spirituelle Geschichten

In deiner Welt – Kapitel 5

georg-huber-in-deiner-welt-romanKapitel 5 – In deiner Welt

Die Kapitel 1 bis 4 findest Du >>> HIER.
Es waren viele Stunden vergangen, und es wurde schon langsam wieder Abend. Nick saß gerade mit seinem Bruder auf dem Boden und spielte Karten. Seine Mutter kochte, wie üblich pfeifend, in der Küche, und Nicks Vater las die Zeitung.

Alle paar Minuten legte er sie auf den Tisch und schimpfte über die Politik oder erzählte von dem neusten Klatsch. Nick hatte die letzten Stunden peinlich darauf geachtet, jeglicher Diskussion aus dem Weg zu gehen, immer das Richtige zu sagen und seinen Eltern höflich zu begegnen.

Vielleicht hatte Jack ja recht und Nick dramatisierte alles viel zu sehr.

Darüber nachzudenken, dass es so sein könnte, schmerzte ihn, doch gleichzeitig war der Wunsch in ihm groß, harmonisch mit seiner Familie zusammenzuleben. Er musste einfach einen Weg finden, mit seinen Eltern klarzukommen und neu anzufangen. Innerlich nickte er, denn er wusste, dass es an der Zeit war.
»Machst du weiter?«, unterbrach Henry seine Gedanken.

»Äh, ja, sorry«, murmelte Nick und wunderte sich, wie tief er wieder in seinen Gedanken versunken gewesen war. Das Telefon läutete, und mit dem Klingeln wurde auch der Frieden des Abends wieder unterbrochen. Nicks Vater stand auf und nahm den Hörer ab.
»Hi, Bob«, sagte er, und Nick stieg die Röte ins Gesicht, als er den Namen hörte. Von Bob wollte er im Moment überhaupt nichts wissen.
»Hm, ja … okay. Und wie lange?«

Wieder schwieg Nicks Vater für einen Moment.

»Ach, es ist einfach zum Kotzen! Das müsste alles gar nicht sein!«
Nick lauschte mit einem Ohr seinem Vater. Gleichzeitig spürte er eine starke Unruhe in sich. Das nagende Gefühl, das schwarze Schaf der Familie zu sein, war wieder da. Es schien, als würde er alles falsch machen.
»Ich weiß. Danke, dass du das alles so regeln konntest«, sagte Robert noch leise und legte auf.
»Was ist los?«, fragte Nicks Mutter neugierig. Nicks Vater antworte seiner Frau nicht direkt, sondern blickte sofort zu Nick, der ganz genau wusste, worum es ging.
»Fünfzig Stunden, Nick! Fünfzig Sozialstunden!«
Nick hatte keine Ahnung, was das bedeutete, doch er merkte sofort, dass sein Vater jetzt irgendeine Reaktion von ihm erwartete.
»Ist das viel?«, fragte er und ärgerte sich im nächsten Augenblick über seine dumme Frage.

Er wollte doch versuchen, die Harmonie aufrechtzuhalten.

»Viel, viel, natürlich ist das viel, Nick!«, antwortete der Vater in einem immer noch humanen Ton, aber dennoch merklich wütend.
»Jede Stunde ist zu viel! Ich verstehe einfach nicht, was du dir dabei gedacht hast!«

Für einen Moment war Nick ruhig. Vielleicht wäre es das Beste, einfach nicht auf das, was sein Vater sagte, einzugehen. Doch da war dieser Blick, den er schon kannte, dieser Blick seines Vaters, der Nick zu verstehen gab, dass er einfach nichts wert war. Nick stand auf und schmiss mit voller Wucht seine Karten auf den Boden.

»Wieso? Wieso?«, schrie Nick und starrte verwirrt und traurig auf den Boden. Er kämpfte mit den Tränen. Sein Vater verschränkte die Arme und lehnte sich an die Küchenanrichte.
»Ja, das frage ich mich auch. Wieso, Nick? Aber gut, dass du dich das auch fragst …«
»Ach … Wieso muss dein toller Freund Bob gerade jetzt anrufen?«

»Bob? Was hat denn das mit Bob zu tun?«, erhob jetzt auch Nicks Vater die Stimme und fuchtelte wild mit den Armen in der Luft.
»Du hast den Mist gemacht!. Bob hat damit gar nichts zu tun! Du kannst doch noch froh sein, dass …« Er schüttelte den Kopf und winkte ab. »Warum erkläre ich dir das überhaupt? Du interessierst dich doch sowieso nur für deinen eigenen Mist!«
Robert verließ das Wohnzimmer, ging die Treppe hinauf und verschwand im Badezimmer.

