Mensch-Sein

VERANTWORTUNG heißt: Dem Leben antworten – Part III

Dem Leben antworten ~ Part III sepia_Augen

Verantwortung und Gewissen

Konstitutiv für den Begriff der Ver.ant.wortung ist, WOVOR jemand eine Handlung ver.ant.worten muss.

Da kommen eine ganze Reihe von „Instanzen“ in Frage, von denen ich nur einige wenige aufzählen möchte: etwa der Partner oder Arbeitgeber, Kollegen oder Standesorganisationen, die Gesellschaft oder die öffentliche Meinung, Verwandte oder Freunde, Gott oder ein höheres Wesen, die Institution Kirche mit ihrem Normenkodex, die Idee der Menschheit oder das Recht als System, last but not least das

PERSÖNLICHE GEWISSEN

als das subjektive Bewusst.sein von Gut und Böse,

als das Wissen um den sittlichen Wert des eigenen Tuns und Verhaltens und Unterlassens,

als das uns angeborene allgemeine Wert.bewusstsein, kurz: das Gewissen

als jene psychische Instanz, in der die handlungs.leitenden Werte eines Menschen verankert sind, sein klares Wissen um Werte und Normen.

Ver.ant.wortung entsteht durch eine konstruktive Gewissens.bildung.

Wenn Gewissen den sittlichen Urgrund eines Menschen bildet, dann schafft früh ansetzende Gewissens.bildung im Kind ein ethisches Bewusstsein, das ihm später Auskunft über die eigenen Motive und Tat.ziele gibt. Diese Fähigkeit zur Selbst.reflexion auf dem Fundament des Gewissens zeichnet die mensch.liche Persönlichkeit schlechthin aus und verleiht ihr eine einzig.artige Würde.

Wichtiges ethisches Anliegen der Gewissens.bildung ist es, den heranwachsenden jungen Menschen in eine sittlich geordnete Lebens.beziehung einzuführen, was jedoch nur gelingt, wenn die Normen – also die sittlichen Bausteine des Gewissens – nicht nur sinn. und ordnungs.stiftend vermittelt werden, sondern wenn Gewissens.bildung konstruktiv erfolgt, d.h. wenn das Heranführen an Normen und sittliche Werte relativ frei von Ängsten geblieben ist.

Im Klartext:

Die Gewissens.bildung im Kind ist konstruktiv dann verlaufen, wenn es erlebt hat, dass das Beachten von Regeln sinn.voll und notwendig für das eigene und für das Wohl anderer Menschen geworden ist. Wird jedoch jeder Verstoß gegen Normen immer wieder mit körperlicher oder seelischer Züchtigung geahndet, wuchert ein belastetes und verkümmertes Gewissen heran, das die Einhaltung einer Norm höher einstuft als das zwischen.menschliche Wohlergehen.

Diese Kümmer.form des Gewissens mag zum Freudsche ÜBER.ICH entarten als der Verinnerlichung äußerer Autoritäten bzw. der mehr oder minder un.kritischen Übernahme systemischer Normen aus Elternhaus, Schule, Staat, Gesellschaft oder Kirche. Solche Menschen sind stets von Identifikations.beziehungen abhängig, sie sind fremd.gesteuert und wagen keine selbständigen Ent.scheidungen, schon gar nicht solche, die sie in Widerspruch zu den Bezugs.personen oder Bezugs.systemen bringen könnten.

In Veranstaltungen zur Führungs.ethik in Industrie und Wirtschaft geißele ich ein solches Gewissen als funktionales, als ideologisiertes, als Funktionärs.gewissen, das eine Person dazu bringt, un.kritisch und ohne ver.ant.wortete Prüfung einfachhin System.interessen zu exekutieren, d.h. die an sittlichen Werten orientierte Ver.ant.wortung zugunsten der Unterordnung unter eine politische, kirchliche oder ökonomische Instanz zum Schweigen zu bringen.

Das sind System.agenten als reine Interessen.vollzieher, die die Normen und Werte eines Systems als ihrer Über.Ich.Kollektiv.person und un.bestrittenen Autorität total internalisiert haben und in ihrer Fremd.orientierung kaum bemerken, dass sie ein Leben aus zweiter Hand führen.

Im Namen eines solchen „Gewissens“ wurden in der Menschheits.geschichte die brutalsten und verabscheuungs.würdigsten Untaten begangen, von den Kreuzzügen und der Inquisition über die Ketzer. und Hexen.verbrennungen bis zu dem Kriegsgemetzel in unseren Tagen.

Ver.ant.wortungsvoll zu denken und zu handeln, ist ein heraus.ragendes Merkmal persönlicher Moralität. Die konstruktive Gewissens.bildung hat hierzu das Fundament gelegt – und das heißt:

Nur wer sich mit sittlichen Prinzipien wahr.haft identifiziert, empfindet auch das Phänomen Ver.antwortung als einen lebens.nahen Ausdruck seiner Dialog.fähigkeit mit dem Leben. Ohne Identifikation ist keine Ver.ant.wortung möglich. Wer aber keine Ver.ant.wortung übernimmt, kann auch nicht sittlich reifen, denn Ver.ant.wortung fordert eine Rechenschaft ein, in der sich der Mensch vor seinem Gewissen selbst begegnet. Dieser Konfrontation weicht der Ver.antwortungs.scheue aus, aber wer vor der Ver.ant.wortung flieht, bleibt dem Leben gegenüber – vor allem auch gegenüber seinem eigenen – weitgehend stumm.

Noch etwas ist wichtig:

Personales Gewissen ist nichts Vor.gegebenes und Fertiges, sondern etwas Auf.gegebenes, d.h. personales Gewissen „IST“ nicht, sondern es „WIRD“ und fordert stets neu ein ganzes Leben lang eine Orientierung an sittlichen Werten und Normen ein.

Solches Gewissen als innerer Seismo.graph für sittlich Wertiges bedarf ständiger Entwicklung und sorgfältig.liebevoller Pflege. Es macht uns fähig, stets den Anforderungen des Lebens zu ant.worten, in Resonanz zu unserer Situations.welt zu bleiben und unser Tun und Lassen und Ent.scheiden stets zu ver.ant.worten.

(c) Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern 

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