Der Mensch als Agent des Göttlichen

AMORC-Jacob

AMORC-JacobDer Mensch als Agent des Göttlichen

Die äußere Gottesverehrung hätte sich nie von der inneren trennen sollen, allein da die Schwäche des Menschen den Geist so gern in dem Buchstaben vergisst, so erweckte der Geist Gottes unter allen Nationen die Lichtfähigsten und gebrauchte sich derer als seiner Agenten, die Wahrheit und das Licht nach der Empfänglichkeit des Menschen überall anzufachen, um den toten Buchstaben mit Geist und Wahrheit zu beleben.
Karl von Eckartshausen │ Die Wolke über dem Heiligtum

Auf dem mystischen Weg gilt es, sich zu einem Streiter für das Licht und für das Gute zu entwickeln. Dass der Mensch mehr und mehr zu einem solchen Agenten des Göttlichen werde, davon sprechen viele Mystiker und Philosophen, die dem Weg im Zeichen des Rosenkreuzes nahestehen. Von Paracelsus, Jakob Böhme oder Louis-Claude de Saint-Martin wird immer wieder hervorgehoben, dass diese Aufgabe die eigentliche Bestimmung des Menschen sei. Durch alle seine Erfahrungen und Prüfungen würde er sich auf dieses Amt unausweichlich hin entfalten. Doch was hat es mit dem hohen Ideal, das hinter dem Begriff des Agenten des Göttlichen steht, für eine Bewandtnis und wie erreichen wir eine Annäherung an dieses Ideal?

Der Mensch als Agent des Göttlichen – Die Verwirklichung des höchsten Ideals

Der Begriff Agent ist vom lateinischen Verb agere abgeleitet, was treiben, handeln oder tun, aber auch behandeln und führen bedeuten kann. Ein Agent ist demnach ein Agierender, ein Aktiver, einer, der tätig ist, der handelt. Das lateinische Verb agere selbst stammt von der indogermanischen Wurzel agr ab, was soviel wie Ackerboden, Feld oder zu bebauende Fläche bedeutet. Der Zusammenhang, welcher sich hier auf der Ebene der Sprache offenbart, zeigt die enge Verbindung, die für uns Menschen zwischen dem Erdboden der materiellen Welt und unserem Tätigsein in ihr besteht. Die Erde, der Ackerboden, das Materielle ist demnach für den Menschen als Agent die Ebene der Tat. Im weiteren Verständnis des Wortes stellt ein Agent eine treibende Kraft dar, welche mit einer Bestimmung handelt und die Ideen, Aufträge und Weisungen einer übergeordneten Instanz umsetzt. Denken wir nur an den Versicherungs-, Handels- oder Geheimagenten… Der Agent verwirklicht die Willensimpulse jener Instanz oder jener Macht, der er sich zu Treue und Loyalität verpflichtet hat.

Hier klingt eine erste Verbindung zwischen dem Agenten und dem Ritter an, dessen Idealbild auf dem mystischen Pfad eine zentrale Rolle spielt. Der Ritter dient seinem König, indem er umsetzt, was dieser ihm gebietet. Und der König steht für das höchste Ideal, welches das Handeln des Ritters bestimmt, welches er verteidigt und wofür er Opfer zu bringen und sich zu verändern bereit ist. Der Ritter des Königs steht in der mystischen Tradition tatsächlich synonym für jenen Menschen, der sich zu einem Agenten des Göttlichen entwickelt hat. Ein solcher Mensch ist bereit und fähig, sich der Führung des Gottes seines Herzens anzuvertrauen und die Impulse, die ihm aus diesem Treuebund – aus dieser Liebesbeziehung – zuströmen, in die Tat umzusetzen.

