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In deiner Welt – Kapitel 4

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Roman von Georg Huber
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Um 7.30 Uhr wurde Nick vom Telefon geweckt.
Ruckartig setzte er sich auf und blickte sich mit verquollenen Augen um. Erst dann registrierte er, dass er auf der Couch eingeschlafen war. Obwohl er kaum fähig war zu stehen, eilte er zu dem Tisch, auf dem das Telefon stand.
»Ja?«

»Mensch, Nick, endlich gehst du ran!

Ich habe gestern Abend fünf Mal auf deinem Handy angerufen, und du hast nicht abgenommen. Ich habe mir Sorgen gemacht! Du weißt doch genau, dass ich abends anrufe, wenn wir nicht da sind. Wieso machst du das?«
Nick hielt den Hörer von seinem Ohr weg. Seine Mutter war ihm viel zu laut, und sein Kopf brummte ohnehin schon genug. Als er merkte, dass sie nicht mehr weitersprach, nahm er den Hörer wieder ans Ohr.
»Sorry, ich hab den ganzen Abend Musik gehört und das Klingeln nicht bemerkt.«
»Lügst du mich an, Nick? Du hast doch nicht gestern Nacht so laut Musik hören können, dass du das Telefon nicht gehört hast.«
 »Mum«, seufzte Nick, »ich bin früh ins Bett, weil es mir nicht gut ging.«

Er wartete einen Moment, bevor er weitersprach.

»Ich habe das Telefon wirklich jetzt erst gehört! «
Seine Mutter wurde still. »Hast du noch Fieber?«, fragte sie besorgt.
»Ich weiß nicht, keine Ahnung. Du kannst ja heute Abend nachschauen.«
 »Nick, wir werden früher kommen. Wir frühstücken jetzt gleich, und dann fahren wir los. Wir werden also zum Mittagessen nach Hause kommen.«
Nick wusste genau, was das bedeutete. Er hatte ihnen wieder einmal das Wochenende ruiniert. Sie mussten früher fahren, weil er so unzuverlässig war. Er wollte nicht, dass seine Eltern nach Hause kamen. Manchmal wollte er nicht einmal, dass sie überhaupt wieder nach Hause kamen.
»Ja, Mum.«
»Bis gleich«, sagte sie noch und legte auf.

Nick war wütend und frustriert zugleich.

Er hatte sich so sehr auf die beiden freien Tage gefreut, und jetzt würden seine Eltern und sein Bruder schon am Mittag wieder zu Hause sein.
»Es ist zum Kotzen!«, schrie er und suchte verzweifelt irgendetwas, woran er seine Wut auslassen konnte. Schließlich schlug er wutentbrannt mit seiner Faust auf den Tisch. Dann legte er sich wieder auf die Couch, in der Hoffnung, weiterzuschlafen zu können.

Er nahm die Decke, die auf dem Sessel neben der Couch lag, breitete sie über sich aus und zog das Ende bis über seinen Kopf. Nach ein paar Minuten gab er auf und warf die Decke auf den Boden. Es war viel zu hell im Wohnzimmer, außerdem stank seine Kleidung nach Rauch, und das konnte er überhaupt nicht leiden.

Nachdem er eine Flasche Saft aus dem Kühlschrank geholt und einen großen Schluck daraus genommen hatte, räumte er seine Sachen, die auf dem Boden lagen, zusammen, stellte seine Schuhe in den Schuhschrank und ging anschließend hinauf ins Bad. Irgendwie musste er seine Kleidung waschen. Nick setzte sich vor die Waschmaschine und betrachtete die Knöpfe.

Er erinnerte sich daran, wie er seiner Mutter als kleiner Junge immer geholfen hatte, die Wäsche zu waschen.

Sie hatte immer geduldig gewartet, bis Nick alle Kleidungsstücke in die Waschmaschine gesteckt hatte.
Früher hatte seine Mutter bei jeder Gelegenheit mit ihm gespielt, alles war ein Spiel für Nick gewesen. Doch irgendwann war seine Mutter dann mit Henry schwanger geworden, und das Spielen hatte nachgelassen.

