Yggdrasil und unsere Ahnen – der Weltenbaum

Yggdrasil und unsere Ahnen – Der Weltenbaum Eibe und die Hüter des Lebens

Lehren der Eibe, Teil 2
In diesem zweiten Teil beleuchtet Fred Hageneder die Kulturgeschichte der Eibe, ihren Zusammenhang mit der uralten Kosmologie des Weltenbaumes, und wie das nicht nur unser Weihnachtsfest sondern unser ganzes Leben bereichern kann.

Yggdrasil und unsere Ahnen

a) Die männliche Seite
Die Völuspa, das altgermanische Nationalgedicht Islands, beginnt mit der Anrede an die Menschheit als „heilger Sippen hoher und niedrer Heimdallssöhne“ (beginnende patriarchale Strukturen, wie schon gesagt). Das ist die in Teil 1 erwähnte Anerkennung, dass der Weltenbaum unser aller Urahn und Ursprung ist. Auch im alten Irland sahen die Kelten ihrer Abstammung von den Bäumen.

Könige bezogen ihr politisches Recht auf den Thron aus dem Anspruch, von der heiligen Eibe abzustammen. So nannte sich die Dynastie, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert in der Grafschaft Munster herrschte, die Eoganacht, von eo, „Eibe“. Und als der mythische Held Cú Chulainn zu seiner Ausbildung in den Kampfkünsten bei der geistigen Lehrerin Scáthach ankommt, findet er sie „in einem Eibenbaum“, um den ihre lauschenden Söhne sitzen.

Das weißt auf einen Baumkult hin, und auf sie als Priesterin, und darauf, dass die Kampfausbildung der alten Kelten erstmal damit begann, einem uralten Baum zu lauschen.

Auch über die Herkunft des germanischen Heimdallr erfahren wir mehr. Sein Name heim-dallr bedeutet wörtlich „Weltenbaum“, und als Hüter der Regenbogenbrücke zur höheren Dimension ist er also diejenige Kraft, die das Licht der höheren Daseinsebene schützt und den geistigen Pilgern Zugang zu diesem Licht gewähren kann.

In uralten isländischen Texten wird Heimdallr der Sohn von neun ividiur, „Eibenwurzeln“, genannt. Diese werden als neun göttliche Schwestern beschrieben. Ein Baum also, der aus neun Wurzeln genährt wird. Ein geistiger Lichtbringer, der von einer neunfältigen Göttin abstammt.

Neun ist übrigens die Zahl der Erde, man denke an die „grüne Neune“. Im von Platon beschriebenen Weltbild des Altertums besteht die Welt aus neun konzentrischen Sphären. Dies sind die sieben Sphären der in der Alten Welt bekannten Himmelskörper (Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn; daher hat auch der jüdische Kerzenleuchter sieben Flammen), die achte und äußerste Sphäre ist das Universum (mit seinen zwölf Regionen des Zodiaks, und im germanischen Mythos den zwölf Asen) und die neunte, innerste Sphäre ist die Erde.
Neun ist die Zahl der Erde (und somit des Weltenbaumes, wie er von den Bewohnern dieser Erde beschrieben wird).

Als licht- und erkenntnisbringender Sohn der Urmutter entspricht Heimdallr = Yggdrasil dem alten sumerischen Gott Ea, der (bereits drei bis vier Jahrtausende zuvor) als der Weltenbaum und Gott der Weisheit verehrt wurde und dafür, dass er den Menschen Kultur, Wissen und Ethik geschenkt hatte. Eine andere Parallele führt wiederum zu den alten Griechen, die die neun Musen verehrten, die ja bekanntlich ebenfalls Inspiration schenken. Ihr Name bedeutet „Berggöttinnen“ (in Mittelmeerraum kommen Eiben nur in den Bergen vor).

Eine andere germanische Gottheit, die mit der Eibe eng verwoben ist, ist Ullr. Er ist ein Bogenschütze (Eibenholz ist seit Jahrtausenden das beste Holz für Bögen) und lebt passenderweise im „Eibental“, Ydalir. Im Winter bewegt er sich auf (Eibenholz-?) Skiern.

