Patchwork -Farbenfroher Flickenteppich oder herausfordernde Gemeinschaftssituation?

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Patchwork sonnenuntergang kleine kinderPatchwork –
Farbenfroher Flickenteppich oder herausfordernde Gemeinschaftssituation?

Die Weisheit der Sprache verrät das Innenliegende, die Arbeit steckt schon im Stamm. Work. Harte Arbeit. Patchwork ist kein Sonntagsspaziergang, kein Nebenschauplatz und auch kein Bonusgeschäft, wie es in manchen schönmalerischen Ratgebern angepriesen wird. Die Bonus-Eltern-Welt bringt den getrennten Kindern keine Leckerbissen und keinen familiären Zuschuss.

Als 42-jähriges Trennungskindes habe ich den Zugewinn dieser zusammengewürfelten Gemeinschaft noch nicht erkannt. Ich bin nicht beteiligt am Bonus-Profitgeschäft. Sonst würde es ja „Bonuskinder“ heißen. Die Erwachsenen machen es meistens unter sich aus, eigennützig und gesellschaftlich korrekt. In teilweise haarsträubenden Artikeln wird therapeutisch und psychologisch die heile Welt propagiert und bunte Zuckerstreusel über die Trennungskinder ausgeschüttet – Lilalaune-Support.

Kaum jemand nimmt wahr, wie sehr sich die Kinder unter diesem bunten Flickenteppich – Patchwork – emotional abrackern,

den elterlichen Rucksack der Verantwortung tragen und darunter fast zusammenbrechen. In diesem Leid nicht erkannt, geschweige denn beschützt zu werden, fällt ungeschehen durch die Raster der Ratgeber-Inquisition durch. Zu düster für die Propaganda der heilen Bonuselternwelt.

Die Kinder kommen in den Patchwork-Debatten nicht zu Wort und bleiben Nebendarsteller in ihrem eigenen Film. Mich hat niemand befragt, wie ich mich in dieser Fetzen-Familie fühle und wie meine verwirrte Kinderseele darauf reagiert. Für mein Empfinden war kein Raum vorhanden, kein Gehör für meine Stimme. Ich blieb unerhört, seelisch, geistig und emotional.

Jahrelang habe ich innerlich in mich hinein geschrien, still und heimlich.

Sag bloß kein Wort. Niemand will, dass Du Dich mitteilst. Keiner will es hören, sehen und am Wenigsten fühlen. Verhalte Dich ruhig. Sei ein braves Kind. Dramatisiere nicht.
Halt. Stopp. Schluss.
Ein Aufschrei. Eine Beschwerde. Ein wahres Wort.
Die Sache ist akut.

Für die Ausgewachsenen ist die Trennung eine Befreiung, doch uns Kindern bringt die neue Unabhängigkeit unserer Eltern keine Vorteile – wir sind die Leidtragenden in einer stiefkindlichen Zwangsjacke.

Erstaunlicherweise entwickeln sich Trennungskinder oft zu vermeintlich leistungsstarken Menschen unser Gesellschaft.

Oftmals erschaffen sie unter Kompensationen und Ablenkungen ihre eigene heile Welt, eine Illusion von Einheit. Negative Emotionen von Spaltung und Verlust werden großflächig vermieden und wollen nie wieder gefühlt werden – das Trennungsbewusstsein ankert in jeder Körperzelle. Mit raffinierten Verdrängungsmechanismen gelingt diese Selbstverarsche ein Zeit lang, oft Jahrzehnte lang, bis die Seele kollabiert.

Erkennst Du Dich wieder?

Sei ehrlich. Was nun?
In den alten Geschichten wühlen? Heilungsseminare buchen? Transformative Therapien?
Und das angesichts Deines privilegierten Lebens? Es geht Dir doch gut. Es geht uns doch gut.

Haben wir uns zu Profis im Wegsehen entwickelt? Sind unsere eigenen Bedürfnisse zu zeit-und raumfüllend? Die Beachtung der notleidenden Kinder findet nicht statt.

Was ist mit dem hochgelobtem Kindeswohl?

Aus der frühkindlichen Bindungsforschung wissen wir: Ein Kind braucht zuerst und zuallererst Verbundenheit, Schutz und Sicherheit, Kontinuität und Bindung. Dies sind Grundvoraussetzungen für die Entwicklung einer möglichst stabilen Identität. Alle Trennungen, Stress und Unruhe beeinflussen über anflutende, vom kleinen Kind nur mühsam oder nicht zu bewältigende Erregungsmuster in negativer Weise seine Entwicklung. Die kollektive Verdrängung von diesen folgeschädlichen Traumatas hält die getrennten Kinder und Erwachsenen in Ihrer Ohnmacht gefangen und nährt stetig die Idee des Getrenntseins.