»Ihr könnt mich alle mal«, flüsterte Nick und schnappte sich seinen Rucksack, der hinter der Couch lag.

Zu guter Letzt fing Henry an zu weinen, und als Nick aus der Haustür trat, um das Weite zu suchen, waren all seine guten Vorsätze verschwunden. Er konnte es seinen Eltern einfach nicht recht machen. Es hatte nicht die geringste Chance. Er ging zwar wütend, aber dennoch einigermaßen langsam durch den Vorgarten. Es regnete.

Normalerweise lief seine Mutter ihm in solchen Situationen hinterher und bat ihn, wieder hereinzukommen. Doch dieses Mal blieb die Haustür zu, denn selbst seine Mutter schien genug von ihm zu haben. Frustriert über den Verlauf des Abends, zog er die Kapuze seines Pullovers über den Kopf und überquerte die vom Regen nasse Straße. Es gab nur einen Ort, an dem er um diese Uhrzeit seine Ruhe haben konnte: den Stadtpark.

Als Nick dort ankam, füllte sich der Brunnen in der Mitte des Parks langsam mit Regenwasser. Die ausgetrocknete Erde konnte das viele Nass nicht aufnehmen. Überall im Park bildete sich Schlamm, und der Kies knirschte unter Nicks Füßen. Obwohl es warm war, ging er die Gefahr ein, sich zu erkälten. Doch das war ihm in diesem Moment egal.

Ich habe wieder alles falsch gemacht, dachte er und erinnerte sich an die letzte Stunde.

Es war alles so gut gelaufen. Schon lange hatte er sich bei seiner Familie nicht mehr so wohlgefühlt. Und dennoch hielt dieses gute Gefühl nur wenige Stunden an. Und alles hatte wegen dieser bescheuerten Scheibe geendet, bei deren unfreiwilliger Zerstörung er noch nicht einmal Spaß oder irgendetwas anderes empfunden hatte, was den späteren Ärger zumindest etwas ausgeglichen hätte.

Enttäuscht setzte Nick sich auf die Parkbank und kämpfte mit den Tränen. Es war einfach alles so ungerecht, und am meisten enttäuschte es ihn, dass seine Eltern ihm nicht einmal zugehört hatten. Sie hatten ihm einfach nicht geglaubt, als er ihnen gesagt hatte, dass das mit der Scheibe ein Unfall gewesen war.

Nach einer Weile merkte Nick plötzlich, dass der Regen aufgehört hatte. Doch im Brunnen sah er immer noch die Kreise, die durch das Auftreffen von Regentropfen auf die Wasseroberfläche entstanden. Verstört blickte Nick nach oben und sah einen Regenschirm über seinem Kopf.

Die braun gebrannte Hand, die den Schirm hielt, versteckte sich teilweise in einer hellen Jacke, und Nick wusste sofort, wem sie gehörte. Er sprang von der Bank auf und wollte weglaufen, doch er konnte nicht. Er sah, wie Jack völlig durchnässt hinter der Bank stand und lächelte.

Als er Jack so sah, vergaß er für einen Moment sein eigenes Drama.

»Was …? Wieso …?« Nick drehte sich schnell um und suchte nach den richtigen Worten. »Jack, was machst du hier?«
»Nun, was machst du denn hier?« Nick wusste, dass er so nicht weiterkommen würde. Das Wasser tröpfelte weiterhin vom Himmel, und Jack hielt den Regenschirm über die Bank, als ob er Nick vor der Nässe bewahren wollte.

Mit einer kleinen Handbewegung machte Nick Jack darauf aufmerksam, dass er den Regenschirm ruhig selbst benutzen dürfte.
»Oh, ja«, bemerkte Jack und hielt den Regenschirm schließlich über seinen eigenen Kopf. »Nick, es tut mir leid, dass ich vorhin so unsanft zu dir war. Aber wir haben im Moment keine Zeit.«
Nick schüttelte verdutzt den Kopf. »Jack, wovon redest du? Und wieso tauchst du immer dann auf, wenn ich hier bin? Langsam kommt mir das unheimlich vor.«

Er trat einen Schritt zurück und blickte um den Busch hinter der Bank. Womöglich war Jack obdachlos und hatte es sich hier irgendwo im Park gemütlich gemacht. Nick schaute Jack wieder an. Nein, ein Obdachloser konnte er nicht sein. Selbst im Regen machte Jack diesen klaren und sanften Eindruck. Wie könnte jemand wie er kein Dach über dem Kopf haben? Jack, der immer noch hinter der Bank im Regen stand, sprach weiter:

»Nick, ich verstehe alle deine Fragen, das darfst du mir glauben, aber sie führen zu nichts.