Als Henry dann auf die Welt gekommen war, hatte seine Mutter nur noch sehr selten mit Nick gespielt. Er erinnerte sich genau an die Situation vor fast sechs Jahren, als Henry auf die Welt gekommen war. Auch das war zunächst ein Spiel für ihn gewesen, und anfangs hatte er sich sehr darüber gefreut, einen neuen Spielkameraden zu haben.

Doch dann hatte er sich immer mehr zurückgezogen und war immer trauriger geworden, wenn er gesehen hatte, wie seine Mutter mit Henry auf dem Arm Albernheiten machte.

Nick war nicht mehr ihre Nummer eins gewesen.

Für einen kleinen Moment wurden Nicks Augen feucht, doch dann beendete er seine Erinnerung. Es brachte sowieso nichts, darüber nachzudenken. Die Situation war, wie sie nun einmal war. Jetzt war es wichtig, die Kleidung zu waschen. Doch obwohl er so oft an der Waschmaschine gewesen war und ebenso oft gesehen hatte, wie seine Mutter sie bediente, fiel ihm einfach nicht mehr ein, wie man sie anschaltete.
Er ging in sein Zimmer und kramte eine frische Hose und ein frisches T-Shirt aus den Schrankregalen hervor. Als er sich umgezogen hatte, lief er wieder hinunter und ging hinaus in den Garten.

Obwohl es erst kurz nach 8 Uhr morgens war, war es draußen bereits angenehm warm.

Er liebte diese warmen Sommertage. Er liebte es, draußen im Garten zu liegen und einfach nichts anderes zu tun, als den Vögeln zuzuhören und sich zu entspannen. Nick legte die Kleidung vom Vorabend auf die Terrasse und hoffte, dass der Geruch an der frischen Luft verschwinden würde, wenn er sie schon nicht waschen konnte.

Er ging in die Küche, bereitete sich dort ein Toastbrot zu und trank noch ein Glas Saft. Dann beschloss er, wieder in den Park zu gehen. Jetzt, um diese Uhrzeit, würde wohl kaum jemand dort sein, und er könnte den ganzen Park fast für sich alleine haben und dabei einfach auf der Bank sitzen, Musik hören und sich entspannen.

Obwohl Nick in keiner Weise eine Entspannung nötig hatte, hielt er das für eine gute Idee und verließ nach ein paar Minuten das Haus. Es war wirklich ein herrlicher Tag, und es war eine gute Entscheidung gewesen, in den Park zu gehen.

Jedes Mal, wenn er die Straße überquerte und den Park betrat, schien er ohnehin eine andere Welt zu betreten.

An diesem Morgen war niemand auf der Skateranlage, und auch auf dem Bouleplatz rechts neben ihm war keine Menschenseele zu sehen. Überall sah man nur Grün. Vögel stolzierten auf der Suche nach Nahrung auf dem Rasen umher, obwohl sie sich das sonst, wenn viele Menschen im Park waren, nicht trauten. Nick ging weiter, und die Neugier packte ihn.

Noch ein paar Meter, und er würde von dem mit Blumen übersäten Hügel aus den Brunnen sehen können, der hinten im Park stand, und die vielen weißen Bänke, die harmonisch darum platziert waren.

Ob Jack wieder dasaß und die Sonne anlachte? Zu gerne hätte Nick gewusst, woher dieser merkwürdige Mann kam, dem er nun bereits zweimal begegnet war. Etwas enttäuscht musste er feststellen, dass Jack nicht zu sehen war. Die Bänke waren leer. Niemand saß dort. Nach ein paar Sekunden erreichte Nick den Brunnen und schaute sich um. Auf einer, nein, auf seiner Bank befand sich eine fein säuberlich zusammengefaltete Zeitung, und auf dem Boden lagen einige leere Coladosen.

Egal, dachte Nick und setzte sich. Er stellte seinen MP3- Player an, schloss die Augen und entspannte sich. Er konnte die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht spüren, und durch die geschlossenen Augen sah er das orangefarbene Licht der Sonne. Sicherlich fünf Minuten lang saß Nick dort, ohne sich zu bewegen.

Die Sonne schien ihn aufzutanken.