James Bond │ verborgene Mission und hoher Auftrag

Betrachten wir nun unsere Mission, ein Agent des Göttlichen oder ein Ritter des Königs zu werden, anhand des modernen Protagonisten James Bond, Agent im Geheimdienst Ihrer Majestät. Dieser vom britischen Autor Ian Fleming geschaffene Mythos steckt voller überraschender Symbolik und Analogien, die uns einen Zugang zum Thema ermöglichen. James Bond ist vielen von uns durch die zahlreichen Filme um seine Abenteuer sehr vertraut, und wir hegen vielleicht ein gewisses Maß an Sympathie für seine Persönlichkeit, die bei aller Kaltblütigkeit und allem Machotum durchaus ein erheiterndes Maß an Selbstironie zu bieten hat – vor allem dann, wenn Roger Moore die Rolle des James Bond verkörpert. An dieser Figur und ihren zunächst wenig offensichtlichen symbolischen Aspekten können wir erkennen, dass alles, was uns in unserem Leben begegnet, immer eine verborgene Seite in sich trägt, die zu entdecken uns von der Sinnhaftigkeit des Seins überzeugen kann. Wir müssen nur lernen, die Schlüssel anzuwenden, die uns auf unserem mystischen Pfad für ein solches Hinschauen geschenkt werden.

Betrachten wir zunächst den Namen unseres Helden James Bond. Er enthält interessante Hinweise auf das Wesen eines wahren Agenten im – geheimen – Dienst des Göttlichen. James ist eine englische Form des hebräischen Namens Jakov oder Jakob. Durch Jakob, neben Abraham und Isaak der dritte Erzvater Israels, kam Israel überhaupt erst zu seinem Namen. In der Genesis, dem ersten Buch Mose, wird davon berichtet, wie Jakob als Auszeichnung für seinen bestandenen nächtlichen Kampf mit seinem Gott bzw. seinem Gottesbild den Namen Israel erhält, was Mann oder Streiter Gottes bedeutet.

Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. (Gen 32,25ff)

Was kann uns diese Erzählung in Bezug auf das Wesen eines Agenten des Göttlichen, eines Ritters des höchsten Königs enthüllen?

Ein Streiter Gottes kennt das Alleinsein, er weiß, wie es sich anfühlt, auf der jenseitigen Seite des Flusses zu stehen, zu spüren, dass alles, was er besitzt, auf die andere Seite gehört, und nicht dem entspricht, was er tatsächlich ist. Denn oftmals muss er erfahren, dass die Motive seines Handelns und Kämpfens sich sehr stark von denen seiner Mitmenschen unterscheiden, und dass er dadurch Widerstände, Unverständnis und Einsamkeit zu erfahren hat. Er ist einer von jenseits, einer, der zur anderen Seite des Seins gehört.

Ein werdender Streiter Gottes ringt vor allem immer wieder mit seinem Gottesbild und mit seiner Beziehung zum Göttlichen. Dies tut er vor allem in den dunklen Stunden seines Lebens, wenn er sich Prüfungen gegenübergestellt sieht, welche das existenzielle Fragen nach dem Sinn seines Daseins in ihm aufsteigen lassen. Geht er aus diesem Kampf siegreich hervor, hat er zwar einen Schaden erlitten, d.h. er muss unbrauchbar gewordene Vorstellungen aufgeben; aber er hat eine kostbare Gabe erhalten, das Geschenk des Segens und eines neuen Namens, einer neuen Bestimmung, einer neuen Existenz im Lichte der Morgenröte spirituellen Erwachens. Immer wenn wir etwas abgeben und loslassen, was unserer Entwicklung nicht mehr förderlich ist, strömen uns neue Entwicklungsimpulse zu, die uns zum Segen werden und zu verändertem Handeln auffordern. Allerdings bemerken wir dies oft genug erst im Nachhinein.