Ullr wird heute generell als ein Alter Ego des Odin aufgefasst (insbesondere in seinem schamanischen Aspekt) und hat damit, wie der griechische Apollo, eine Verbindung zur Prophetie. Weiterhin galt ein Eid, der auf Ullr geschworen wurde, als größtmöglicher Garant der Treue und Verlässlichkeit. Der Name einer anderen, nicht näher beschriebenen nordischen Gottheit, Ivaldi, war vermutlich ein Beiname des Ullr, und eine Form von Iwawaldan, der „in der Eibe Waltende“ oder auch „Gemahl der Eibe(ngöttin)“.

Ullr ist die germanische Version des Ap-Ull, des griechischen Apoll (Apollon). Und es gab auch einen interkulturellen Austausch: Apolls großes Sanktuarium in Delos empfing jährlich Opfergaben aus dem Lande Ullrs im Norden. Diese Gaben wurden von einer Delegation entlang der Bernsteinroute nach Griechenland gebracht. Wie alle griechischen Gottheiten hatte Apoll viele Zuständigkeitsbereiche, er war u.a. der Gott des Lichts, der Heilung, der Musik und Dichtkunst.

Und der Weissagung: Das Orakel von Delphi, an der Schlangenpriesterinnen in Trance weissagten, war ihm geweiht. Apoll geht auf die anatolische Gottheit Apulunas zurück, der ein Beschützer der Tore ist. Das war aber auch die Funktion der Eibe in der hethitischen Kultur Anatoliens.

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© Fred Hageneder-Weltenbam-Eibe

Alte Keilschrifttafeln verraten uns damalige Segenssprüche und Gebete, die mit dem Schutz (heiliger) Räume zu tun haben: „Der Eibenbaum, der am Altar platziert worden war, der Priester … bereitet ihn vor“, „Sie bringen Eibenbäume zum Haus Gottes“, „An dessen Tor die Eibe sichtbar ist [dessen Haus ist frei von Betrügern]“, „Vor ihnen soll ein Eibenbaum stehen, als Zeichen ihrer Freiheit“. Jahrhunderte später, im klassischen Griechenland, stand Apollon Agyieus in Form einer geweihten hölzernen Säule vor den Häusern, um Böses von den Türen abzuwehren.

b) Die weibliche Seite
Doch das Interessanteste an Apoll ist seine Herkunft. Er und seine Zwillingsschwester Artemis sind Kinder der Leto, einer aus Karien (heute südwestliche Türkei) stammenden Muttergöttin. Viele Abbildungen von ihr zeigen sie als kourotrophos, als Frau mit einem kleinen Kind auf dem Schoß – was übrigens weltweit eines der ältesten Motive in religiöser Kunst ist (daher auch jene oft als „Maria und Jesus“ interpretierten Artefakte, die deutlich älter als das Christentum sind).

Im hellenischen Mythos war der Baum, unter dem Leto gebar, zu einer Palme geworden, aber Leto ist die ursprüngliche Göttin von Ephesos, wo die legendären Amazonen die Göttin in einem immergrünen heiligen Baum verehrten. Bei der Errichtung des Heiligtums, so hieß es, führten die Amazonen einen Schildtanz bei dem Baume auf, danach einen Rundtanz, begleitet von verschiedenen Rasseln, dem rhythmischen Stampfen des Bodens und mit dem Klang von Flöten.

Tanz spielte generell eine wichtige Rolle in den alten Religionen. Über die ephesianische Göttin, also Leto, später ihre Tochter Artemis, sagt der Religionswissenschaftler R. F. Willetts, dass sie als „über das gesamte Reich der Natur herrschend verstanden wurde: die Elemente, die Fruchtbarkeit des Bodens, das Leben der Tiere und der Menschen.

Der heilige Baum markierte ihre Geburtsstätte… Dies war der Ursprung dieser Religion.“
Der ephesianische Baum darf mit Sicherheit als Eibe verstanden werden, der immergrüne heilige Baum der Hethiter. Die ältesten Reste des Baumschreines wurde an der nördlichen Flanke des Hügels gefunden (nicht identisch mit der Position des späteren Tempels), die Nordausrichtung ist typisch für Eiben in südlichen Klimagebieten.

Mit den Amazonen (heute würden wir sagen: waffenfähige, unabhängige Feministinnen 😉 sind wir nun in matriarchalen Traditionen angekommen. So ging der Sohn Apoll auswandern (nach Delos und Delphi), während seine Schwester Artemis das Heiligtum erbte. Später, in hellenischer Zeit, war der Tempel der Artemis in Ephesos zu einem der größten Heiligtümer in der griechischen Welt geworden und galt vielen als der beeindruckendste von allen. Er zählte zu den sieben Weltwundern.