Ein sanfter Windhauch wehte über den Park, und Nick hörte die Coladosen über den Kies rollen. Er öffnete die Augen, weil er gerade beschlossen hatte, sie in den Mülleimer unweit der Bank zu werfen.
»Guten Morgen, Nick.«
Nick erschrak fürchterlich, und sein Herz pochte wild. Normalerweise war er nicht so schreckhaft, doch es war so ruhig um ihn herum gewesen, dass selbst das entfernte Bellen eines Hundes ihn erschreckt hätte. Er drehte seinen Kopf, um nachzusehen, wer ihn da angesprochen hatte.
Das gab es doch gar nicht, dachte Nick, als er Jack vor sich stehen sah.

Er sah genauso aus wie am vorherigen Tag: Er trug die gleiche Kleidung, hatte den gleichen Ausdruck in den Augen und das gleiche Grinsen, das Nick in diesem Moment etwas unheimlich vorkam.

»Die habe ich liegen lassen«, sagte Jack ruhig und freundlich und hob die Zeitung neben Nick auf.
»Guten Morgen«, grüßte dieser.
»Du bist aber ziemlich früh wach«, erkannte Jack, und Nick merkte, dass er eine Unterhaltung beginnen wollte.
»Ja«, antworte er. Er hatte keine rechte Ahnung, was er sagen sollte.
»Was machen Sie denn so früh morgens hier?«
»Wieso so förmlich?«, erkundigte sich Jack.
»Was meinen Sie?«
»Du kannst mich ruhig duzen und bei meinem Vornamen nennen. Ich bin Jack!«

Nick blickte auf. Die Situation glich einem Déjà-vu.

Jack hatte gestern an genau der gleichen Stelle gestanden wie jetzt auch. »Okay«, antworte Nick.
 »Ich bin oft hier im Park«, sagte Jack. »Ich mag es, wenn es so ruhig ist und ich einfach entspannt hier sitzen kann, um die Zeitung zu lesen.«
 »Ja, das geht mir auch so«, erwiderte Nick. »Nun, natürlich lese ich nicht«, stammelte er weiter. »Ich höre Musik.«

Jack lachte und warf die Zeitung in den Mülleimer. »Weißt du, das ist vielleicht auch gut so. Darin steht sowieso immer nur das Gleiche, Probleme hier, Probleme da. Es gibt so viele Dramen auf der Welt.« Nick versuchte zu lächeln.
»Es ist gesünder, keine Zeitung zu lesen«, fuhr Jack fort. »Doch ab und zu findet man darin auch etwas Besonderes, besondere Menschen, besondere Situationen, besonderen Mut und besondere Liebe. Doch …«, Jack setzte sich neben Nick auf die Bank, »doch das ist mittlerweile selten geworden.«

Zum ersten Mal sah Nick, wie Jack so etwas wie traurig war.

Seine Augen wirkten noch sanfter als sonst, und Nick konnte sehen, wie sehr Jack berührt war.
»Wie kommt es, dass ich dich hier noch nie gesehen habe, wenn du doch so oft in den Park kommst?«, horchte Nick seinen Sitznachbarn aus. Obwohl Jack keinesfalls verdächtigt wirkte, war Nick doch immer noch nicht sicher, ob diese Begegnungen so zufällig waren. Man hätte leicht denken können, dass Jack ihn verfolgte, und gerade in diesem Moment schob sich ein solcher Gedanke in sein Bewusstsein. Irgendwie war das alles ein wenig unheimlich. Jack lächelte ihn wieder an.

»Nun, eigentlich treffe ich mich öfter mit einem Freund hier.«
»Bist du alleine?«, fragte Nick, und Jack wusste genau, was Nick damit wissen wollte.
»Nein, Nick, ich bin niemals alleine, auch wenn es manchmal vielleicht so scheint.« Nick zog seine Augenbrauen hoch. Er wollte doch nur wissen, ob Jack eine Familie hatte, denn das würde zumindest die Chance verringern, dass er ein Krimineller war.
Mit dieser Antwort aber konnte Nick nichts anfangen. Doch bevor er noch weiter nachhaken konnte, erzählte Jack schon weiter.

»Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich niemals alleine bin, weißt du?