Die Kämpfe jenes Menschen, der sich voll und ganz mit seinem materiellen Sein identifiziert, richten sich gegen die Impulse, die ihn zum Loslassen dieser Abhängigkeit führen möchten. Jener, der sich für einen spirituellen Weg wirklich entschieden hat, kämpft darum, sich zu entfalten und die Abhängigkeiten von äußeren Vorstellungen mehr und mehr aufzugeben. Aus dem Festhalten an längst überholten Vorstellungen erwächst uns das, was wir unsere Schwächen nennen. Nur weil ein Teil unseres Wesens noch fest davon überzeugt ist, dass wir voneinander getrennt existierende Geschöpfe sind, die keinerlei Verantwortung füreinander übernehmen müssten, kann es überhaupt erst zu egoistischem Verhalten kommen. Der eine Kampf wird geführt gegen die eigene Entwicklung, der andere hat diese zum eigentlichen Ziel.

Unser Weg, Agenten des Göttlichen zu werden, wird immer wieder beinhalten, dass wir unser Gottesbild mit unserer ganz persönlichen Erfahrung des Lebens abgleichen.

Die Vorstellungen, Bilder und Empfindungen, welche wir auf unsere eigene Weise mit dem Göttlichen verbinden, beinhalten all unsere Erfahrungen des Guten, Wahren und Schönen, wofür zu kämpfen sich lohnt und was uns Segen verheißt. Unsere höchsten Werte entwickeln sich dabei mit unserer inneren Entfaltung. Somit erschließen wir uns auf dem mystischen Pfad insbesondere jenen Teil unserer Existenz, der nicht in unseren rein äußeren Belangen besteht; wir lernen vielmehr die andere Seite kennen, die innere Welt, aus der sich alle äußeren Erfahrungen speisen und aus deren höherer Ebene letztendlich alles, was für uns Realität besitzt, hervorgeht.

Je mehr unsere Erfahrungen aus der höheren geistigen Welt, von jenseits des Flusses zu unserem Leben gehören dürfen und je mehr wir davon in unsere Weltsicht integrieren können, desto umfassender wird auch unser Verständnis vom Göttlichen sein. Dann werden wir es immer deutlicher als Urquelle alles für uns Existierenden erkennen. So bestimmt wiederum unser Gottesbild unser Bild von der Welt, vom Leben, vom Menschen und vor allem – von uns selbst. Daher können wir an diesem Punkt unserer Betrachtungen formulieren: Selbstentfaltung ist Bewusstseinsentfaltung. Bewusstseinsentfaltung ist Gottesentfaltung.

Was bedeutet für uns persönlich das Göttliche?

Welche Vorstellungen und Begriffe verbinden wir mit dem Gott unseres Herzens, wie die Rosenkreuzer ihn nennen, und wie spüren und erfahren wir unsere Beziehung zum Göttlichen in uns? Sicherlich lohnt es sich, über diese Fragen in der Stille zu kontemplieren und meditativ Impulse dazu aus unserem Inneren aufsteigen zu lasen… „Gott ist der Universale Geist, dessen Gedanken in der gesamten Schöpfung manifestiert sind und der alles durch die unveränderlichen und vollkommenen Gesetze belebt.“ So formuliert AMORC als der Alte und Mystische Orden vom Rosenkreuz in seiner Ontologie, seiner Auffassung vom Sein und Werden, jenes Gottesverständnis, welches in seiner Universalität als Grundlage jeder authentischen und initiatischen mystischen Belehrung gelten dürfte.

Wir haben gesehen, dass der erste Name, also der Vorname unseres Helden James sich auf Jakob zurückführen lässt und dass dieser Name das Aktivsein, den Kampf, die Auseinandersetzung mit sich selbst, der Welt und Gott und die dadurch bewirkte Verwandlung wesentliche Voraussetzungen dafür sind, ein Agent des Göttlichen sein zu können.

