Aufstieg & Lernen

Lehrer/Schüler-Beziehung in spirituell orientierten Ausbildungen

Buch-Wolken-licht-bookDie Lehrer/Schüler-Beziehung in spirituell orientierten Ausbildungen

Je mehr Kurse und Bücher über Natur-Heilweisen und die unglaublich vielen Fachgebiete der Esoterik und Spiritualität es gibt, desto mehr Verwirrung stelle ich auch unter den Menschen fest, die sich meist privat, oft aber auch beruflich für Derartiges interessieren. Es ist ja auch etwas schwierig, wenn beinahe täglich neue Heilweisen und Heilslehren (zumindest dem Namen nach) auftauchen und so viele, sich oft widersprechende Meinungen geäußert werden.
Wie viele Chakren gibt es denn nun wirklich? Fünf, sieben, neun oder zwölf?
Ist Auralesen und Engel channeln auch für „Normalsterbliche“ möglich?
Kann nur ein Mensch, der ausschließlich von Früchten lebt, spirituelle Vervollkommnung erlangen oder schadet ein Steak zwischendurch der Vergöttlichung nicht?
Herr X sagt, er sei erleuchtet und aus ihm spreche nun immer Gott. Muß ich ihm jetzt alles glauben?
Meine Freundin hat mir erzählt, sie würde Engel channeln und sei jetzt von der Geistigen Welt zur Engel-Meisterin eingeweiht worden. Nun erzählt sie mir jeden Tag, was die Engel meinen, was ich tun soll. Was kann ich davon halten?
Das sind nur einige, wenige Auszüge aus den vielen Telefonaten, Briefen und persönlichen Gesprächen, die ich praktisch jede Woche mit den unterschiedlichsten Menschen führe. Menschen, die verunsichert sind und Rat möchten, weil sie an spirituellen Dingen und ihrer persönlichen Entwicklung ernsthaft interessiert sind, aber einfach nicht wissen, woran sie sich auf ihrem Weg orientieren können, damit sie nicht in, vielleicht gefährliche, Sackgassen geraten.
Solche Gespräche berühren mich tief denn ich kenne ja diese und ähnliche Fragen von meinem eigenen Weg. Es ist mir deswegen ein Anliegen, aus meiner Erfahrung etwas zur Orientierung beizusteuern, ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen.

Was bedeuten eigentlich die Worte „esoterisch“, „materiell“ und „spirituell“ genau.

Zunächst möchte ich einige Worte in ihrer Bedeutung erklären, die häufig in diesem Zusammenhang verwendet werden.
Der Begriff „spirituell“ ist abgeleitet von lateinisch „Spiritus“, Geist. Er bedeutet also: „Das Geistige betreffend.“ „Esoterisch“ stammt ursprünglich aus dem Griechischen. Es bedeutet: „Das Verborgene betreffend.“ Der Gegensatz dazu ist „exoterisch“, also: „Das Offensichtliche betreffend.“ Mit einigen Beispielen wird vielleicht besser verständlich, was damit gemeint ist: Wenn ein Geschäftsmann eine neue Maschinenanlage für seine Fabrik kauft, um günstiger produzieren zu können, ist dies eine materiell orientierte Handlung. Sie ist deswegen aber nicht zwangsläufig moralisch oder ethisch verwerflich.
Bedenkt er dabei außerdem den Umweltschutz, bessere Arbeitsbedingungen für die bei ihm Beschäftigten, gesteigerte Qualität seiner Produkte und eine neue Art der Gestaltung seiner eigenen Arbeitssituation, die seiner eigenen Entwicklung als Mensch förderlich ist und mehr seiner Eigenart entspricht, dann handelt dieser Unternehmer spirituell. Auch wenn er keine einschlägigen Bücher liest oder Seminare besucht, geschweige denn das „Fachvokabular“ kennt.
Verwendet er Orakelarbeit, Numerologie, gechannelte Botschaften und Rituale, um zu einem günstigen Preis zu der für ihn und seinen Betrieb optimalen Maschine zu kommen und den Widerstand seiner Belegschaft gegen die unbequeme Neuerung in konstruktive Beschäftigung mit den neuen Möglichkeiten umzuwandeln, dann handelt er esoterisch.
Eine esoterische Handlung muss nicht zwangsläufig moralisch und ethisch korrekt, also gleichzeitig spirituell sein.
Sehr viele Menschen beschäftigen sich überwiegend mit den vielen interessanten Fachgebieten der Esoterik, um gegenüber weniger informierten und geschulten Mitbürgern Vorteile zu haben.
Und sei es nur, immer einen freien Parkplatz zu bekommen, wenn man will, die gut bezahlte neue Arbeitsstelle vor allen anderen Bewerbern zugesprochen zu bekommen oder in der Lotterie zu gewinnen.
Zusammengefasst bedeutet das: Ein materiell orientierter Mensch denkt erstmal an sein eigenes Wohl und Überleben sowie an die Belange der ihm Nahestehenden (Familie, Freundeskreis etc.). Ein esoterisch orientierter Mensch verwendet Kenntnisse über die den Meisten verborgenen Gesetze der Natur und daraus erwachsende Fähigkeiten zur Bewältigung der Herausforderungen seines Lebens. Ein spirituell orientierter Mensch bemüht sich nach bestem Wissen und Gewissen sowohl für sich und die ihm Nahestehenden zu sorgen, als auch möglichst vielen anderen Menschen/Wesen Chancen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur nachhaltigen Verbesserung ihrer Lebensqualität zu eröffnen.