Manchmal kam ich mir so einsam vor, obwohl meine Familie, meine Freunde und meine Kollegen um mich herum waren. Das kennst du bestimmt auch.« Nick kannte dieses Gefühl zwar nur zu gut, doch wieso Jack ihm davon erzählte, war ihm nicht klar.

Dieser Mann sprach mit Nick so, als würde er ihn schon seit langer Zeit kennen. Doch jetzt wusste Nick zumindest, dass Jack eine Familie hatte. Was machte er dann bloß im Park an einem Sonntagvormittag, an dem normale Familien am Frühstückstisch saßen, fragte sich Nick.

»Ich wünsche mir manchmal, ich hätte dies nicht so spät erkannt. Das hätte mir eine Menge trauriger Momente erspart «, sagte Jack.
Nick blickte auf den Boden vor der Bank und dachte nach.
»Wie ist das bei dir, Nick?«, fragte Jack erneut. »Hast du manchmal das Gefühl, alleine zu sein?«

Nick rutschte unruhig auf der Bank nach vorne und hielt sich gleichzeitig mit den Händen an der Bank fest.

Er fühlte sich sichtlich unwohl. »Du kennst das auch, hm?« Nick spürte, wie Jack ihn anblickte.
»Ja, das kennt wohl jeder«, antwortete Nick mit einem Kloß im Hals. Er räusperte sich kurz und hoffte, nicht weiter auf diese Frage antworten zu müssen. Auch Jack schien darüber nachzudenken, ob er weiterreden sollte, denn für ein paar Sekunden war es wieder still im Park.

Doch gerade als Nick sich wunderte, dass Jack nichts mehr sagte, sprach dieser weiter. »Nein, Nick, dieses Gefühl kennt nicht jeder. Dieses Gefühl kennen nur Menschen, die sich selbst suchen, und dies tut bisweilen nicht jeder.«
Wieder lachte Jack herzlich, doch auch dieses Mal lag in seinem Lachen nicht die geringste Spur von Bewertung.
Obwohl Nick kein Verlangen hatte, mit Jack eine Psychologiestunde zu führen, antwortete er. Was dieser Mann neben ihm sagte, hatte für Nick keine Logik.

»Wieso sollten Menschen, die sich selbst suchen, sich alleine fühlen?

Das verstehe ich nicht. Die Menschen fühlen sich alleine, weil sie alleine sind.«
 »Wenn du dich alleine fühlst und dann unter Menschen gehst, wenn deine Familie oder deine Freunde um dich herum sind, fühlst du dich dann nicht immer noch alleine und hast dieses flaue Gefühl in dir?«

Jack drehte seinen Kopf in Nicks Richtung und blickte ihn mit seinen blauen Augen an. Nick musste zugeben, dass Jack recht hatte. Er suchte das Alleinsein ganz gezielt, und er liebte es, seine Ruhe zu haben. Doch dies hielt er nur eine Zeit lang aus, dann spürte er in sich dieses Gefühl der Einsamkeit. Doch selbst wenn er dann bei seiner Familie oder Freunden war, änderte sich dieses Gefühl in ihm nicht. Es blieb bei ihm.

»Ja, du hast recht. Es ist tatsächlich so.«
Etwas verunsichert kratzte Nick mit seinen Schuhen Striche in den Kies unter der Bank. Jack lächelte wieder mit dieser unbeschreiblichen Sanftheit.
»Warum also, glaubst du, löst sich dieses Gefühl der Einsamkeit nicht auf?«
 »Ja, es kann schon sein, dass du recht hast. Aber ich verstehe es trotzdem nicht richtig. Wann hört das denn auf?«

»Meinst du die Sehnsucht nach dir selbst?«

Nick grinste einen kleinen Augenblick lang. Das klang schon wirklich verrückt, was Jack da sagte: Sehnsucht nach sich selbst.
»Ja, klar, wenn es so etwas gibt. Wann hört die Sehnsucht auf, wann hört das Gefühl auf, alleine zu sein, obwohl man gar nicht alleine ist?«
Jack streckte sich, seine Hände schienen dabei den Himmel berühren zu wollen.

