretischen Entscheidungsmodellen nicht mehr ausreicht. Wir haben nämlich niemals alle Informationen, um unsere Modelle zu füttern und Berechnungen anzustellen und wir haben nicht alle Zeit der Welt dafür. Über den intuitiven Entscheidungsprozess, ich nenne ihn intuitives Prozessieren oder den iterativen Dialog, habe ich gemeinsam mit Kurt Völkl ein eigenes Buch mit dem Titel Das innere Spiel. Wie Entscheidung und Veränderung spielerisch gelingen, verfasst.

Hier geht um die persönliche Selbstverwirklichung und um die Frage, welche Rolle der intuitive Entscheidungsprozess dabei spielen kann. Ausgangspunkt ist eine wichtige Frage, die wir uns stellen. Es gibt so viel unter der Sonne, was wir gerne wissen möchten – Fragen, auf die wir liebend gerne eine Antwort hätten. Wie aber stellen sie sich ein? Wie kommt eine Antwort in unseren Geist? Natürlich meine ich hier nicht die alltäglichen Fragen, mit denen wir Google bemühen und ausreizen. Mir geht es um die Fragen zur Welt und des Lebens, die etwas Schöpferisches in sich haben, deren Antworten einem erweiterten Wissensraum, vielleicht einem kollektiven Intelligenzfeld entspringen. Die offene Frage dabei: Wie können wir zu diesem Feld Zugang finden? Den intuitiven Problemlösungsprozesses können wir einen Heureka!-Prozess nennen (ein Artikel dazu: Der Heureka! Prozess in der liegenden Acht).

Einen wichtigen Aspekt der intuitiven Problemlösung möchte ich noch erwähnen. Ein Mensch, der über eine langjährige Erfahrung in einem Bereich, etwa in einer bestimmten Branche hat, verfügt auch über ein sehr gutes und intuitiv zugängliches Körperwissen. Wenn ein solcher Mensch eine wichtige Entscheidung in einer komplexen Situation treffen muss, dann ist meist seine Intuition besser als alles rationale Denken. Das Problem ist aber, dass dieses Wissen intuitiv und damit per Definition nicht rational begründbar ist. Der Prozess der Entscheidungsfindung ist aber ident mit dem beschriebenen Heureka! Prozess. Beim intuitiven Prozessieren ist die Ruhephase wichtig, die einer Plateauphase entspricht. Es ist eine Zeit, vielleicht ein oder zwei Tage lang, in der wir die Sache ruhen lassen und nicht darüber nachdenken. Dann treffen wir die Entscheidung schnell, ohne nachzudenken und daher intuitiv. Das sind dann nachweislich besonders gute Entscheidungen.

Der spirituelle Bereich

Der spirituelle Bereich der Intuition ist der letzte, den ich kurz darstellen möchte. Hier sind wir im Kernbereich dessen, was wir als die Stimme unseres höheren Selbst bezeichnen können. Eine Information aus der spirituellen Welt, ein Zeichen, eine Eingabe, eine plötzliche innere Klarheit, eine leise Stimme, diese Form der Intuition kann viele Formen annehmen. Für unsere Selbstverwirklichung ist das wohl die entscheidende Form der Intuition. Auf diese Stimme zu hören ist ein Entwicklungsweg, dem wir uns stellen sollten. Hier überschreiten wir die Grenze und suchen nach einer Verbindung zur spirituellen Welt, zur Mystik oder zum Göttlichen.

Wir können zusammenfassen

Die Stimme unserer Intuition ist ein mehrstimmiger Chor. In ihr sind viele Stimmen vereint, die auf inneres, tiefes Wissen zurückgehen. In diesem Chor gibt es leise, laute, hohe und tiefe Stimmen. Diese Stimmen lauten: Die Stimme der intuitiven Beziehungsintelligenz, die Stimme unseres Körperwissens, die Stimme unserer Bauchgefühle, die Stimme unserer Gewohnheiten, die Heureka! – Stimme unserer intuitiven Problemlösungen und die Stimme der spirituellen Intuition.

(c)  Heinz Peter Wallner

take-five-dr-wallnerLiteratur:
Heinz Peter Wallner, 2016, Take Five – Die fünf Schlüssel zu mehr Lebendigkeit und innerer Stärke,
Edition Summerhill,
www.take-five-for-life.de

 

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