Artemis ist wie ihr Bruder eine Meisterin im Bogenschießen (wir erinnern uns: Eibenholz) und sie ist die Göttin des Waldes mitsamt seinen Flüssen und Quellen. Sie ist die Beschützerin der Tiere und Pflanzen sowie von Frauen und Kindern, und sie zählt zu den zwölf großen olympischen Göttern. Ihr Vater war Zeus, der Geist des hellen Himmels.

Wie ihr Bruder liebt sie Tanz und Musik. Ihr entspricht Diana in der römischen Mythologie. Wie viele griechische Göttinnen wurde Artemis als „Jungfrau“ bezeichnet. Im krassen Unterschied zu heute bedeutete das im Altertum die vollständige Unabhängigkeit einer Frau oder Göttin von einem männlichen Partner; dieser Beinamen hatte nichts mit ihrem Geschlechtsleben zu tun.

Das bemerkenswerte an Artemis ist jedoch, dass sie als Bogenschützin weniger Jägerin war als Racheengel gegen diejenigen menschlichen Jäger, die mehr Tiere töteten, als sie brauchten, oder gar Tieren unnötiges Leid zufügten. Da das mit zunehmender Patriarchalisierung und Urbanisierung anscheinend damals schon zunahm, hatte sie dabei Unterstützung von den Moiren und v.a. den Furien.

Die Moiren (Moirai), auch Grazien genannt, weben die Geschicke der Menschen und aller Wesen zum großen Gewebe der Schöpfung, daher stellte man sie sich oft als spinnend und webend vor. Die Moiren sind Töchter der Göttin „Notwendigkeit“ und während sich die Planeten in ihren Umlaufbahnen bewegen, stimmen sie ein in die Musik der Sphären.

Bei den Hethitern webten die Schicksalsgöttinnen unter uralten Bäumen und ritzten die Lose für die Menschen. Im germanischen Mythos sind es die Nornen, die am Fuße Yggdrasils sitzen und jeden Morgen unter Beirat der zwölf Asen die Geschicke weben und Runenstäbe werfen.

Die Furien (Erinyes) sind die Agenten, die die Erfüllung der Beschlüsse der Moiren sicherstellen. Man rief sie als Zeugen beim Schwur von Eiden an, den Eide bewirken einen Auftrag, ein moira („Schicksal“). Zu Anfang ihrer Geschichte waren die Erinyen moralisch neutral – darum wurden sie auch Eumeniden, „die Gütigen“, genannt –, aber das allgemeine Verständnis von göttlicher Gerechtigkeit änderte sich und schließlich betrachtete das wachsende Schuldgefühl einer späteren Epoche ihre Aktivitäten als Strafen und die Gütigen selbst als gnadenlose Rächerinnen.

In der hellenischen Zeit waren sie sehr gefürchtet, man stellte sie sich vor als unberechenbare wilde Frauen, die Fackeln aus Eibenholz schwingen und das Übertreten der (göttlichen) Gesetze mit Eibengift ahnden – die Eibe war ihnen heilig. Es ist auffällig, dass die Erinyen insbesondere die Verletzungen rächen, die einer Mutter zugefügt worden sind, was eine vorpatriarchale Herkunft vermuten lässt. Der heilige Eibenzweig gibt ihnen die absolute Ermächtigung zur Fällung und Ausführung von Urteilen.

Die Nornen wie auch die Moiren stehen weniger für das Schicksal des Einzelnen sondern mehr im ganzheitlichen Sinne für die harmonische Ordnung der Welt. „Die Gütigen“ finden sich in deutscher Überlieferung in „den Holden“, freundlichen Geistern, einem stillen unterirdischen Volk, deren Prinzessin Holde (Frau Holle) ist. Ihre Hauptaufgabe war die Führung der Seelen nach dem Tode. In den Eddas ist ihre Königin Huldre oder Hel, „die Verschleierte“.

Bei den germanischen Stämmen war es die Göttin Freyja, die wie ihre östlichen Entsprechungen das Geheimnis der Erneuerung kannte und die Fäden von Leben, Tod und Wiedergeburt in der Hand hatte. Freya hat die meisten Aspekte einer Göttin der Natur und der Wildnis mit Artemis gemeinsam, wie diese ist sie auch die Schutzherrin von Fruchtbarkeit und Geburt.