»Dieses Gefühl hört auf, wenn du deinen Platz im Leben gefunden hast, und wenn du dich als so vollkommen siehst, wie du es wirklich bist. Wenn du dich nicht mehr infrage stellst, dich nicht mehr verurteilst.«
Wieder schwieg Jack einen Moment lang, um dann den neuen Satz mit noch mehr Ruhe zu beginnen. »Wenn du erkennst, dass du gut bist, so, wie du bist, und es nichts gibt, wofür du anders sein musst.«

Nick blickte zu Jack auf und sagte verwundert: »Ah, okay.«
So richtig verstand er jedoch nicht, wovon Jack gesprochen hatte. Wenn er schon ein solches Gespräch mit Jack anfing, und mit ihm zumindest ein klein wenig über seine Unzufriedenheit sprach, dann hätte er wenigstens gerne eine Lösung für sein Problem.

»Ich fühle mich oft so alleine. Eigentlich schon seit vielen Jahren. Als ich noch kleiner war, hatte ich immer meine Mutter, die bei mir war, doch seit vielen Jahren spiele ich in ihrem Leben keine Rolle mehr«, brach es aus Nick heraus.

Er schluckte und wunderte sich über das, was er gerade ausgesprochen hatte.

Es war einfach so aus seinem Mund herausgekommen. Doch bevor er sich deswegen weitere Gedanken machen konnte, sprach Jack schon weiter.
 »Das glaube ich kaum. Ich glaube, deine Mutter liebt dich genauso, wie sie dich geliebt hat, als du kleiner warst. Wie kommst du überhaupt auf solch eine Idee?« Nick zögerte wieder einen Moment. Doch es war zu spät, er hatte schon so viel gesagt, den Rest konnte er nun auch noch aussprechen.

»Ich erinnere mich oft daran, dass wir früher alles gemeinsam gemacht haben. Doch dann wurde sie mit Henry schwanger … und dann hörte es eben auf. Manchmal fühle ich mich richtig schlecht dabei. Ich will nicht neidisch auf meinen Bruder sein, ich will nicht egoistisch sein. Aber es hat sich dadurch einfach alles verändert.«

Nick sprang auf, und einen Moment lang schien es, als ob er das Weite suchen würde. Und tatsächlich dachte er auch kurz darüber nach. Was erzählte er denn diesem fremden Mann da? Schnell blickte er zum Ausgang des Parks. Er wusste nicht, ob er mit Jack weiterreden oder lieber das Gelände verlassen sollte.

Es schien wieder, als würde Jack ihm die Entscheidung abnehmen.

Als Jack wieder anfing zu sprechen, bückte Nick sich schnell, hob eine Coladose auf, die der Wind zur Bank geweht hat, und warf sie in den Mülleimer. Er hoffte, dass Jack seine Unruhe so nicht bemerken würde.
»Weißt du, Nick, dies ist der Lauf des Lebens. Wenn Menschenkinder erwachsen sind, werden sie dazu ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Nun, die Tiere machen das manchmal etwas lieblos, so scheint es uns Menschen zumindest. Aber so dreht sich das Rad eben. Es gibt viele Kinder auf dieser Welt, die wesentlich weniger Liebe erhalten haben als du.«

Etwas betrübt und beschämt blickte Nick auf den Boden. Nervös kratzte er sich am Daumen, ihm war nach Weinen zumute. Jacks Worte waren sehr direkt, doch er hatte recht. Nick hatte immer weiter von seiner Mutter genau die Liebe und die Aufmerksamkeit gefordert, die er in seiner Kindheit bekommen hatte. Dies war eben nicht mehr möglich, doch das hatte er nie verstanden. Eine Wut auf die Welt und auf sich selbst stieg in ihm empor.

»Möchtest du wissen, ob deine Mutter dich wirklich weniger liebt als früher? Möchtest du wissen, was deine Mutter wirklich über dich denkt?«, fragte Jack eilig, wohl bemerkend, dass Nick dieses Gespräch schon bald abbrechen könnte.

Nick griff nach seinem Rucksack und wippte nervös mit einem Fuß auf dem Boden hin und her.