Was hat uns der zweite Name, der Nachname von 007, das englische Wort Bond, zu erzählen? Bond steht im Englischen für die Nomen Band und Bund und ebenso für das Verb verbinden. Dieses Tätigkeitswort hat wie im Deutschen ebenfalls die Bedeutung des Verbindens von Wunden und Verletzungen. Ein Agent für das Göttliche, also für das Höchste Gute, ist ein Verbindender, ein Ausgleichender und dadurch ein Lindernder und letztlich Heilender. In gewisser Weise ist er ein Arzt, der die Heilkräfte, welche dem Göttlichen entströmen, zur Linderung allen Leidens an seine Mitwesen vermittelt. Er verhilft den Kräften der Universalen Liebe durch seine Persönlichkeit zur Wirkung in der Schöpfung. Ein Agent des Göttlichen ist demnach ein Mittler höchster Kräfte.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir die sog. Erste Vergleichung, die sich der Fama Fraternitatis, einer der Urschriften der Rosenkreuzer aus dem 17. Jhdt. zufolge, die allegorischen acht Gründer der Brüderschaft des R.C. als brüderliche Vereinbarung selbst geben: Keiner solle sich keiner andern profession außthun, dann krancken zu curiren, vnd diß alles umbsonst.

Der Name Bond zeigt auch an, dass die Fähigkeit des Vermittelns und Verbindens sich nur aus einer innigen Rückbindung und Verbindung mit dem Göttlichen ergeben kann. Worin dieses Verbundensein und das daraus resultierende Verbinden können bestehen, wollen wir veranschaulichen, indem wir die Anfangsbuchstaben des Namens unseres Topagenten näher untersuchen.

James Bond und die zwei Säulen des salomonischen Tempels Jachin und Boas

Wenn wir uns ein wenig mit der rosenkreuzerisch-mystischen Symbolik befassen, bemerken wir, dass J und B zwei höchst bedeutsame Lettern sind. Diese beiden Buchstaben stehen für nichts Geringeres, als die biblischen Namen der zwei Säulen am Portal des Tempels Salomos zu Jerusalem. Diese heißen traditionellerweise Jachin und Boas und haben in der abendländischen initiatischen Tradition, also auch im Rosenkreuzertum, ihren festen Platz und eine vielschichtige Bedeutung.

Jachin, der Name der Säule auf der rechten Seite des Portals, bedeutet: Ich, Gott, werde aufstehen; er wird aber auch mit Gründung übersetzt. Sie ist die Säule der Entfaltung, des Aufstieges, der Verwandlung und stufenweisen Evolution allen Seins und Bewusstseins. Boas, so wird die linke Säule genannt, bedeutet: In mir, Gott, ist Stärke, weshalb sie als die Säule der Stärke oder der Strenge bezeichnet wird. Sie steht für die Stabilität der Form, für das Materielle, aber auch für den Tod, die Endlichkeit alles Geschaffenen und die unumstößlichen Gesetze, durch welche sich der göttliche Wille in der Schöpfung manifestiert. Struktur, Form, Begrenzung und Rahmen für Entwicklung verbinden sich mit der Säule Boas.

Diese beiden Säulen stellen ein Urbild der Dualität dar, welche das Erhaltungsgesetz der gesamten Schöpfung ausmacht und weswegen der Mensch sich in ihr als duales Wesen erfährt. Jachin, die mit der hebräischen Letter Jod in Verbindung steht, und dem kosmischen Impuls, dem geistigen und belebenden Prinzip entspricht, braucht Boas – korrespondierend mit der hebräischen Letter Beth – das Gebäude, das Haus, um sich darin und dadurch zu manifestieren. Die beiden Buchstaben J und B erzählen also von unserem Auftrag, als Agent Gottes die von uns erlebten Gegensätze des Lebens bewusst zu verbinden und dadurch auszugleichen. Diese Fähigkeit ausgleichen, verbinden und dadurch verwandeln zu können, ist die wahre Macht, die göttliche Kraft, die Gott im Wesen des Menschen angelegt hat und deren Entfaltung und Anwendung nach mystischer Auffassung unser wahrer Lebensauftrag ist.