Viel wichtiger als deine Fragen sind deine Antworten, denn diese bestimmen dein Leben. Es sind nicht die Fragen über das Leben, sondern die Antworten, die du dem Leben gibst.« »Oh, Jack«, seufzte Nick und setzte sich schließlich wieder auf die Bank. Was sollte er in dieser Situation auch anderes tun? Er war frustriert, es war mittlerweile dunkel, und es regnete. Doch immerhin ließ der Regen schließlich nach, und Jack klappte den Schirm zu und setzte sich neben seinen jungen Freund auf die nasse Bank. Er schaute Nick durchdringend an und sprach weiter.

»Du musst mir vertrauen, Nick. Du wirst schon noch alles verstehen. Aber im Moment sollte dir das Wissen reichen, dass unsere Zeit kostbar ist …«
»Aber …«, Nick wusste ausnahmsweise einmal nicht mehr, was er denken sollte. Jack faltete seine Hände und legte sie auf seinen Schoß.
»Die Frage, die im Jetzt wichtig ist, lautet: Bist du glücklich? «
Nick lachte künstlich.
»Soll das ein Witz sein? Kein Mensch ist glücklich!«

»Ich verstehe, dass du heute etwas frustriert und wütend bist, aber ich mache keine Witze, Nick. Außerdem war die Frage nicht, ob andere Menschen glücklich sind, sondern ob du glücklich bist.«
Nick ließ sich auf das Spiel ein. Noch hatte es einen gewissen Unterhaltungswert und ging ihm nicht zu nahe. »Nein, Jack, ich bin nicht glücklich.« Als er das aussprach, spürte er einen dicken Kloß im Hals.
»Und wieso nicht?«
»Keine Ahnung, Jack. Muss ich das denn wirklich alles wissen?«, antwortete Nick betrübt.

Ein Mann lief mit seinem Hund durch den Park, obwohl er sicherlich wusste, dass der Aufenthalt von Hunden dort nicht erwünscht war. Für einen Moment schwiegen die beiden und warteten, bis der Mann, der sich scheinbar ertappt fühlte und schneller ging, nicht mehr in ihrer Nähe war.

»Aber, Nick, du denkst doch den ganzen Tag über dein Unglück nach.

Weißt du denn immer noch nicht, was der Grund für dafür ist?«
 »Ach!«, rief Nick überrascht. »Woher willst du denn wissen, was ich denke?«
»Das ist doch offensichtlich! Schau dich an. Schau, wie du deinen Tag verbringst, wie du dich anziehst, wie du hier auf der Bank sitzt, die Menschen um dich herum beobachtest und deine schreckliche Musik hörst. Mal nebenbei, mit dieser Art von Musik wäre ich auch unglücklich«, lachte er. Nick schmunzelte.

»Was schlägst du denn vor? Bach? Mozart? «, warf er zurück. Jack nickte wild und warf die Arme triumphierend nach oben.
»Ja, genau, probiere es doch mal damit. Das wäre auf jeden Fall entspannender als der Kram, den du hörst!«

Zwei Minuten lang lachte Jack einfach, und Nick konnte es sich nicht verkneifen, ebenfalls zu lächeln. Dann legte Jack unerwartet eine Hand auf Nicks Schulter. Dieser hatte mittlerweile die Ellenbogen auf die Knie gestützt und saß nach vorne gebeugt da. Die Welt um ihn herum schien so sinnlos zu sein.

»Nick, glaube mir, du bist nicht hier, um zu leiden oder unglücklich zu sein.

Das Leben ist auch nicht ungerecht zu dir, und auch deine Eltern sind es nicht.«
Nick blickte zu Boden. Er spürte, dass der Zeitpunkt gekommen war, seine Sicht über die Dinge zu ändern.

 »Ich kann dir helfen, diese Sehnsucht in dir zu stillen, und ich kann dir dabei helfen, wieder glücklich zu sein. Ich … ich kann nicht zaubern, du musst den Weg schon selbst gehen, doch ich bin, wenn du das möchtest, an deiner Seite und begleite dich.«

Vorsichtig beobachtete Jack Nicks Reaktion.
Dieser blickte noch immer auf den Boden und stützte die Arme auf den Knien ab. Irgendwie forderte Jacks Anwesenheit Ehrlichkeit von ihm. Auf eine komische Art und Weise fühlte er sich sicher und aufgehoben.