Wie Artemis hat sie einen Bruder, Freyr. Und wie Artemis war sie äußerst beliebt bei ihrem Volk. Freyja wird ebenfalls mit Spinnen und Weben assoziiert. Und Freya ist die Erz-Hexe, die Herrin des seidr, der schamanischen Kunst des Nordens – ihre Macht liegt im Bereich der Transformation. Sie ist die Göttin der Liebe wie des Todes (ähnlich der Aphrodite); „bis ich bei Freya bin“ bedeutet „bis zum Ende dieses Lebens“.

Denn ursprünglich war sie es, die die Seelen der Toten empfing (in einer andersweltlichen Hochzeit, wie Persephone); erst viel später, in der Wikingerzeit, propagierte die Kriegeraristokratie, dass die Hälfte der Toten von Odin in seiner Kriegerhalle Valhalla aufgenommen werden würde. Die einzigen Göttinnen, die wiederholt in den germanischen Mythen vorkommen und bis in die Wikingerzeit auch tatsächlich verehrt wurden, sind Freya und die etwas häuslichere Frigg (Göttin der Ehe, Odins Gemahlin und somit Königin des Himmels).

Ihre Grenzen erscheinen allerdings verschwommen und es ist wahrscheinlich, dass sich beide aus einer einzigen ursprünglicheren germanischen Göttin entwickelt haben. Das wenige, was uns zu Freyja erhalten geblieben ist, weist aber deutlich auf die einstige politische und geistige Bedeutung einer großen Göttin des Nordens, die die Macht hatte, über den Aufstieg und Fall von Königen zu bestimmen.

Freya besaß die Hoheit über das Land (siehe den Ritus der Heiligen Hochzeit in Teil 1). Nach ihr ist unser Wochentag Freitag benannt (Freyja-Tag).
Eine weitere Erscheinungsform von Freyja als einer Göttin von niemals versagender Regenerationskraft ist die Gestalt der Idun (Iduna), die heute oft als Frühlingsgöttin bezeichnet wird.

Sie ist diejenige, die die Asen mit den „Äpfeln der ewigen Jugend“ versorgt, d.h. sie kennt das Geheimnis der Regeneration. Als Idun von Riesen entführt wird (chtonischen = der Erde zugehörigen Urwesen), kann sie mithilfe von Freyas Federgewand zurückgebracht werden, nachdem sie sich in eine „Nuss“ verwandelt hat.

Ist diese Figur, die das Geheimnis der Unsterblichkeit kennt, magische „Äpfel“ verteilt und sich selbst aus einer Nuss heraus verjüngen, vielleicht selbst ein Baum? Man sollte dazu wissen, dass am selben Eibenzweig Früchte in unterschiedlicher Reife hängen können: kleine grüne, die als Nüsse bezeichnet werden, und reife rote, die man bis ins Mittelalter hinein noch „Äpfel“ nannte.

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© Fred Hageneder-Abb.: An der weiblichen Eibe können „Nüsse“ und „Äpfel“ direkt nebeneinander wachsen.

Die Genealogie der Edda enthüllt zudem, dass Idun die Tochter von niemand anderem als Ivaldi ist, dem „der in der Eibe waltet“, und der üblicherweise mit Ullr assoziiert wird.

Wie im Abschnitt Botanik erläutert, verkörpert kein anderer Baum das Geheimnis der Erneuerungskraft und des langen (ewigen) Lebens so klar wie die Eibe. Kein Wunder also, dass unser Wort „Eibe“ vom althochdeutschen iwe, iwa stammt, was eine Umkehrung von ewi, ewa, „Ewigkeit“, ist. Im Angelsächsischen heißt die Eibe eo, was „immer, fortwährend“ bedeutet.

Mittwinterbräuche

Mögen die Zweige des Baumes im Wind der Zeiten rauschen, aber im Inneren des Stammes herrscht Stille. Die Mitte des Weltenbaumes ist die Weltenachse, um die die Welt sich dreht, die Nabe des Rades der Wiedergeburten, die das Tor zur Ewigkeit ist. Und das Rad der Zeit, nämlich des Jahreskreises, dreht sich um die Wintersonnenwende (21. Dezember, bekannt als „längste Nacht des Jahres“), an der die lebensspendende Sonne für drei Tage stillzustehen scheint.