Der wahre göttliche Schatz universaler und tätiger Liebe

Louis-Claude de Saint-Martin, der Unbekannte Philosoph, auf welchen sich die Tradition des Martinismus stützt, begründet diesen besonderen Auftrag des Menschen in seinem Werk über den Dienst des Geistmenschen indem er schreibt:

Denn hätte diese Welt ein vollständiges Zeugnis von Gott und von seinen Kräften ablegen können, dann würde er sich mit diesen Zeugen begnügen, und nicht nötig gehabt haben, den Menschen zu erschaffen. In der Tat, Gott hat ihn nur erschaffen, weil das ganze Universum, trotz aller Herrlichkeiten, die es vor unseren Augen ausbreitet, niemals die wahren göttlichen Schätze hätte offenbaren können.

Von welchen wahren göttlichen Schätzen ist hier die Rede? Wir können sie als die Kräfte und Tugenden der Seele bezeichnen, die nach rosenkreuzerischer Auffassung das lebendige Wesen der so genannten Allseele ausmachen und ihrer Natur nach stets verbindend, einend und harmonisierend wirken. Die Allseele belebt das ganze Universum. Die Wesen, welche dieses bevölkern, vermögen ihrer evolutionären Stufe entsprechend diese Seelentugenden mehr oder weniger umfassend zum Ausdruck zu bringen. In ihrem höchsten Ausdruck bilden diese Kräfte die Universale Liebe, zu deren Diener wir uns als Menschen durch unsere freie Entscheidung nach und nach verwandeln können.

Der Mensch ist das Wesen, das so beschaffen ist, dass es auf seinem Entwicklungsweg den wahren göttlichen Schatz universaler und tätiger Liebe in sich erwecken und diesen durch seine Gedanken, seine Worte und sein Tun an alle Wesen verströmen kann. Er verbindet, was getrennt ist, er belebt, was tot scheint, er gleicht aus, was kein Maß hat, er schafft Frieden als den Zustand, der entsteht, wenn Zwei zu Einem werden. Friede ist Fluss des Lebens und nicht Stillstand; Friede ist die Wirkung der alles integrierenden Liebe.

Franz von Assisi hat ein Gebet verfasst, das jede weitere Erklärung zu diesem Zusammenhang erübrigt und das uns helfen kann, in unserem Leben alle Kräfte der Liebe und des Friedens unseren Mitwesen, aber auch uns selbst gegenüber zu offenbaren.

Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens. 
Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen. 
Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen. 
Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen. 
Wo Zweifel herrscht, lass mich Vertrauen entfachen. 
Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen. 
Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen. 
Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen.

O Herr, lass mich trachten: 
nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste, 
nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe, 
nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe, 
denn wer gibt, der empfängt, 
wer sich selbst vergisst, der findet, 
wer verzeiht, dem wird verziehen, 
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

M │ Der innere Meister

Kommen wir zu unserem Helden James Bond zurück, zu J.B. Von wem erhält er seine Weisungen; wer ist also sein Chef und wie heißt dieser? Richtig, sein direkter Vorgesetzter wird in Ian Flemings Romanen und den auf ihnen basierenden Filmen nur M. genannt. Die echten James Bond Kenner wissen, dass dieses M für den Vornamen Miles steht, den wir in dem Film Der Spion, der mich liebte ganz beiläufig erfahren, sofern wir genau aufpassen.

James Bond dient zwar im Geheimdienst Ihrer Majestät, also in letzter Instanz der Queen, der Königin; er erhält die Aufträge und Informationen für seine Mission jedoch stets von M., nicht von Ihrer Majestät persönlich. Diese Abkürzung M. steht in unserem Zusammenhang für den Meister und J.B. nimmt regelmäßig Kontakt zu M., seinem Meister, auf. Auf uns als werdende Agenten des Göttlichen übertragen, bedeutet dies nichts anderes als die Notwendigkeit, uns regelmäßig mit unserem Inneren M, unserem Inneren Meister zu verbinden, um von ihm Führung und Inspiration zu erhalten.