»Wieso willst du mir helfen, Jack? Und woher willst du wissen, dass du das kannst?«
Jack sprang von der Bank auf und stemmte die Hände in die Hüften. Gespielt aufgebracht rief er: »Na, hör mal! Zweifelst du etwa an meiner Lebenserfahrung?«

Nick lächelte. Nein, das tat er nicht. Jack entspannte seine Arme wieder und blickte Nick ganz weich in die Augen. Dabei zog er ebenso sanft seine Mundwinkel nach oben.

»Okay, du hast zwar meine Fragen nicht beantwortet …«
»Ja, das habe ich clever umgangen, oder?«, kicherte Jack frech.
»Aber … ja,« Nick bekräftigte nickend seine Antwort, »ja, ich lasse mich darauf ein.«
»Das ist wunderbar, Nick, glaube mir, und ich bin mir sicher, du spürst es genauso: Die Zeit ist jetzt gekommen.«
Jack reichte Nick die Hand, und dieser nahm sie.

»Lass uns gehen«, sagte Jack und zog Nick mit sich.

Zwar hatte Nick keine Ahnung, wohin Jack gehen wollte, doch bereitwillig ließ er sich aufhelfen und ging mit. Ein paar Meter spazierten sie zusammen den nassen Kiesweg entlang.
»Wo geht’s hin?«

»Wo es hingeht, fragst du mich?«, entgegnete Jack wieder mit einem Grinsen.
»Hast du mal auf die Uhr geschaut? Wir gehen nirgendwo hin. Ich begleite dich durch den Park zum Ausgang, und dann gehst du ins Bett!«

»Ach, so läuft das hier«, schmunzelte Nick. Schweigend und dennoch von einer Magie umgeben, die ein Sprechen unnötig machte, erreichten sie den Ausgang. Nick warf einen Blick über die Straßen. Die Stadt wirkte leer. Genau in dem Moment, in dem Nick über die Straßen blickte, sprangen die Laternen an und beleuchteten den Weg. Man konnte den Wasserdampf unter ihrem Licht ganz deutlich aufsteigen sehen.

»Nick!« Jack blickte Nick an. »Ich bin froh, dass du heute in den Park gekommen bist.«
Nick lächelte etwas verlegen und suchte nach den passenden Worten. Doch er fand keine. Was sollte er auch sagen? Er war eigentlich schlecht drauf, und der Park war schließlich sein Rückzugsort. Eigentlich wollte Nick Jack danken, doch das sprach er nicht aus. Er konnte es noch nicht, denn noch ergab das alles keinen Sinn für ihn.

»Ich würde mich freuen, wenn du morgen wieder in den Park kämst. Ich möchte dir etwas zeigen.« Nick stimmte zu.
»Und wann soll ich kommen?«
»Wann immer du möchtest!«, erwiderte Jack schnell.

»Soll ich dich anrufen, wenn ich losgehe?«, fragte Nick vorsichtig.

»Nein, Nick, das brauchst du nicht. Ich werde da sein, wenn du kommst.«
Nick zog seine Augenbrauen etwas hoch. Doch so absurd dies alles klang, er wusste, dass Jack wirklich da sein würde.
»Okay, Jack, wie auch immer das geht, ich komme einfach und du bist da. Richtig?« Jack nickte lächelnd.
»Ich wünsche dir eine gute Nacht. Bis morgen!«

Nick ging mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen nach Hause.

Eigentlich war er voller Zorn und Frust in den Park gegangen, und bewusst etwas daran geändert hatte er auch nicht. Er hatte lediglich ein paar Worte mit Jack gewechselt, und dennoch hatte dies seinen Abend völlig verändert. In der Regel würde sich Nick jetzt schämen oder ärgern, weil er am Morgen einfach aufgesprungen und gegangen war, doch selbst zu solchen Emotionen war er in dem Moment nicht fähig.

In Jacks Nähe schien alles so einfach zu gehen. Jacks friedliche Ausstrahlung färbte irgendwie ab. »Schon merkwürdig«, dachte Nick. Irgendetwas in ihm hatte sich gewandelt, das spürte er sofort. Und mit diesem Gefühl schlief er schließlich auch ein.

Weiter geht es am Sonntag den 21. April 2019


Den Roman
In deiner Welt
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14.04.2019
Alles Liebe für euch!
Euer Georg 
Weitere Informationen zu Georg Huber findest du unter 
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