Schöpfung und Klimaschutz – Zwischen Schöpfung und Zerstörung – Warum Klimaschutz eine spirituelle Pflicht ist
„Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (Genesis 1,31)
So endet die große Hymne auf die Schöpfung im ersten Buch der Bibel. Diese Worte klingen wie das finale Akkord eines göttlichen Liedes, das die Welt als ein harmonisches, lebendiges Ganzes beschreibt.
Doch wenn wir heute auf die Erde blicken, ist von diesem Lobgesang wenig geblieben. Die Gletscher schmelzen, die Ozeane versauern, Wälder brennen, und Tierarten verschwinden in rasantem Tempo.
Es ist, als habe die Schöpfung aufgehört zu singen – oder als höre niemand mehr hin.
Die Klimakrise ist nicht nur eine ökologische, sondern eine theologische Herausforderung.
Sie stellt radikal die Frage: Wie leben wir als Geschöpfe in einer Schöpfung, die wir selbst zerstören?
Schöpfung als Gabe – und der Mensch als Verwalter
Die biblische Schöpfungserzählung ist keine objektive Chronik, sondern eine Einladung zur Haltung. Sie macht deutlich: Diese Welt ist nicht zufällig. Sie ist Geschenk.
Und wie jedes Geschenk verpflichtet auch dieses. Im Buch Genesis heißt es:
„Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre.“ (Genesis 2,15)
Dieser Auftrag ist doppelt: Gestalten und bewahren.
Doch die Geschichte der Menschheit zeigt: Wir haben uns auf das „Bebauen“ konzentriert, auf Fortschritt, Wachstum, Kontrolle. Das „Bewahren“ haben wir vergessen – oder schlimmer noch: bewusst ignoriert.
Theologinnen und Theologen wie Jürgen Moltmann warnen seit Jahrzehnten vor dieser Hybris:
„Die Erde ist nicht das Eigentum des Menschen, sondern der Raum seiner Verantwortung.“ (Moltmann, Gott in der Schöpfung, 1985)
Verantwortung statt Herrschaft – darin liegt die eigentliche Pointe der biblischen Schöpfungstheologie. Doch unsere Wirtschafts- und Lebensweise hat diese Botschaft ins Gegenteil verkehrt.
Die Klimakrise als spirituelle Entfremdung
Die ökologische Krise ist mehr als das Ergebnis falscher Energiepolitik oder hemmungslosen Konsums. Sie ist Ausdruck einer spirituellen Entfremdung.
Papst Franziskus beschreibt das präzise in seiner Enzyklika Laudato Si’:
„Die Wurzeln der gegenwärtigen Umweltkrise sind tief in die Kultur der Moderne eingegraben, die den Menschen aus seiner Beziehung zur Natur und zu Gott herauslöst.“ (Laudato Si’, Nr. 115)
Wir haben verlernt, die Welt als Mitwelt zu begreifen. Stattdessen ist sie Ware geworden, Ressource, Kapital.
Und darin liegt eine Form der geistigen Armut: die Unfähigkeit, sich selbst als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen.
Klimaschutz ist deshalb nicht primär eine technische Frage, sondern eine Frage der Beziehung – zu Gott, zur Erde, zueinander.
Sünde in Zeiten der Klimakrise – Vom individuellen Fehltritt zur strukturellen Schuld
Der Begriff der Sünde ist in öffentlichen Debatten über Klimaschutz kaum anzutreffen. Zu moralisch, zu altmodisch, zu religiös.
Und doch trifft er einen wunden Punkt.
Cynthia Moe-Lobeda spricht von struktureller Sünde:
„Die ökologische Katastrophe ist keine Anhäufung individueller Fehltritte, sondern das Ergebnis eines Systems, das systematisch Leben zerstört.“ (Resisting Structural Evil, 2013)
Klimasünden sind eingebettet in globale Machtverhältnisse:
Industrialisierte Nationen verbrauchen Ressourcen, während der globale Süden unter den Folgen leidet. Diejenigen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, tragen ihre Last.
Diese Form der Schuld lässt sich nicht durch individuellen Verzicht kompensieren. Sie verlangt eine kollektive Umkehr – wirtschaftlich, politisch, kulturell und spirituell.
Gerechtigkeit – Nicht nur unter Menschen, sondern mit der Schöpfung
In der christlichen Tradition ist Gerechtigkeit oft anthropozentrisch gedacht: als Frage der Verteilung unter Menschen.
Doch die biblischen Texte erzählen von einer umfassenderen Gerechtigkeit. Der Prophet Jesaja ruft aus:
„Die Erde leidet unter ihren Bewohnern, denn sie haben die Gebote übertreten.“ (Jesaja 24,5)
Gerechtigkeit umfasst auch die nicht-menschliche Schöpfung.
Eine Theologie des Klimaschutzes muss deshalb anerkennen: Wer heute die Schöpfung zerstört, verletzt nicht nur künftige Generationen, sondern auch die Geschöpfe, die jetzt schon stumm unter dem Menschen leiden.
Die Rolle der Kirchen – Worte und Taten
Die Kirchen haben sich in den letzten Jahren zunehmend zur Klimafrage geäußert:
- Weltkirchenkonferenz Vancouver (1983): „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ als zentrale Einheit.
- Laudato Si’ (2015): Ein leidenschaftlicher Appell an alle Menschen guten Willens.