Er wollte Jack keinesfalls verletzen und seine Wut an ihm auslassen, aber es ging diesen Mann einfach überhaupt nichts an, was für Probleme Nick hatte, oder eben auch nicht hatte.
»Jack, ich möchte mit dir nicht darüber reden. Es ist wohl besser, wenn ich jetzt nach Hause gehe.«
»Das ist in Ordnung, Nick«, antwortete Jack liebevoll. Ohne Jack noch eines Blickes zu würdigen, lief Nick davon.

Er hatte einfach keine Lust, sich die Schuld für diesen Stress mit seinen Eltern zu geben. Wenn man schon Kinder in die Welt setzte, sollte man sich eben auch um sie kümmern und sie nicht einfach fallen lassen, sobald das nächste unterwegs war. Nick hatte sich schon ein paar Meter entfernt, als er Jack noch rufen hörte:
»Wenn du es wissen willst, dann weißt du, wo du mich findest!«

Im Laufen erhob Nick seine Hand, um dankend abzuwinken, dann lief er weiter in Richtung Ausgang des Parks. Dieser Jack, wer immer er auch war, beleidigte Nick. Es war das erste Mal, dass Nick darüber gesprochen hatte, wie traurig er sich fühlte, und Jack hatte nichts Besseres zu tun, als Nick die Schuld dafür zu geben. Das hatte man davon, wenn man seine Gefühle zeigte.

»Es interessiert niemanden einen Dreck, wie ich mich fühle«, murmelte er in sich hinein.

Dieses „Du-bist-selbst-daran- Schuld-Gelaber“ kannte Nick nur zu gut von seinem Vater. Einen zweiten Vater konnte er definitiv nicht ertragen. »Das braucht kein Mensch!«, rief Nick wütend und lief schnell über die Straße, einfach nur schnell weg von dem Park.
Doch er hatte genauso wenig Lust, nach Hause zu gehen. Er hatte einfach nur in dem Park seine Ruhe haben wollen, doch stattdessen war dieser verrückte Jack wieder aufgetaucht und hatte ihm den Tag versaut. Und der Tag hatte gerade erst begonnen.

Nick versuchte, sich zu kontrollieren, denn ihm war wirklich nach Weinen zumute. Er hatte so ein gutes, verbundenes Gefühl mit Jack gehabt. Es war das erste Mal in Nicks Leben gewesen, dass er sich jemandem geöffnet hatte und bereit gewesen war, seine innere Welt zu offenbaren.

»Ach, der ist wie alle anderen auch«, beruhigte Nick sich selbst und versuchte so, die Enttäuschung aus seinem Kopf zu verbannen. Doch es gelang ihm nicht wirklich. Er lief mindestens noch eine halbe Stunde lang ziellos umher. Zwar fand er auf den Straßen immer wieder eine Bank, auf die er sich hätte setzen können, doch seine Ruhe hätte er wegen der Passanten nicht gehabt. Wohl oder übel musste er doch nach Hause gehen. Den Blick auf die Straße gerichtet, lief Nick zurück. Er hatte keine Lust, irgendjemanden anzusehen oder von jemandem angesprochen zu werden.

»Diese Scheißstadt …«, murmelte er. Er schaute auf sein Handy. Es war mittlerweile 10.34 Uhr, und es würde nicht mehr lange dauern, bis seine Familie wieder nach Hause käme.
Der Gedanke, Steve zu besuchen, stieg in Nick empor, schließlich war Steve ein Rebell und eine gute Anlaufstation, wenn Nick Frust ablassen wollte. Doch was sollte er ihm sagen? Dass er sich mit einem alten Kerl auf einer Parkbank traf und ihm von seiner Kindheit erzählte?

Wütend über sich selbst trat Nick mit dem rechten Fuß gegen den Bordstein, als er gerade eine Straße überquert hatte. Zu Hause angekommen, ließ er sich auf die Couch fallen und legte ein Kissen auf sein Gesicht, ganz so, als ob er nicht mehr willig wäre, sein Umfeld zu sehen.

Nach wenigen Minuten stand er auf und ging in sein Zimmer hinauf.