Was zeichnet einen spirituellen Lehrer aus?

Aus dem zuvor Gesagten ergibt sich auch eine Definition des Begriffes „spiritueller Lehrer“.
Ein solcher Ausbilder versucht innerhalb des von ihm gelehrten Fachbereiches nicht nur zu seinem Wohl, sondern auch zum menschlichen und materiellen Wohlergehen der Schüler, die sich ihm anvertrauen, so gut er kann, beizutragen.
Der letzte Teilsatz ist besonders wichtig: Alles Menschliche ist grundsätzlich endlich und damit fehlerhaft. Von einem Menschen Perfektion in irgendeiner Hinsicht zu verlangen, zeugt von tiefem Unverständnis des offensichtlich von der Schöpferkraft so geschaffenen menschlichen Wesens.
Ein Erdenbürger kann sich nach bestem Wissen und Gewissen bemühen, seinen privaten und beruflichen Verpflichtungen nachzukommen, aber er wird dabei immer wieder auf die eine oder andere Art versagen. Ist er spirituell orientiert, wird er immer versuchen, so viel als möglich aus seinen Fehlern zu lernen. Er wird Überzeugungen, die er gestern noch für Wahrheiten erachtete gern zur Disposition stellen, wenn er andere Ansichten kennen lernt, die besser geeignet sind, für Wachstum, Glück und Heil zu sorgen.
Seine Schüler werden viele nützliche Techniken und Informationen im fachlichen Bereich von ihm lernen, jedoch wird er bei der Ausbildung immer wieder durchblicken lassen, daß es vielleicht morgen Entwicklungen gibt, die noch besser sind.
Menschliche Entwicklung zu fördern wird ihm, wenn irgend möglich, immer wichtiger sein, als sachliche Inhalte zu vermitteln, weil er verstanden hat, daß es für alle Beteiligten gefährlich ist, wenn unreife Menschen große Machtmittel in die Hände gelegt bekommen.
Ein spiritueller Lehrer wird seine Schüler regelmäßig dazu auffordern, ihre Überzeugungen und seine Ansichten ernsthaft zu hinterfragen, um selbständig zu werden und eigenverantwortliches Denken zu entwickeln.
Blinden Glauben wird er nicht nur nicht verlangen, sondern auch vehement in Frage stellen, wenn seine Schüler ihn zeigen. Immer wieder wird er darauf hinweisen, daß es jederzeit im Leben etwas zu lernen gibt, und daß es sehr wertvoll ist, sich auch einmal „an anderen Quellen zu laben“, also bei anderen menschlich und fachlich qualifizierten Lehrern zu studieren.
Im Zweifelsfall wird er die harmonische Beziehung zu einem Schüler aufs Spiel setzen, wenn er gedrängt wird, bestimmte Inhalte zu vermitteln, die er entweder ethisch nicht korrekt findet oder für die er seinen Schüler zur Zeit noch nicht menschlich reif genug hält oder wenn er glaubt, daß es andere Dinge gibt, die sein Schüler zur Zeit dringender bearbeiten sollte, um nachhaltig glücklich, heil und erfolgreich zu werden.
Gerade der letztere Punkt verlangt natürlich einige persönliche Standfestigkeit seitens des Lehrers und die Fähigkeit mit seinen eigenen Ängsten bezüglich des nicht geliebt und anerkannt werdens, sowie der Sicherung des eigenen materiellen Überlebens und Wohlergehens.
Die tiefe Liebe eines spirituellen Lehrers zeigt sich nicht unbedingt dadurch, daß er den ganzen Tag über lächelt, immer nett und freundlich ist und mit sanfter Stimme spricht. Stattdessen ist er stark genug, seine, wie bei jedem Menschen vielfältigen, Gefühle offen zu zeigen und Verantwortung dafür voll zu übernehmen. Also nicht zu sagen, „Du bist schuld, daß es mir schlecht geht!“, sondern zum Beispiel: „Ich bin traurig und wütend. Mit dieser Situation kann ich im Moment noch nicht umgehen.“ Seine Liebe kommt dadurch zum Ausdruck, daß er im Zweifelsfall auch gegen seine kurzfristige persönliche Interessenlage seinen Schülern hilft, sich zu entwickeln, Eigenverantwortung, Liebe und Bewußtsein in sich wachsen zu lassen.
Am meisten profitieren Schüler natürlich in längeren Ausbildungen. Fachliche und menschliche Reifung können so nachhaltiger geschehen.
Je tiefer die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, desto essentiellere Inhalte können vermittelt werden. Trotzdem muß es in einer im Sinne des Wortes spirituellen Ausbildungsbeziehung auch nach einiger Zeit zu einer Phase der Abnabelung kommen, die von Beiden korrekt und liebevoll behandelt wird. Dieser letzte Abschnitt der Lehrzeit mündet dann in eine freundschaftliche und im Wesentlichen gleichberechtigte menschliche Beziehung ein. Eine spirituelle Lehrzeit mit einem Ausbilder sollte meiner Erfahrung nach nicht wesentlich weniger als zwei Jahre dauern. In kürzerer Zeit läßt sich einfach nicht genug Tiefe erlangen.