Meinen Rettungsanker und Therapeut fand ich im Schreiben, im stillen Aufschreien und ehrlicher Selbstreflexion.

Anklagend, bewertend und oft selbstzerstörerisch. Bitter, ernüchternd und heilsam wie eine alte Kräutermixtur. Die Resonanz war überwältigend und so habe ich mich selbst zur Stimme aller Trennungskinder berufen oder zumindestens als ihr unterdrückter Husten. Die bisher größte Herausforderung meines Lebens. Das ist die einfache Essenz. Jeder Mensch hat sein ganz eigenes kreatives Talent, dass ihm hilft, seine innere Wahrheit zu transportieren und wenn er mag auch zu offenbaren. Trau Dich.

Heute bin ich versöhnlicher und auch bewusster. Die Trennung meiner Eltern war unumgänglich und ihre Entscheidung wird von mir auch nicht bewertet. Zum besseren Verständnis: Ich plädiere nicht für Nicht-Trennung, noch ist die Trennung mein primäres Thema. Mein Fokus und mein Anliegen richtet sich auf den Umgang mit Trennungskindern, auf ein Verhalten von Eltern und Gesellschaft, dass nicht zuerst die eigenen Bedürfnisse befriedigt, sondern fühlbar dem Kindeswohl dient. Hier darf sich jeder ehrlich prüfen. Auch Eltern in Herkunftsfamilien.

Eine Trennung, unter der nicht alle – besonders die Kinder – leiden, kann nach meinem Empfinden durch ein wertschätzendes Miteinander und Eigenverantwortung funktionieren.

Wertschätzung entsteht da, wo Räume geöffnet werden, in denen ein emotional offener Austausch stattfinden darf.

Ein sicherer Raum, der insbesondere dem Kind die Möglichkeit gibt, seine wahren Gefühlen zu äußern. Ein Ort, an dem nach der Standard-Antwort von Kindern „Gut.“ weiter gefragt wird, Kommunikation nicht aufhört, sondern sich mitfühlend vertieft und genau zuhört. Zum Zweiten empfinde ich es grundsätzlich wichtig, dass Eltern und Stiefeltern ihre eigenen inneren Verletzungen erkennen und verändern, um Projektionen auf ihre Kinder und Fehlverhalten zu vermeiden. Es gibt 268 Bücher, die das Innere Kind thematisieren. Der Rest liegt in der eigenen Entscheidung, traumatisierte Dauerschleifen nicht mehr an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Zu unbequem?
Nach einer kollektiven Empörung dürfen wir in den Austausch kommen und in ehrliche Begegnungen, um in herzoffenen Kooperationen neue Lösungswege für den konformen Schuldethos, zwanghafte Selbstbestätigungswege und Traumataverdrängungen zu finden. Nicht mit Psychopharmaka und psycholgischen Etikettierungen, sondern gesundheitsfördernder gesellschaftlicher Teilhabe. Diese Entwicklung findet schon statt.

Ich begegne gegenwärtig Patchwork-Familien, die mich durch ihr gegenseitiges Verständnis, Mitgefühl und einer offenen Kommunikation beeindrucken. Sie versetzen innerfamiliär und gesellschaftlich Berge – Vorreiter einer neuen Zeit, einer guten Zeit, einer Zeit der Liebe.


Vita: Zela Sol

Zela Sol Jahrgang 78, lebt verheiratet, kinderlos und als Teilzeitstiefmutter. In den letzten sieben Jahren hat sie ihre Erlebnisse als Trennungskind in einem Buch verarbeitet und damit zwei Geschenke entdeckt: das Schreiben und sich SELBST. Mit der Seele als Federführer trifft sie gerne des „Pudels Kern“. Die kollektive Entwicklung aus einer traumatisierten Gesellschaft ist ihr Antrieb.


Buchtipp:cover-kamphausen-Aufschrei

Aufschrei –
Die Geschichte eines Trennungskindes
von Zela Sol

Patchwork-Familien sind hoch komplexe und äußerst herausfordernde Gemeinschaftssituationen, denen vor allem die Kinder oft nicht gewachsen sind. Die Autorin erzählt von ihren eigenen verwirrenden und traumatisierenden Kindheitserfahrungen durch die Trennung der Eltern, dem großen Schmerz und der Machtlosigkeit in einem Konstrukt, dem sie ausgeliefert war.

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