Mensch-Sein

Existenzangst: Sich öffnen oder schließen?

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Hast Du auch manchmal das Gefühl, dass Du ganz alleine da stehst? Ein kleiner Mensch alleine gegen die ganze, riesige Welt? In meiner selbständigen Tätigkeit, habe ich immer mal wieder dieses Gefühl. Und wenn ich mir vor Augen halte, wie groß unser familiäres monatliches Budget ist, und ich eigentlich nie so ganz weiss, wann und von wo (und ob überhaupt?) meine nächsten Projekte kommen werden, kann das schnell mal ein Gefühl der Unsicherheit auslösen. Ich bin mir sicher, dass ich mit diesen Gefühlen nicht alleine da stehe. Wenn man selbständig arbeitet, ist alles natürlich noch ein wenig unsicherer, als wenn man angestellt ist, dafür ist es für einen Angestellten umso schlimmer, wenn man seinen Job verliert… Also entkommt man diesen Ängsten nicht wirklich. Und selbst Menschen, die ausreichend Geld zur Seite gelegt haben und gut verdienen, können von ihr befallen werden – wieso? Weil sogar schon Teilverluste, wie etwa aus finanziellen Gründen seinen Lebensstil ändern zu müssen, sich für uns Menschen wie eine Art kleiner Tod anfühlt. Und natürlich gibt es immer die Angst, dass die Firma in Konkurs gehen oder die gesamte Wirtschaftliche Situation den Bach runtergehen könnte.

Aber nun zurück zu Dir und mir… Bei mir läuft’s mit der Arbeit meist recht smooth – nur ein paar Mal im Jahr überkommt mich, ausgelöst durch ein äußeres Event, ein mulmiges Gefühl, woraufhin ich vieles in Frage stelle: Meine Kompetenz im Job, ob ich jemanden vergrault habe, zu viel (oder zu wenig) Geld für meine Arbeit verlange, ob ich genügend arbeite und ob ich nicht generell eine klarere eigene Strategie und Marketingplan haben sollte. Diese Momente sind nicht angenehm, aber, wenn ich nicht den Kopf in den Sand stecke, entsteht durch sie eine neue Klarheit und ich bekomme neue Energie, Dinge frisch anzugehen. Eben bin ich wieder in so einer Phase (gewesen?). Und mir ist diesmal eine Sachlage ganz besonders bewusst geworden: Nämlich, dass ich Dankbarkeit und Bescheidenheit kultivieren und mich auf das Gemeinsam-Sein mit meinen Kollegen und Kunden konzentrieren muss.

Natürlich sind Faktoren, wie technische Kompetenz, Preisgestaltung und Selbstvermarktung ebenfalls wesentlich, aber in meinen Augen ist es am wesentlichsten, wie wir Menschen miteinander sind und arbeiten – sowohl im Privaten, wie auch im Geschäftlichen. Das heißt zwischenmenschliche Beziehungen sind in meinen Augen wesentlicher als Resultate, auch wenn es oft andersrum gesehen wird: Wir wollen Projekte abwickeln, Produkte entwickeln und verkaufen, um Geld zu verdienen, und müssen dafür wohl oder übel mit andere Menschen zusammenarbeiten. So gesehen sind andere Menschen scheinbar nur ein Mittel zum Zweck. Aber ist das gut so? Sollten wir unsere Sicht der Dinge nicht umkehren und primär die Lust und Freude an der gemeinsamen Arbeit sehen und die Früchte unserer Arbeit als (fast) sekundär betrachten, so wie das etwa im Karma Yoga praktiziert wird?

Also hier nochmals zu meinen drei Punkten:

Dankbarkeit heisst, sich der Welt zu öffnen und nichts als selbstverständlich anzusehen. Es heisst zu sehen, dass man keine Insel ist und man alleine nichts bewegen kann. Es ist das Gegenmittel für die Überheblichkeit und das Konkurrenzdenken, dass in unserer Wirtschaftswelt normalerweise vorherrscht.
Bescheidenheit heißt für mich als Selbständiger, möglichst offen und ehrlich zu sehen, wo man selber und wo andere stehen, was seine eigenen Kompetenzen und Bedürfnisse, und was die Bedürfnisse seiner Kunden und Kollegen sind. Es heißt nicht abzuheben und fest mit den Füßen am Boden zu stehen.
Gemeinsam sein heißt, zu sehen, dass man nicht alleine da steht. Wenn man ein Produkt, oder eine Dienstleistung verkauft, kann man oft dem Eindruck erliegen, dass es nur um Qualität, Preis und Marketing geht. Und für wirtschaftlichen Erfolg reicht das oft auch aus. Aber wirtschaftlicher Erfolg bedeutet nicht immer, dass man auch glücklich ist. Und wenn man nur Augen für das Geld hat, kann man auch leicht Dinge kaputt machen – man denke da beispielsweise an Hedgefonds, die funktionierende Unternehmen aufkaufen, aussaugen und kaputt machen, alles im Namen der Aktionäre, die viel Geld damit verdienen. Wir sollten uns also vor Augen halten, dass wir in ein Netz von Menschen eingebettet sind und unseren Platz bzw. den Platz unserer Produkts oder unserer Firma darin erkennen und darauf achten, dass wir mit unseren Tätigkeiten keinen Schaden anrichten. Wir sollten also auf das Gemeinsam achten und unser Business nicht als eine Art Kampfform betreiben (was leider in der „freien Marktwirtschaft“ all zu üblich ist).

Sich verschließen oder öffnen
Wenn man sich also, wie beschrieben, einmal unsicher und vielleicht etwas angstlich fühlt, gibt es zwei „Auswege“: Man kann sich entweder verschließen, die Zähne zusammenbeissen und der Welt den Kampf ansagen, oder man kann sich öffnen, verletzlich zeigen und die Lösung seiner Probleme auf sich zukommen lassen.

Die zweite Variante ist natürlich die schwierigere und wird oft nicht gewählt, weil man dabei so wenig selbst in der Hand hat und das Resultat somit meist nicht genau so aussehen wird, wie man es geplant oder erhofft hatte. Aber es ist der einzige Weg, um in Einklang mit sich und der Welt zu sein, um auf seinem Weg ausgeglichen zu sein und liebevoll mit anderen Menschen umzugehen.

Und wenn man sich in dieser Weise öffnet, wird man sich auch bewusst, dass es allen anderen natürlich ebenso geht. Wir sind alle verletzliche Menschen, die sich nach Glück sehnen. Und wir werden alle vom Leben immer wieder auf die Probe gestellt, in unsichere Lagen versetzt und mit unserer Existenzangst konfrontieren. Geld, Erfolg und Ruhm können uns davor nicht schützen. Also ist es umso wichtiger, an jeder Abzweigung des Weges sich für das Öffnen zu entschließen.

Ich versuche es jedenfalls – und Du?

Sean.
29.11.2015

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