Dies wurde in vielen alten Kulturen als eine besonders feierliche Zeit verstanden. Nach den drei Tagen seiner Unterweltfahrt wird am 25. Dezember der Sonnengott neu geboren. Weil diese Festzeit bei den Menschen nicht auszumerzen war, hat schließlich auch die christliche Kirche (auf einer Synode im 4. Jahrhundert) das Feiern des Geburtstages ihres Heilandes erlaubt und auf diesen Tag gelegt: das heutige Weihnachten. Dennoch wurden heilige Bäume sehr selten im christlichen Europa.

Doch der Brauch eines häuslichen Weihnachtsbaumes entwickelte sich unbemerkt von den kirchlichen Autoritäten in einer Art breiten Grassroots-Bewegung, tauchte schließlich aus der Versenkung auf und breitete sich in den letzten nur zweihundert Jahren rasant aus – ein später und völlig unerwarteter Triumph für den Weltenbaum (auch wenn es nun eine Tanne oder meist eine Fichte ist und keine Eibe).

Erstaunlicherweise ist die Eibe den ganzen Winter über (bis –8ºC) fähig, Photosynthese zu betreiben. D.h. um Mittwinter ist die Eibe der einzige europäische Baum, dessen Stoffwechsel noch aktiv ist, während alle anderen Bäume „schlafen“. Zweifellos haben unsere naturnahen Vorfahren das gespürt. So finden wir denn auch in den alten angelsächsischen Bauernkalendern die Eibenrune an der Position der Wintersonnenwende.

Die Sachsen feierten die drei längsten Nächte des Jahres als die „Mutternächte“ (Modraneht), mit einem rituellen Abstieg in eine Höhle, ins Dunkle, während bei den Skandinaviern die Wintersonnenwende (21.12.) der Beginn der „Julzeit“ war (von hjól, „Rad“, gemeint ist das Jahresrad).

Die Julzeit war ein freudvolles Fest, das dreizehn Tage andauerte. In Deutschland haben sich die zwölf Rauhnächte erhalten, die leicht verchristlicht meist ab dem 25. 12. gezählt werden. Aber egal, wann man genau mit dem zählen beginnt, diese Zeit „zwischen den Jahren“ ist gerade dazu da, nicht mehr zu zählen und aus dem Hamsterrad auszusteigen, eine besinnliche Zeit mit sich selbst zu verbringen und mit Kindern, welche noch spontan im Moment leben können.

Der Brauch, unter den heiligen Baum Geschenke zu legen, geht auch auf die Hethiter zurück: Als Teil ihrer Fruchtbarkeitsriten zum Jahresbeginn wurden (vor knapp 3000 Jahren) Symbole des Glücks, der Gesundheit und des Wohlstands in kleinen Schafsledersäckchen in die Zweige des heiligen Baumes gehangen.

Damals ging der Mensch freilich noch zum Baum, anstatt ihn abzuschlagen, um ihn ins eigene Heim zu holen – das könnte man ja auch mal probieren, mit oder ohne Familie. (Die Eibe ist übrigens in Deutschland und Österreich vollständig geschützt und in der Schweiz gut bewacht.
Die üblichen Fichten sind vollständig okay, um unsere Kinder zu bezaubern!)
In diesem Sinne wünsche ich allen gesegnete – und plastikfreie – Weihnachtstage.

Auf dieser Zeitreise mit der Eibe haben wir eine uralte Kosmologie kennengelernt, in der die Phasen des Jahreskreises ebenso gefeiert werden wie die Wiedergeburt der Natur und der Seelen, die in gewaltigen Zyklen durch die verschiedenen Bewusstseinsdimensionen reisen.

Eine Weltsicht, die allen Völkern (wenn auch in unterschiedlicher kultureller Ausprägung) bekannt war, und in der alles Leben heilig ist. Eine Philosophie, die zu einem tiefen ökologischen Verständnis und staunender Ehrfurcht vor der Natur führt. Und die uns lehrt, dass es keinerlei Gründe für Rassismus, Sexismus und andere Vorurteile gibt, denn wir sind alle gleichermaßen kleine Früchtchen am Baum des Lebens.

Unsere hier erwähnten göttlichen Ahnen erinnern uns daran, dass wir Hüterinnen und Hüter des Lebens sind. Erzählen wir unseren Kindern davon! Denn was kann wichtiger sein in dieser gegenwärtigen Phase der Erderwärmung und skrupelloser Zerstörung der Lebenswelt, als sich einzusetzen für eine gesunde Erde, auf der alle ihre Bewohner glücklich sein können.

29.11.2018
Fred Hageneder

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