Unser innerer Meister ist der Vermittler zwischen dem überpersönlichen Göttlichen und unserem individuellen Bewusstsein. Er verkörpert jenen Anteil unseres innersten Wesens, der ständig mit der höchsten Ebene des Seins in Beziehung steht und von dort die Lebensimpulse für unsere Entfaltung empfängt und stets bereitwillig an unser Bewusstsein weitergibt. Seine Stimme ist nicht laut oder aufdringlich. Sie teilt sich als Gewissen, Intuition, Inspiration oder ganz allgemein als Stimme der Weisheit unseres Herzens mit.

Wir dürfen uns regelmäßig die Frage stellen, ob unser Innerer Meister tatsächlich unser Meister, oder etwas salopp gesagt, unser Chef ist.

Wenn wir diese Entscheidung – immer wieder aufs Neue – bewusst treffen, verbinden wir uns mit der Stimme des Göttlichen in uns. Wir verbinden uns mit unserem Gewissen, wenn wir die ethische Tragweite einer jeden Entscheidung ermessen und uns danach richten; wir verbinden uns mit unserer Intuition, wenn wir schnell und ohne länger abwägen zu können, der Situation angemessen reagieren; wir verbinden uns mit unserer Inspiration, wenn wir unsere Aufgaben kreativ und aufbauend zu erfüllen wünschen; und wir verbinden uns mit der Stimme der Weisheit unseres Herzens, wenn wir wichtige Fragen ganzheitlich beantworten oder jemandem in schwieriger Lage aus unserem Herzen heraus in Liebe und Verantwortungsbewusstsein raten.

Alle Mystiker und Meister der rosenkreuzerischen Tradition betonen immer wieder sinngemäß folgenden Zusammenhang. Zum Agenten Gottes können wir erst dann werden, wenn wir uns von den sanften Impulsen unseres Inneren Meisters leiten lassen, wenn wir also aufhören, nur Agenten unseres Eigenwillens und unserer Angst und dadurch unserer rein egoistischen Ziele zu sein. Den eigenen äußeren Willen in Einklang zu bringen mit unserem inneren Willen, immer wieder vertrauensvoll und mutig zu unserem Inneren Meister zu sprechen „Dein Wille geschehe!“, bedeutet, unseren Willen zu befreien von egoistischen und angstgeleiteten Antrieben. So wird unser Wille tatsächlich frei im besten Sinne dieses Wortes; wir erleben dann das, was man Freiheit nennt. Wahre Freiheit könnten wir daher bezeichnen als das Freisein von Angst. Wir können diesen Zustand mit dem wahren inneren Frieden gleichsetzen, den wir uns und unseren Mitmenschen immer wieder in brüderlichem Geist gegenseitig wünschen.

Um uns zu vergegenwärtigen, wie wir zu wahrem innerem Frieden und dadurch zu wahrer innerer Freiheit gelangen, kommen wir ein letztes Mal zu unserem modernen Ritter J.B. zurück.

Wie wir gesehen haben, vereint er in seinem Namen und damit in seiner allegorischen Persönlichkeit beide Seiten der Polarität.

Er kennt den Kampf, aber auch den Friedensschluss, er weiß um das Böse und lässt es durchaus für seine eigenen Bestrebungen arbeiten, doch hat er klare Vorstellungen vom Guten, dem er dient; er genießt das sinnliche Leben, stellt seine Mission jedoch im entscheidenden Augenblick immer in den Vordergrund. In ihm haben beide Seiten der Dualität ihren Raum und daher fällt uns immer wieder auf, mit welcher Leichtigkeit er zwischen den beiden Säulen des Lebens navigiert. Diese Fähigkeit erwächst ihm aus seiner Freiheit von Angst.