Ein paar praktische Tipps zum Abschluß

Spirituell orientierte Ausbilder werben mit dem fachlichen und persönlichen Wert und Sinn der Ausbildung anstatt mit „Kurztrainings“ und Discountpreisen.
Spirituell orientierte Lehrer handeln nicht mit endgültigen Wahrheiten und immer funktionierenden Problemlösungen, sondern mit ehrlicher menschlicher Begegnung, praktisch verwertbaren Informationen und Fertigkeiten, die sie weitergeben und ständig weiterentwickeln.
Ein spiritueller Lehrer findet Fragen meistens wichtiger als Antworten.
Ein spirituell orientierter Lehrer ist keiner, der angekommen ist, sondern einer, der den Weg zu Sinn und Liebe schon länger und aufmerksamer geht, als seine Schüler.
Und – ein spiritueller Lehrer ist gerne Schüler…


Walter LübeckDer Autor:

Walter Lübeck ist seit über 1987 als Autor, Seminarleiter für Persönlichkeitsentwicklung und spirituelle Heilweisen und Coach weltweit tätig. Aus seiner Feder stammen 25 Bücher, die in 20 Sprachen erschienen sind.
Weitere Informationen über die Arbeit von Walter Lübeck…
Die Website: www.walterluebeck.com/de/
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1 Kommentar

  • Ein wundervoller Artikel! Nicht nur die Begriffe „spirituell“, „esoterisch“ etc. sind einmal gut erklärt, sondern auch was ein spiritueller Lehrer ist – nicht nur Lehrer, sondern für sich selbst auch immer Schüler. Ich denke auch, wir alle entwickeln uns immer für uns selbst weiter – stets und ständig. Toll geschrieben!

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