Er begann eilig, den Raum in Ordnung zu bringen, zumindest gemäß seiner Vorstellung von Ordnung. Auf dem Schreibtisch stapelten sich noch immer Blätter und Gläser, und nach wie vor lag seine Kleidung auf dem Boden verteilt. Er brachte den Großteil der herumliegenden Sachen an ihren Platz, faltete die Kleidungsstücke vom Boden wieder zusammen und legte sie in den Schrank.

Es schien, als könnte er sich etwas von selbst wieder beruhigen, und es war sicher keine schlechte Idee, die Unordnung zu beseitigen, bevor seine Eltern wieder zurückkamen. Auch unten im Wohnzimmer und in der Küche beseitigte er seine Spuren.
Nick war noch immer innerlich unruhig und verletzt, doch er hatte keine Lust, so seinen Eltern zu begegnen. Das würde nur zu noch mehr Ärger führen. Irgendwie war er auch froh, dass der Rest seiner Familie wiederkam.

Es war einfach ungewohnt für ihn, alleine zu Hause zu sein. Obwohl er alle paar Tage Streit mit seinen Eltern hatte und er oft am liebsten abgehauen wäre, füllten sie dennoch einen Teil der Leere in ihm. Einen kurzen Moment lang sehnte Nick sich danach, dass das Haus endlich wieder voll war. Er drehte sich um und blickte auf die Uhr, die über dem Treppenaufgang hing. Es war bereits kurz nach 12 Uhr, und seine Familie musste jeden Augenblick eintreffen.

Nick schielte durch das Küchenfenster auf die Einfahrt und den kleinen Vorgarten des Hauses, und schließlich hörte er, wie eine Autotür zuschlug. Sie waren also angekommen.
»Ach, Schatz, du weißt doch, wie sie ist«, hörte Nick seine Mutter noch, bevor die Tür sich öffnete. Nick wusste nicht, wie seine Eltern auf ihn reagieren würden. Vielleicht waren sie noch wütend, weil er nicht ans Telefon gegangen war und sie deswegen früher nach Hause kommen mussten. Doch dem war nicht so. Seine Mutter gab ihm vorsichtig einen Kuss auf die Wange und führte die Unterhaltung mit ihrem Mann fort.
»Wenn wir das machen würden, gäbe es einen Riesenärger. Aber bei ihr ist das egal …«

Nick verstand überhaupt nicht, worum es ging, und setzte sich schweigend an den Tisch.

Sein Vater lächelte ihn kurz an und blickte dann etwas verwirrt um sich. Dann lief er zurück zur Tür, streckte seinen Kopf hinaus und rief:
»Henry, jetzt komm doch bitte rein. Das Gepäck können wir auch später noch holen.«

Ein paar Sekunden später kam Nicks Bruder Henry mit Schmollmund und vor der Brust verschränkten Armen ins Haus.
Als er Nick sah, änderte sich seine Stimmung sofort, und er rannte eilig zu seinem Bruder, um ihn zu umarmen. Nick erwiderte die Umarmung nicht wirklich, doch er unterbrach seinen Bruder auch nicht, sondern wartete, bis dieser seinen Gefühlsausbruch beendet hatte.

Ein »Hey, Henry« war dann auch alles, was er hervorbrachte. Zwischenzeitlich waren seine Eltern fertig mit ihrer Diskussion und schauten Nick an.
»Und?«, fragte Nick vorsichtig. »Wie wars bei Oma?«
Seine Mutter winkte ab. »Tante Megan war auch da, es war also eine weise Entscheidung von dir hierzubleiben.«
Nick grinste vorsichtig.

»Du weißt ja, wie sie ist. Sie kann nicht damit aufhören, sich in den Vordergrund zu drängen und immer alles besser zu wissen«
»Ich habe jetzt aber Hunger«, wechselte Nicks Vater das Thema. »Lust auf Pizza?«
»Pizza! Pizza!«, rief Henry laut und trommelte dabei mit den Händen auf den Tisch.
Nick beobachtete die Situation und atmete innerlich auf. Es tat ihm gut, dass sie wieder vollständig waren, und er nahm sich vor, in den nächsten Tagen rücksichtsvoller zu sein.

Weiter geht es am  Sonntag den 14. April 2019


Den Roman
In deiner Welt
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von Georg Huber
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07.04.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
www.jeomra.de

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