An der Figur des James Bond, der ständig zwischen Leben und Sterben steht, ist deutlich geworden, dass Angst, in welcher Form auch immer sie uns begegnet, letztendlich die Furcht vor dem Tode ist, also vor der Veränderung, vor dem Loslassen und vor der unumkehrbaren Entscheidung. Angst haben wir vor dem, was ungewiss vor uns liegt; sie hängt mit unseren Vorstellungen zusammen und bewirkt, dass wir nicht mehr mit dem Augenblick verbunden sind. Wenn wir Angst haben, können wir die Impulse des Augenblicks, die sanften Hinweise unseres Inneren Meisters, nicht mehr wahrnehmen; wenn wir Angst haben, sind wir abgeschnitten von unserem Kontakt mit unserem Inneren. Wir sollten also auf unserem Weg immer wieder an unserem Denken und an unseren Vorstellungen arbeiten, die wir formen und beeinflussen können, so dass wir uns nicht mehr vor ihnen fürchten müssen, sondern sie in aufbauende und stärkende Kräfte für uns selbst und unsere Welt wandeln.

Die Inkarnationen des Göttlichen Feuers

So dient der Ritter des Königs nicht mehr der Aktualität und Unbeständigkeit äußeren Lebens allein, sondern er hat die Güte, die Wahrheit und die Schönheit der allumfassenden Realität geschaut und sich zu ihrem Instrument gemacht. Ein solcher Mensch hat die Dualität des Lebens in sich vereint und gleicht sie durch sein Handeln aus; so schreitet er zwischen den beiden Säulen Jachin und Boas hindurch ins Innerste des Heiligtums und wird auf diese Weise ein wahrer Agent des Göttlichen, ein Diener, Bewahrer und Verteidiger des Tempels und des Lichtes, das dort auf ewig brennt.

Menschen, die einen solch hohen Zustand des Bewusstseins von der Einheit allen Seins erreicht haben, die durch dieses Einssein mit sich Selbst und mit dem Höchsten Selbst zu Flammen der Liebe geworden sind und die sich sodann aus wahrhaft freiem Willen dazu entschließen, die Welt der Dualität aufzusuchen, um den dort lebenden Wesen Linderung ihrer Leiden und Stärkung auf ihrem Weg zu bringen, bezeichnet die mystische Tradition als Avatare, als Inkarnationen des Göttlichen Feuers.

Persönlichkeiten, die sich derart über die Dualität erhoben haben, dass sie nicht mehr in einem materiellen Leib leben müssen, um die für ihre Entwicklung notwendigen Erfahrungen zu sammeln und die dennoch aus reiner Liebe einen materiellen Leib anlegen, um uns Irdischen zu helfen, selbst eines Tages jene Ebene des Friedens zu bewohnen, sind nach rosenkreuzerischer Überlieferung Meister wie Krischna, Buddha, oder, als einer der Höchsten Agenten, Jesus, der den Titel des Christus trägt.

Während ihrer Mission haben sie uns ihre Lehren und ihre Liebe geschenkt, um nach ihrer Transition von der kosmischen Ebene aus weiterhin ihren Liebesdienst für unsere Entfaltung zu versehen, uns zu inspirieren, zu schützen und zu leiten. Sie tun dies für uns aus der Stille und dem Frieden ihres hohen Zustandes heraus, wie es die Sterne allnächtlich tun, die uns ihr sanftes Licht schenken, damit wir Orientierung, und Sicherheit erfahren und sich die heilige Demut vor der unermesslichen Weisheit, Stärke und Schönheit des Göttlichen in unserer Seele entfache. Die höchste Tugend, welche unser Entfaltungsprozess in uns hervorzubringen vermag, bezeichnen die Meister als jene Demut des Mystikers, die ihn zu Arbeit und Verehrung für das Große Werk des Schöpfers begeistert.

Wollen wir uns in diesem Sinne regelmäßig in der Stille vereinen und unserer Erde und der gesamten Menschheit Gedanken der Liebe, des Friedens, der Freiheit und der Gesundung senden, so wie es die Meister ständig als Agenten im geheimen Dienst des Göttlichen für uns tun und durch diese geistige Arbeit unseren ganz persönlichen Beitrag zur spirituellen Entfaltung des Menschengeschlechts auf unserem Planeten leisten.

20.04.2021
Alexander Wendt
Bild und Text (c) AMORC
www.amorc-verlag.de
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