- Lokale Initiativen wie die Klimafastenaktionen der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland.
Doch zwischen Appell und Handlung klafft eine Lücke.
Klimaschutz ist keine Nischenaufgabe für Umweltgruppen. Er ist Kerngeschäft der Kirche.
Denn wenn Gott der Schöpfer ist, dann ist die Bewahrung der Schöpfung ein Akt des Glaubens.
Theologie der Erde – Feministische und befreiungstheologische Impulse
Besonders feministische und befreiungstheologische Ansätze haben früh erkannt, dass die Zerstörung der Erde mit Formen der Unterdrückung verwoben ist.
Leonardo Boff spricht von der „Mutter Erde“:
„Wir sind nicht Herren über die Erde, sondern Kinder einer leidenden Mutter.“ (Ökologie und Befreiung, 1995)
Feministische Theologinnen wie Sallie McFague plädieren dafür, die Welt als „Leib Gottes“ zu verstehen – als etwas, das heilig und verletzlich zugleich ist.
Die ökologische Krise ist damit auch eine Krise patriarchaler, dominanter Denkstrukturen, die Ausbeutung und Kontrolle über Fürsorge und Beziehung stellen.
Die Stimme der Schöpfung – Der stumme Schrei der Erde
Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief:
„Die ganze Schöpfung seufzt und stöhnt in Geburtswehen.“ (Römer 8,22)
Dieses Seufzen der Schöpfung ist heute lauter denn je. Es klingt in brennenden Regenwäldern, sterbenden Bienen, überhitzten Städten.
Doch unsere Theologien bleiben oft sprachlos. Die Predigten sprechen vom Menschen, selten von den Bäumen, den Flüssen, den Vögeln.
Was würde es bedeuten, der Schöpfung eine Stimme zu geben? Nicht als Kulisse unseres Heilsdramas, sondern als Mitgeschöpf, das Anteil an Erlösung und Heil hat.
Apokalypse oder Hoffnung? – Biblische Zukunftsbilder im Klimawandel
Die Klimadebatte ist durchzogen von apokalyptischen Bildern: Kipppunkte, die überschritten werden; irreversible Schäden; das Ende der bewohnbaren Welt.
Doch die biblische Apokalypse ist kein Untergangsszenario. Sie ist eine Einladung zur Umkehr.
Die Geschichte von der Sintflut endet mit einem Bund:
„Nie wieder will ich die Erde verfluchen um des Menschen willen.“ (Genesis 8,21)
Gott verspricht Treue – aber dieser Bund verpflichtet auch den Menschen.
Die Apokalypse ist keine Prognose, sondern Warnung.
Nicht Gott vernichtet die Welt – wir tun es.
Ökologische Umkehr – Der Weg aus der Krise
Die zentrale Herausforderung ist die ökologische Umkehr – nicht als Verzichtsdiskurs, sondern als neue Haltung.
Papst Franziskus formuliert:
„Eine wahre ökologische Umkehr ist eine innere Wandlung.“ (Laudato Si’, Nr. 217)
Diese Wandlung beginnt mit dem Blickwechsel:
Weg von der Illusion der Herrschaft, hin zu einer Spiritualität der Beziehung, der Dankbarkeit, der Verantwortung.
Reflexionsfragen für den Leser
- Wie denke ich über die Erde: als Besitz, als Heimat oder als Mitgeschöpf?
- Wo finde ich in meiner Spiritualität Raum für die Stimme der Schöpfung?
- Bin ich bereit, meine Lebensweise als Teil einer strukturellen Sünde zu hinterfragen?
- Wie können Kirche und Gesellschaft gemeinsam für eine gerechte und bewohnbare Welt eintreten?
📚 Literatur und Quellen
- Franziskus (2015). Laudato Si’. Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Vatikan. Online verfügbar
- Moltmann, J. (1985). Gott in der Schöpfung. München: Kaiser Verlag.
- Boff, L. (1995). Ökologie und Befreiung. Eine neue Dimension der Befreiungstheologie. Düsseldorf: Patmos.
- Moe-Lobeda, C. (2013). Resisting Structural Evil: Love as Ecological-Economic Vocation. Fortress Press.
- McFague, S. (1993). The Body of God: An Ecological Theology. Fortress Press.
- Küng, H. (1990). Projekt Weltethos. München: Piper.
- Roth, D. (2019). Klimakrise und Religion: Eine theologische Ethik der Nachhaltigkeit. Herder.
- World Council of Churches (1983). Justice, Peace and the Integrity of Creation.
- Zulehner, P.M. (2008). Gott im Klimawandel. Spirituelle Antworten auf eine globale Herausforderung. Ostfildern: Patmos.
- Conradie, E.M. (2004). An Ecological Christian Anthropology. Aldershot: Ashgate.
10.03.2020
Uwe Taschow
Uwe Taschow
Als Autor denke ich über das Leben nach. Eigene Geschichten sagen mir wer ich bin, aber auch wer ich sein kann. Ich ringe dem Leben Erkenntnisse ab um zu gestalten, Wahrheiten zu erkennen für die es sich lohnt zu schreiben.
Das ist einer der Gründe warum ich als Mitherausgeber des online Magazins Spirit Online arbeite.
“Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.”
Albert Einstein
Hinterlasse jetzt einen Kommentar